Die aller-einfachste Art, einen Unterschied für die Erde zu machen

Der Fluss Whanganui in Neuseeland hat es geschafft: Er ist vor dem Gesetz wie eine menschliche Person zu behandeln. 

Am Anfang jeglicher Nutzungsüberlegungen für den Fluss stünde damit die Sicht auf ihn als als lebendiges Wesen, sagte ein Sprecher der indigenen Whanganui-iwi, die nach 140 Jahren Verhandlung, nun als Vertreter des Flusses handeln dürfen.

Menschen aus indigenen Kulturen sprechen es einfach aus, NaturwissenschaftlerInnen erforschen es erst Stück für Stückchen – das was im Mainstream trotzdem hartnäckig tabu scheint: Die Natur ist höchstwahrscheinlich ebenso beseelt, wie wir Menschen – voller Intelligenz, Empfindungsfähigkeit und vielleicht sogar Bewusstsein.

Empfindungen und Werte scheinen die Basis aller Lebensprozesse zu sein, auch bei Tieren, Pflanzen oder Kleinstlebewesen. Selbst auf Zellebene könne man feststellen, dass Leben nicht denkbar wäre ohne Gefühle, schreibt der Biologe und Philosoph Andreas Weber.

Die Puzzleteile sind zahllos

Der Hirnforscher Jaak Panksepp, der eine artenübergreifende „Affektive Neurowissenschaft“ entwickelte, spricht es aus: „Der verbreitete Glaube, dass allein die Aktivität des menschlichen Großhirns Kernaffekte [=Emotionen, Anm. d. Verf.] hervorzubringen vermag, ist so naiv wie das geozentrische Weltbild.“

Wir stehen vor einer tiefgreifenden Wende der Kernauffassungen unserer Zivilisation. Im Grunde genommen geht es darum, als Menschheit von der irrigen Annahme zurück zu treten, es müsste sich alles in der Natur letztendlich doch um uns selbst und unsere Lebensgrundlagen drehen.

Wir brauchen viel mehr Respekt vor der natürlichen Welt, so viel wie wirklich notwendig ist, um ihr Wohlergehen und Gedeihen nicht weiter zu zu zerstören.

Respekt braucht Augenhöhe

Viele indigene Kulturen sind HüterInnen von Artenvielfalt in den Ökosystemen, die sie noch selbst bewirtschaften dürfen.

Sie haben raus, was wir uns selbst ab-ringen und von Großkonzernen fordern: Selbstbeschränkung gegenüber der natürlichen Welt, um diese eben nicht auszubeuten. Klar hilft dafür Wissen über die Natur vor Ort – doch Wissen allein lenkt das Handeln nicht. Menschen schützen nur das was sie wirklich lieben.

Wie lieb kann Natur uns werden? Wir sehr können wir es zulassen, Natur zu lieben?

Kommt ganz darauf an, wie wir sie betrachten: Als Ressource? Als Kulisse für Erholung und Abenteuer? Als Lebensraum für Menschheit und Tiere, die wir gern mögen?

Oder als beseelt und in sich heilig? Als gleichwürdiges Gegenüber, auf Augenhöhe? Als Wesen, das so vielschichtig und vollkommen ist, dass Ehrfurcht uns erfüllt, wenn wir ihm uns nähern?

Es gibt einen Begriff für diese Art von Natursicht.

Wikipedia erzählt uns mehr: “„Animisten“ betrachten jeden noch so kleinen Teil der Welt, der von ihnen als beseelt aufgefasst wird, als einen Ehrfurcht gebietenden Kosmos. […]

„Heilig“ im Sinne von „respektgebietend“, aber auch „respektfordernd“, sind Erscheinungen der natürlichen Umwelt in den meisten Ausprägungen:

In jedem beseelten Stein, jeder Pflanze, jedem Tier und jedem Menschen, auch an jedem Ort entwickelt „Lebenskraft“ einen eigenen Willen […]”

Charles Eisenstein, US-amerikanischer Kulturphilosoph lädt uns ein, es auszuprobieren indem wir Bäume, Pflanzen, Steine, Tiere fragen: “Wie ist es, du zu sein?”

Und: “Was wünscht das Land sich? Was wünscht sich der Fluss? Was wünscht sich der Wolf? Was wünscht sich der Wald?”, und dann auf die Zeichen zu achten. “So erweisen wir Land, Fluss, Wolf und Wald den Status des “Seienden” – wir zählen sie zu jenen heiligen Wesen dazu, die immer alles beobachten, und die selbst Bedürfnisse und Interessen haben, welche mit unsren eigenen verwoben sind.”

Die beseelte Welt

Animismus und Anthropomorphismus (=Vermenschlichung von Nicht-menschlichem) sind scheinbar angeboren. Kinder praktizieren sie von ganz alleine, und in unserem Kulturkreis werden sie nicht weiter gefördert, sondern als Aspekte einer kindlichen Weltsicht abgetan, die irgendwann im Schulalter überwunden sein sollte.

Somit ist es nicht verwunderlich: Obwohl Kinder im Laufe der Jahre immer mehr Wissen darüber beigebracht wird, wie sie sich umweltfreundlich verhalten können, nimmt in der Jugend, wo Glauben an die Beseeltheit der Welt nachhaltig abgewöhnt ist, auch die Betroffenheit über Umweltschädigung ab, und ebenso auch die Bereitschaft, sich selbst umweltschonend zu verhalten.  

Doch wir gewöhnen damit jungen Menschen etwas Kostbares ab, was für uns als Menschheit vermutlich von Anbeginn an essentiell war und für viele naturverbundene Kulturen immer noch ist: Um uns herum eine Welt voller Mit-Wesen zu sehen, die uns ebenbürtig sind – statt nur seelenloser Ressourcen oder Lebensraum-Features für uns als Herren der Schöpfung.

Dabei sind Kinder sehr gut in der Lage, zusätzlich zur animistischen Weltsicht jede Menge Faktenwissen über Natur und Ökologie zu sammeln. Sie machen uns das vor, was wir global gut gebrauchen können: ein Zusammenspiel von animistischer und naturwissenschaftlicher Weltsicht, die wunderbar nebeneinander existieren können.

Wie wäre es: Wir lernen weiter durch wissenschaftliche Vorgehensweise UND betten das Ganze ein in einen Glauben an die Beseeltheit allen Lebens, die für die Zukunft des Lebens auf der Erde Sinn macht. (Natürlich wurzelt so ein Glaube im ganz individuellen und sehr vielfältigen Erleben und ist damit genau das Gegenteil von institutionalisierter Religion oder Sektiererei.)

Das Ergebnis? Eine echte Ehrfurcht vor dem Leben.

Hinein in die Tabu-Zone!

Im Mainstream der Gesellschaft herrscht noch ein anderer Glaubenssatz: Beseeltheit der Natur? “Esoterisch und unwissenschaftlich“. Unzählige WissenschaftlerInnen, die weltweit herausragende wissenschaftliche Arbeit mit einer persönlichen animistischen Weltsicht verbinden, deuten dies oft lieber nur im Nachwort an – sonst wird öffentlich und in den Institutionen auf ihnen herumgehackt.

Peter Wohlleben fasste in seinem Bestseller-Sachbuch über das “Geheime Leben der Bäume” zahlreiche wissenschaftliche Studien in verständliche “vermenschlichende” Worte. Gerade ist der gleichnamige Dokumentarfilm über sein Werk erschienen und einige alteingesessene Medien in Deutschland probieren nun, ihn regelrecht an den Pranger zu stellen. Kein Wunder, denn er schaffte es, Millionen von Menschen weltweit für das Thema nachhaltige Waldwirtschaft zu begeistern – die im Gegensatz zu den vielerorts angewandten Methoden der Forstwirtschaft steht, und damit entgegen kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen von Waldbesitzern und Holzindustrie.

Zum Glück gibt es viele renommierte WissenschaftlerInnen in Deutschland und anderen Ländern, die hinter Wohllebens Aussagen stehen.

Glaubenssätze vieler Religionen sind sehr wohl gesellschaftlich anerkannt, und auch Angehörige einer indigenen Kultur würden für animistische Äußerungen (glücklicherweise!) in vielen Medien nicht belächelt oder kritisiert werden. Wie können wir es schaffen, dass auch individuelle, also weder institutionalisierte noch tradierte Spiritualität sich öffentlich ausdrücken darf, vor allem wenn sie lebensfördernd ist?

Wir dürfen es!

Jede vierte Frau spricht laut Umfrage mit ihren Zimmerpflanzen.

Auch Hunde, Katzen oder Pferde dürfen zum Glück zensurlos als beseelt behandelt werden. Unsere lebendigen Kuscheltiere scheinen oft die letzten nicht-menschlichen und dennoch voll anerkannten Verwandten zu sein – neun von zehn US-Amerikanern sagen, dass ihr Haustier ein Familienmitglied sei.

Wir Menschen sind nicht die einzigen mit Persönlichkeit” sagt Jane Goodall im Interview (mit derselben ZEIT, die kürzlich auf Peter Wohleben herumhackte). Als junge Schimpansenforscherin wurde auch sie herbe für ihre Vermenschlichungen kritisiert – doch ihre hartnäckige Einfühlsamkeit für ihre Studien-“Objekte” hatte Erfolg: Mit ihrer respektvollen Haltung schaffte sie es, sensationelle Entdeckungen über das Sozialleben der Primaten zu machen.

Mit jeder Regung in uns, die flüstert, dass “die anderen” ebenso wertvoll und seelenvoll sind wie wir selbst, sind wir in guter Gesellschaft: Alexander v. Humboldt, John Muir, Arundhati Roy, Franz Kafka, Konfuzius, Albert Schweitzer, Leonardo da Vinci, Jiddu Krishnamurti, Carl Gustav Jung, Franz von Assisi, Johann Wolfgang v. Goethe, Thich Nhat Han – die Liste ist lang und ermutigend.

Was kann ich tun?

Wo in mir konnte ich mir ein paar heimliche Fetzen animistischer Weltsicht bewahren? Irgendwas gefunden?

Das ist ein Grund für große Freude! 🙂

Das wichtigste ist, dazu zu stehen, was ich im Inneren als wahr erlebe – vor mir selbst (für meine seelische Gesundheit) und vor allem, um den Kindern von heute die Rückenstärkung dafür zu geben, ihre angeborene animistische Weltsicht zu bewahren.

Für ein Urvertrauen in die Welt und in sich selbst, ist es essentiell, Kinder in dem zu spiegeln, was für sie wahr und bedeutsam ist. Neuropsychologe Daniel Siegel beschreibt, wie wichtig es ist, eine Sicht auf die Realität zu schenken, die nicht im Konflikt ist mit dem, was ein Kind erlebt und für wahr hält, sondern das kindliche Erleben bestätigt – nicht nur was das Kind sieht und hört, sondern auch wie es sich im Inneren dabei fühlt, wie sich ein Erlebnis anfühlt.

Indem wir Kinder in ihrer animistischen Weltsicht bestätigen, stärken wir nicht nur ihre Naturverbindung, sondern ermöglichen ihnen, uns als Bezugspersonen und sich selbst tiefer zu Vertrauen, um resilienter durchs Leben gehen zu können.

Es könnte sein, dass sich das auch in mir selbst als eine große Erleichterung anfühlt, wenn ich mich angesichts widerstreitender Glaubenssätze in mir (beeinflusst von Medien, Elternhaus, Schule usw.), mich vor mir selbst zu denjenigen bekenne, die als tiefere Wahrheit in meinem Inneren existieren.

Und vielleicht traue ich mich dann ja auch mal im Büro oder bei den anderen Eltern auf dem Spielplatz zu erwähnen, dass die große Linde da vorne mir persönlich viel bedeutet. 

Was wir inniglich lieben, schützen wir. Wenn wir Kinder und Jugendliche ins Leben begleiten, die eine von genug Erwachsenen gewürdigte und geachtete, innige Beziehung zu einem Baum, einem Tümpel, einer Wiese und zur „Mutter Erde“ in ihrer Gesamtheit haben – wird die Welt anders aussehen. 

Jetzt ist genau die richtige Zeit dafür! 

Die Natur vermisst uns

Wir vergessen es angesichts der wachsenden virtuellen Welt zunehmend, doch brauchen wir das Interagieren mit Natur, um ganz wir selbst zu sein.

Seit vielen Jahren ist bekannt, wie unglaublich wohltuend für uns Menschen die Zeit in der Natur ist, und wie heilsam der Umgang mit Tieren ist, beispielsweise für Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen.

Es ist kein Zufall, dass wir in dieser Zeit, wo wir die die Mit-Wesen um uns herum immer weniger beachten, auch selbst mehr und mehr vereinsamen: Zustände von Einsamkeit breiten sich in der zivilisierten Welt aus wie eine Epidemie, vor allem junge Erwachsene, ältere Menschen, zunehmend auch Kinder und Jugendliche fühlen sich schrecklich einsam und allein.

Wenn wir die Beseeltheit der Welt wieder umarmen, sind wir nicht mehr allein.

Charles Eisenstein, der als junger Mann an der renommierten Yale University Mathematik und Philosophie studierte, beschreibt es so:

“Die Wesen, die wir aus unserer Realität ausgeschlossen haben, die wir in unserer Wahrnehmung zu Nicht-Wesen geschrumpft haben, warten immer noch auf uns. Selbst angesichts all meines ererbten Unglaubens (mein innerer Zyniker, der in Naturwissenschaften, Mathematik und analytischer Philosophie ausgebildet wurde, ist mindestens so schneidend wie deiner), wenn ich es mir erlaube, ein paar Momente lang still und aufmerksam zu sein, kann ich fühlen, wie diese Wesen sich versammeln. Stets hoffnungsvoll neigen sie sich der Aufmerksamkeit entgegen. Kannst du sie auch spüren? Inmitten der Zweifel und jenseits vom Wunschdenken, kannst du sie fühlen? Es ist dasselbe Gefühl, wie im Wald zu sein und mir zum aller ersten mal gewahr zu werden: der Wald ist lebendig. Die Sonne schaut mir zu. Und ich bin nicht allein.”

Ich weiß nicht, ob es objektiv wahr ist, weil es vielleicht niemals bewiesen werden kann. Im Herzen habe ich schon oft gefühlt, dass andere Wesen die Menschen vermissen, zum Beispiel alte Bäume im Park sich danach sehnen, wieder kleine flinke Kinderfüße und -hände auf sich zu spüren.

Wenn wir uns wagen, hinzuschauen, zu fühlen, wieder in Verbindung zu gehen mit der Natur, bedeutet das für mich vor allem ein nach Hause kommen. Wo wir schon seit langem von unserer ganz großen Familie erwartet werden…

Hier findest du die wissenschaftliche Arbeit, auf der dieser Artikel basiert.

Naturverbindung ist eine Schlüsselkompetenz für zukunftsfähige Gesellschaftsgestaltung, in allen Lebens- und Berufsfeldern, die unsere natürliche Beziehung zu unserer Mit-Welt wiederbeleben kann – bis in den gesellschaftlichen Mainstream hinein! 

Sei mit dabei in unserer 9-monatigen Weiterbildung, mit Andreas Weber als Gastlehrer…


4 mal ZuverSicht

Hilfreiche Ein- und Aussichten für schlimme Zeiten

Lesezeit ca. 8 min

Schon seit Monaten (an vielen Orten bereits seit Jahren) fordert das Feuer nachdrücklich unsere Aufmerksamkeit, weil es menschliches Leben bedroht und ganze Ökosysteme auslöscht, mit verheerenden Folgen für das weltweite ökologische Gleichgewicht.

1. Der Ruf des Feuers

„Feuer“ ist ein Wort, das Not und Dringlichkeit verströmt wie kein anderes. So soll man nicht “Hilfe” rufen, wenn man auf gefüllten Plätzen angegriffen wird, sondern „Feuer“ schreien – weil Menschen unverzüglich und mutig darauf reagieren.

Auch mit den Waldbränden geht ein Aufschrei um die Erde – die schrecklichen Bilder vom Flammenmeer, vom rot glühenden Himmel und den unvorstellbar gewaltigen Aschewolken rütteln am letzten bisschen Ignoranz und Trägheit und drängen uns aufzuwachen und mehr in die Verantwortung zu gehen für das Fortbestehen des Lebens.

Feuer verkörpert mit seiner radikalen Wandlungskraft das Prinzip von Initiationen – tiefen Daseins-Krisen, in Übergangszeiten des Lebens, wo ich mich in meinem Mensch-Sein tiefgreifend wandele.

Für mich ist die Zeit, in der wir leben, eine Initiationszeit für die Menschheit im Gesamten, in der wir einen radikalen Wandel vollziehen müssen, weil kein anderer Ausweg übrig bleibt.

2. Initiationszeit – Die Lebensphase der Menschheit als Ganzes

Schauen wir das Lebensrad, die Entwicklungsphasen im Laufe eines Menschenlebens (unter anderem beschrieben von Bill Plotkin) für die gesamte Menschheit an, können wir viele Parallelen sehen: In unserer frühesten Lebensphase lebten wir wie „Unschuldige in ihrem Nest“ noch ganz eng eingekuschelt in den Schoß der Mutter Erde und mit innigem Kontakt zu unserer natürlichen Familie in unserem Lebensraum, mit den Tieren und Pflanzen und den Elementen.

Wie heranwachsende Kinder als “EntdeckerInnen im Garten” wurden wir nach und nach unabhängiger, lernten Dinge selbst zu erzeugen, die uns vorher nur geschenkt werden konnten, wir lernten Feuer zu machen, Pflanzen gezielt anzubauen, und voller Entdeckerfreude probierten wir unsere immer neuen Fertigkeiten, Kompetenzen und unser wachsendes Wissen aus, und schenkten der natürlichen Welt um uns und den Menschen in unseren engeren Bezugssystemen unsere volle Aufmerksamkeit.

Wie bei Jugendlichen begann unsere Aufmerksamkeit irgendwann sich vorwiegend um uns selbst zu kreisen, um die Gesellschaft unserer “Peers”, der anderen Menschen, um unsere Identität so wie wir sie haben wollen, in Abgrenzung zu unseren Mitwesen. Bill Plotkin nennt Menschen in dieser Lebensphase “SchauspielerInnen in der Oase“, und wie Jugendliche dies oft tun, setzten auch wir als Menschheit uns immer neue Masken auf, versuchten mit allen Mitteln, unsere äußere Schönheit zu optimieren, Erfolge zu sammeln, die dem Ego schmeicheln, während wir uns maßlos labten an den Früchten der Erde, und sie für unsere Zwecke ausnutzten bis zur Erschöpfung – mit wenig Lust zum Aufräumen und noch weniger Motivation, die Lebensgrundlagen zu hegen. Die Konsequenzen unseres Handelns blendeten wir aus, und der überströmende Mut spornte uns zu immer kühneren Höchstleistungen an, über die wir wetteiferten und uns gegenseitig zu mehr anstachelten.

Während kleine Kinder ein klares Ich-Gefühl haben, verbunden mit einem intuitiven Wissen darum, wer sie sind, haben in der Jugend viele Menschen keinen Zugang mehr dazu, wer sie wirklich sind, und wofür sie hier sind. Und je erfolgreicher ein Mensch in dieser Zeit ist, desto länger kann diese Phase sich ausdehnen.

Doch irgendwann kommt ein tiefgreifender Wandel. Manchmal nähert er sich dem jugendlichen Menschen schleichend, und zeigt sich durch Überdruss und inneren Rückzug aus der kurz vorher noch so bedeutsamen Außenwelt. Manchmal zeigt er sich als drängende Sehnsucht, zu anderen Ländern, anderen Kulturen, neuen Weltbildern oder spirituellen Erfahrungen aufzubrechen. Oder der Bruch kommt in Gestalt einer großen, scheinbar von außen über uns hereinbrechenden Krise, beispielsweise einer schlimmen Krankheit, einem Unfall oder durch den Verlust eines geliebten Menschen durch Tod oder Trennung.

Das innere Erleben in der Lebensphase nach der Pubertät ist oft schmerzhaft – ich fühle mich abgeschnitten von den früheren Freuden, von der Person, die ich vor Kurzem noch war, von dem, woran ich geglaubt habe, was mir wichtig war. Allein bin ich, irgendwo irgendwie unterwegs, als “Umherstreifende in ihrem Kokon”.

Als Menschheit erleben wir gerade die Trennung von vielem: von unendlich vielen Mit-Wesen, die wir fast ausgelöscht oder stark dezimiert haben, von der Illusion von Sicherheit und Souveränität oder sogar Kontrolle über die Ökosysteme der Erde, von dem Wahnwitz der Ideologie eines unbegrenzten Wirtschaftswachstums und gerade hier im Westen auch vielfach von der komfortablen Idee, immer bestens versorgt und abgesichert zu sein und nicht teilen zu brauchen. Durch die sozialen Medien angefeuert, erleben wir eine schmerzhafte, erbitterte und tiefgehende Spaltung der Bevölkerung zu Themen wie Impfpflicht, Mobilfunknetzausbau, Immigration und dem Umgang mit Flüchtlingen, Rüstung, der Klimakatastrophe und vielen mehr.

Zu jeder Initiation gehören Qualen, Seelenqualen und manchmal auch äußeres Leiden – wenn ich mich selbst fast auflöse, vom Leben “zerbröselt” und gut “durchgekocht” werde. Plotkin nennt diese Phase auch „die lange dunkle Nacht der Seele“. Sie fühlt sich schrecklich an, es ist sogar schwer, sie von außen bei jemand anderem zu beobachten, und doch ist sie so grundlegend wichtig dafür, als Menschenwesen zu innerer Reife zu gelangen. Durch das Leiden und das Wegfallen aller Masken und falschen Identitäten, durch das Vom-Leben-aufgebrochen-Werden der narzisstischen Ego-Strukturen kann ein gereiftes Selbst zum Vorschein kommen, eine ganzheitlichere Identität, als dies in der Jugendzeit möglich war.

Vor der ersten großen Initiation (von denen wir im Leben auch viele ganz kleine durchleben), sind wir nicht voll und ganz erwachsen. Erst durch die raue Gnade der Initiation können wir so bei uns selbst ankommen, dass wir wieder voll und ganz spüren können, wer wir sind und wofür wir hier sind.

Erst wenn wir aus dem transformierenden Feuer der Initiationszeit heraustreten und von der Gemeinschaft willkommen geheißen werden, können wir all das in der Jugendzeit angesammelte Wissen, all unsere Kompetenzen, die wir erworben und trainiert haben, auf eine neue Weise nutzen, die viel stärker verbunden ist mit den Bedürfnissen anderer und die wirklich der Gemeinschaft allen Lebens dient. Erst nach der Initiationskrise sind wir wirklich erwachsen.

3. Bewusstsein – das Licht im Dunkeln

Was es braucht, um die lange, dunkle Nacht der Seele zu durchstehen, ist vor allem ein wachsendes Bewusstsein. Tiefe Innenschau mit wachen Sinnen ermöglicht es, dem Selbst auf den Grund zu tauchen, hinab ins Dunkle all dessen, was ich an mir noch nie mochte, wovor ich schon immer Angst hatte, wo ich elendig gescheitert bin, wo ich mit der Welt und dem Leben hadere, wo ich mich klein und schwach und vollkommen unzureichend und hilflos fühle. Am Boden des tiefen, dunklen Seelengewässers wartet ein hell leuchtender Schatz darauf, dann gehoben zu werden, wenn ich schon fast aufgegeben habe.

In der langen, dunklen Nacht der Menschheit geht es darum, uns selbst zu begegnen, in furchteinflößender Tiefe. Und das tun wir.

Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hatten wir so viel Einblick darin, was wir als Menschheit weltweit erleben, erschaffen oder zerstören. Das Internet trägt Informationen aus jedem Winkel der Erde herbei und macht sie weithin sichtbar. Mit den Informationen über die Brände in Australien oder einen möglichen Krieg zwischen den USA und dem Iran reisen auch Gefühle um die Erde: Angst, Zorn, Hilflosigkeit und Ohnmacht werden von Millionen von Menschen geteilt und durchlebt.

Natürlich nehmen nicht alle Menschen Anteil. Aber es ist eine große und wachsende Anzahl von Menschen, die hinschaut.

Es schmerzt so schrecklich, zu wissen und zu fühlen, wie viel von unserem geliebten Planeten, von unserem Zuhause, von unserer Mutter Erde zusammenbricht, wie viele Menschen und andere Wesen leiden. Die Angst zu ertragen, dass die Kinder von heute vielleicht die letzte Generation von Menschen sein könnten, die das Erwachsenenalter überhaupt noch erreichen, wie es der Dalai Lama 2018 in seinem Appell an die Welt so direkt und ungeschönt aussprach.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Menschheit sich entwickelt, dann brauchen wir genau das, was viele von uns jetzt gerade durchleiden, um gemeinsam erwachsen zu werden: das Erleben von Scheitern, von Hoffnungslosigkeit, Aussichtslosigkeit, von unsäglicher Trauer, von Desillusionierung, bis hin zum Aufgeben und einer gefühlten Begegnung mit dem Sterben, mit dem Tod.

In einer Initiationskrise sind dies wichtige Bestandteile, die dazu führen, inmitten der Finsternis, in voller Demut, ein wahrhaftiges Selbst zu entdecken, das unabhängig ist von Rollen, Masken, Erwartungen, Erfolgen im Äußeren, vom Plan meines Egos, von Kontrolle und Zwang, von oberflächlichen Vergnügungen und äußerer Sicherheit.

Es ist dies die Zeit, in der wir als Menschheit inmitten der Trümmerlandschaft um uns und in uns, unser innerstes Selbst entdecken können, das zutiefst verbunden ist mit der Seele der Welt.

Vieles von diesem Selbst kennen wir schon, weil es ähnlich wie der Wesenskern eines Menschen nie ganz verschwunden war. Dazu gehört unsere Kraft zu lieben, mitzufühlen, füreinander zu sorgen, füreinander einzustehen, gemeinsam in Einigkeit Lösungen zu finden, eine Gesellschaft zu gestalten, welche die Vielfalt und Fülle unserer nicht-menschlichen Mitwesen mehrt und nährt, Kultur zu schaffen, die Menschen von klein auf bis ins hohe Alter ermöglicht, ihre Potentiale zu entfalten und zu schenken.

Jede/r von uns ist ein Teil der Menschheit, des menschlichen Bewusstseins. Margaret Wheatley erforscht und unterstützt seit fast dreißig Jahren systemischen Wandel in vielen Ländern der Erde (beispielsweise über das von ihr gegründete Berkana Institut) und beschreibt eindringlich, was es braucht, um mit heftigem Wandel auf eine lebensfördernde Weise umzugehen: einen Geisteszustand jenseits von Hoffnung und Furcht.

Mir geht es so wie vielen Menschen in meinem Umfeld, dass ich inmitten der rasanten Schreckensmeldungen über den Zustand der Welt UND der hoffnungsfrohen Botschaften über Lösungen, die auftauchen wie Pilze nach einem Sommerregen, oft regelrecht hin- und hergeschüttelt werde – zwischen aufkeimender Hoffnung und tiefer Furcht vor dem Scheitern.

Der Ausweg aus dieser Achterbahn, den Meg Wheatley beschreibt, ist es, statt eine rosige Zukunft zu wünschen oder vor einer schlimmen Zukunft zu erzittern, wie in der Meditation oder in Achtsamkeitsübungen, so voll und ganz ich es vermag, in der Gegenwart und im Jetzt zu bleiben.

Es braucht dafür die Bereitschaft, mit unserer eigenen Unsicherheit, unsrem Nicht-Wissen, und letztlich der Bodenlosigkeit des Seins vertraut zu werden, sie auszuhalten, zu lernen, uns in ihnen zuhause zu fühlen.

Leben war schon immer Veränderung, doch heute zerfallen Systeme, Ideen und Beziehungen immer schneller. Das meiste, was vor Jahren noch eine Illusion von Sicherheit spenden konnte, rinnt rasend schnell wie Sand durch unsere Finger, sodass es immer notwendiger wird, diesen Auflösungszustand ertragen zu lernen – indem wir präsent mit ihm bleiben.

Natürlich ist es schmerzhaft, präsent zu bleiben. Doch alle Vermeidungsstrategien schmerzen ebenso.

4. Zwischen Erfolg und Scheitern ist ein Raum

Wenn ich weiß, was ich für die Zukunft will, und an bestimmten Lösungsstrategien festhalte, bin ich viel eher geneigt, Opfer meines Wollens zu werden. Wenn ich mich im Recht glaube, handele ich oft blindlings, und schade dabei mir selbst oder anderen. Ich streite und ignoriere bewusst oder unbewusst andere Stimmen und Bedürfnisse – weil ich so identifiziert bin mit meiner Ideologie.

Wenn ich voller Furcht bin, rechtfertige ich mit dieser unter Umständen auch die schlimmsten Sorten von „Schutzmaßnahmen“, mit denen ich mich verteidige oder sogar selbst angreife – weil ich keinen anderen Ausweg sehe. Beide Zustände sind nicht nur im Moment rücksichtslos, sondern langfristig ein Nährboden für Manipulation, Verblendung, Volksverhetzung und für ein weiträumiges Beschreiten von persönlichen oder gesellschaftlichen Irrwegen.

Wenn ich jedoch präsent bin, im Zustand jenseits des Wollens und Fürchtens, kann mein innerer Kampf zur Ruhe kommen und ich habe Zugang zu all dem, wovon ich in der Tiefe meines Selbst weiß, dass es jetzt in diesem Moment gerade stimmig und hilfreich ist, im Einklang mit allen meinen Werten.

Dies zu erleben und zu erlernen ist eine der Gaben von Initiationskrisen.

In den Initiationsgeschichten von unserer Lehrerin Sobonfu Somé, die zum Volk der Dagara in Westafrika gehörte, war es für die jungen Menschen und für das gesamte Dorf keine Selbstverständlichkeit, dass deren fordernder und gefährlicher Initiationsprozess von allen Teilnehmenden überlebt wird.

So kann, sogar darf es auch keine Selbstverständlichkeit sein, dass der Initiationsprozess der Menschheit von uns überlebt wird. Im Nicht-Wissen, ob alles gut ausgehen wird, sind wir darauf geworfen, in jedem Moment das zu tun, was das Richtige ist, uns so zu verhalten, als ob dieser Moment alles ist, was uns bleibt.

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

Vaclav Havel

Meg Wheatley schreibt, dass sie im Raum jenseits des Strebens nach Erfolg oder der Angst vorm Scheitern lernen konnte, wie es sich anfühlt, sich stimmig zu verhalten: auf unergründliche Weise klar und getragen von Energie. Wenn sie sich wütend, frustriert oder zornig fühle, habe sie gelernt, sich nicht davon bestimmen zu lassen, sondern innezuhalten, nicht zu handeln, bevor sie wieder präsent im Moment ist, und dabei immer wieder erfahren:

„Es ist nicht das Ergebnis, was zählt. Es sind die Menschen, unsere Beziehungen, die unseren Anstrengungen einen Sinn geben. Wenn wir uns von dem Drang befreien, mit unseren Bemühungen erfolgreich zu sein, können wir erleben, wie es leichter wird zu lieben.

Wir hören auf, Sündenböcke zu suchen, wir hören auf, anderen die Schuld zu geben, und wir hören auf, voneinander so enttäuscht zu sein.

Wir erkennen, dass wir wahrhaftig alle gemeinsam in einem Boot sind, und das ist alles, was zählt.“

Zum Weiterlesen:

6 Tipps für einen lebensbejahenden Umgang mit der Weltlage

Warum die Welt nicht endet


Ein neuer Name…

…für unsere “Wildnis- und Natur-Kultur-Pädagogik” – Weiterbildung
 
Wir leben in unfassbaren Zeiten – jeden Tag sind die Medien voll von Katastrophenmeldungen, immer größeren Ausmaßes.

Die Krise kann unsere Chance sein, um wieder zurück zu finden zu unserer Verbundenheit mit der Lebensgemeinschaft Erde – für die Zukunft. 

Eine aktiv gelebte Verbindung zur Natur ermöglicht uns ein authentisches, deutlich erlebtes, klares und vertrauensvolles FÜHLEN, DENKEN, HANDELN und SEIN im Einklang mit unseren natürlichen Mit-Wesen, mit den Bedürfnissen der Erde als Organismus, dessen Teil wir sind. 

Mit tiefer Naturverbindung werden wir uns bewusst, wer wir sind, wir als Menschheit auf der Erde. Wir können unsere Rolle als Hütende und Hegende wiederfinden und wieder ausfüllen, die wir Bodenfruchtbarkeit, Artenvielfalt, essbare Landschaften für uns selbst und andere, gesunde Wasser- und Nährstoffhaushalte und allgemein Gleichgewicht und Lebendigkeit innerhalb von Ökosystemen ermöglichen können – durch Gärtnern imallerweitesten Sinne, aber auch durch unsere Kunst, Kultur und Spiritualität.  

Es geht darum, das was wir der Erde sein können, nicht nur mit dem Kopf zu erforschen, sondern auf eine ganz reale, ganzkörperliche und seelenvolle Art und Weise zu erfahren – und von diesem Zustand aus, den notwendigen sozialen, ökonomischen, technologischen, politischen und kulturellen Wandel voranzutreiben. 

Naturverbindungsarbeit ist somit eine der wichtigsten Aufgaben der heutigen Zeit – für das Wohlergehen der Menschen ebenso wie für das Überleben der Menschheit.Und heute gilt es dabei mehr denn je, eine naturverbundene Kultur nicht nur aus dem, was in der Vergangenheit war und überliefert wurde, zu bewahren, sondern bewusst für das was vor uns liegt zu formen.Naturverbundene Kultur gestalten heute bedeutet, die Erfahrungen der Vergangenheit in Verbindung mit den Bedürfnissen, Chancen und Möglichkeiten der Gegenwart und der Zukunft zu berücksichtigen. 

Dabei gehen wir von einer Zukunft aus, in der eine noch stärker und spürbarer als je zuvor zusammenwachsende, vernetzte globalen Gesellschaft vor unzähligen globalen Herausforderungen stehen wird. Deshalb bringen wir bestenfalls ein ebenso großes Wissen und Bewusstsein für das Lebenssystem Erde und die Menschheit als Ganzes mit. UND sind als Menschen auch individuell mit bestimmten Orten und Landschaften besonders eng verbunden, pflegen nur zu unseren engsten menschlichen Liebsten Beziehungen, sondern auch zu den uns umgebenden nicht-menschlichen Mit-Wesen. 

Die Weiterbildung

Unsere Naturverbindungs-Weiterbildung basiert auf unseren Erfahrungen in der Wildnis- und Natur-Kultur-Pädagogik-Weiterbildung.

Die Methoden und Ansätze der Wildnispädagogik waren und sind eine wichtige Wurzel unserer Arbeit – gleichzeitig sind bereits in den letzten Jahren viele andere Impulse hineingeflossen, durch die wir die bestehende Weiterbildung beständig weiter entwickelt haben.

Nun hat sie sich inhaltlich, methodisch und formal so weit verändert, dass sie wie aus einem Kokon in ein neues Leben schlüpfen kann. In der neuen Weiterbildung werden wir uns erfahrungsorientiert damit beschäftigen, wie wir eine bewusst erlebte und gestaltete Verbindung zur Natur um uns und zur Natur in uns finden und lebendig erhalten können – als Basis für das Gestalten einer enkeltauglichen Zukunft.
 
Und wir vermitteln Kompetenzen dafür, diese tiefe Naturverbindungsarbeit für Menschen allen Alters auch wirkkräftig begleiten zu können.

Ich freue mich sehr, wenn du vorbeischaust, selbst mit uns auf die Naturverbindungs-Reise gehst oder Freunden und Bekannten davon erzählst. 

 

Interview über das Trauern…

Für ihr “Wilde Weiblichkeit” Projekt hat Lena Lange mich über eine Stunde lang ausgefragt über eins unserer Herzensthemen: das Trauern.

Hier kannst du unser Gespräch anhören:

Was bewegt dich rund um das Thema Trauern? Was findest du herausfordernd, welche Fragen sind für dich wichtig? Ich freue mich über Feedback zum Interview und deine Fragen und Gedanken, gern über unser Kontaktformular.

Liebe Grüße,

Elke

Mit uns zusammen in Gemeinschaft trauern kannst du beim Trauer-Feuer, unserem Ritualworkshop am Schloss Tempelhof bei Crailsheim….

Möchtest du andere Menschen beim Trauern begleiten lernen? Dann komm zu unserer berufsbegleitenden Ausbildung “Trauern in Gemeinschaft” 

Keine Zeit zu verreisen? Hier kannst du mehr über unseren Online-Kurs “The Medicine of Grieving” erfahren….


5 Zutaten…

mit denen laut Wissenschaft Weinen heilsam wirkt

 

Weinen kann gewaltige Erleichterung bringen – jedoch nicht immer.

 

Wissenschaftler, die seit Jahrzehnten probieren das emotionale Weinen in Labors zu erzeugen, um es zu untersuchen, wissen dies am besten, denn hier fühlen sich Probanden danach oft kein bisschen besser.

 

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Werden Menschen jedoch nach Wein-Momenten in ihrem “normalen” Leben befragt, ist die überwältigende Mehrheit sich einig: Weinen erleichtert und löst auf kathartische Weise auf, was vorher so belastend war.

 

Ein Forscher-Team von der Universität Süd Florida und einer Universität in den Niederlanden hat deshalb vor gut zehn Jahren zusammen mit zwei anderen WissenschaftlerInnen über 4.000 Menschen aus 30 verschiedenen Ländern interviewt um herauszufinden, welche Faktoren dazu beitragen, WANN weinen denn erlösend wirken kann?

 

Ihre Ergebnisse untermauern, was wir in unserer Trauer-Arbeit auch berücksichtigen und nutzen…

 

1. Selber JA sagen!

 

Wenn ein Moment des Weinens mir selbst nicht willkommen ist, weil ich mich auf anderes konzentrieren will oder mich dafür schäme, ist es viel weniger wahrscheinlich, dass ich die Tränen als heilsam erlebe.

 

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2. Soziale Unterstützung empfangen

 

In den Interviews schätzten die interviewten Menschen rückwirkend ihr Weinen als insgesamt erlösender ein, wenn sie dabei soziale Zuwendung erhalten hatten.

 

Am leichtesten fiel das den meisten, wenn es nur ein Gegenüber gab, nur ein anderer Mensch dabei war, und dieser auch noch rückversichernde, tröstende, ermutigende Worte, sowie freundliche, zugewandte Mimik und Gestik für die Weinenden hatte.

 

Dank genauerer Fragen wurde deutlich, dass in Kontexten mit mehreren Menschen nicht so sehr die Anzahl hier hinderlich war, sondern es sich hierbei vorwiegend um Kreise handelte, in denen Weinen grundsätzlich nicht oder in diesem Moment nicht willkommen geheißen wurde (über Worte, Mimik, Gestik), so dass eher ein Gefühl von Scham oder Beklommenheit im trauernden Menschen aufkam.

 

Wenn in einer Gruppe, einem Team oder anderem Kreis Tränen aufkommen, brauchen wir voneinander also umso mehr, dass wir uns deutlich darin bestätigen, dass wir auch mit Tränen und schmerzlichen Emotionen willkommen sind, dass wir in unserem Schmerz gesehen und gewürdigt werden.

 

2. Den Verlust auf neue Weise verstehen

 

Als Menschen sind wir Sinn suchende Wesen, und geben aus uns selbst heraus den Dingen Sinn. Wir schenken dem was geschieht eine Bedeutung unserer Wahl (entsprechend unserer Weltsicht, Denkmuster und -gewohnheiten).

 

So ist es nicht überraschend, dass das erfolgreiche “Finden” eines neuen Sinnes in dem Verlust, dem Leiden oder der Herausforderung, uns dabei hilft, nach dem Weinen einen Zustand der Katharsis zu erleben, wie es auch in der Studie dokumentiert werden konnte.

 

In dem Moment wo wir unser Verständnis wandeln, hat sich etwas an der Bedeutung des Verlustes für uns selbst gewandelt, und die veränderte Sicht auf die Geschehnisse, ermöglicht die innere Erleichterung.

 

Wann immer es schwierig ist, sucht unsere Psyche nach einem Sinn für das Schlimme, nach etwas Positivem, das wir dem Schrecklichen abgewinnen können.

 

Ist die neue Einsicht gefunden, kann sich etwas in unserer Tiefe entspannen und lösen. Das Trauern (und als Teil davon auch das emotionale Weinen) ist eben ein Prozess der Integration, wo schmerzhafte Dinge in unserem Leben (die vorhandenen wie die fehlenden) an ihren gegenwärtig stimmigsten Platz gerückt werden.

 

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3. Mit Demut und Selbstverantwortungsblick schauen

 

Wenn ich Verantwortung für den Auslöser des Weinens bei mir selbst finden kann, statt sie anderen zuzuweisen, kann ich laut der Studie das Weinen eher als heilsam und erleichternd erleben. Sehe ich die Verantwortung stattdessen vor allem bei meinem Gegenüber, kann ich mich nach dem Weinen zwar körperlich besser fühlen, mental ist es aber weniger erleichternd.

 

In meiner Erfahrung kann es ein wichtiger Teil für jeden Trauer-Prozess sein, mich zu fragen was ich selbst anders machen würde, wenn ich die Chance dafür noch einmal bekäme.

 

Indem ich anerkenne, dass niemand anders für meinen emotionalen Zustand verantwortlich ist, sondern alle Mitmenschen sich genau so verhalten wie es ihnen eben möglich ist, und es letztendlich bei mir liegt, wie ich damit umgehe, wie ich mich selbst schützen und für meine Bedürfnisse sorgen kann, bleibt die Verantwortung bei mir – nicht im Sinne von Schuld, sondern im Sinne von Gestaltungskraft.

 

Auch wenn sich Gefühle von Reue dabei einstellen – das Trauern und Weinen über das, was ich selbst versäumt habe (weil ich selbst auch nur nach meinen eigenen Möglichkeiten handeln konnte) kann die Tür öffnen für bewusstere Entscheidungen und hilfreichere Denk- und Verhaltensweisen in der Zukunft, welche ich durch das Trauern bereits ein Stück weit auf den Weg bringe. Denn ich verbinde auf eine sinnhafte Weise die vergangenen Ereignisse mit meinen (zukünftigen) Bedürfnissen und meinen Werten.
Ein Drittel der Momente des Weinens ereignen sich laut der Studie am späten Abend, zwischen 10:00 Uhr und Mitternacht, einer Tageszeit die als “Nordwesten” auch im 8 Schilde Modell eng mit dem Trauern verbunden ist, weil sie unter anderem Zeit und Raum für Rückschau und tiefere Reflektion schenkt, und nach dem Sinn von Erlebnissen fragt.

 

In dieser Phase (die nicht nur jeden Tag gefunden werden kann, sondern auch in jedem Jahr, in jeder Biographie, in jedem Projektkreislauf usw.).

 

Nach dem Nordwesten folgt bei den 8 Schilden der “Norden”, wo es unter anderem um das vollständige Integrieren des Erlebten geht, also vereinfacht gesagt darum, mit Orientierung an unseren Werten und unserer Ausrichtung im Leben aus dem was war und dem was gerade ist ein Bündel voller “Medizin” zu schnüren, welches für das was kommt besonders hilfreich sein könnte.

 

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4. Eine Lösung (er)finden

 

Der selbstverantwortliche Blick erleichtert auch die vierte Zutat für kathartisches Weinen, nämlich das Eintreten einer Lösung, einer Veränderung der auslösenden Umstände, mit Aussicht auf weniger Verlust und Leiden.

 

Denn bei vielen Herausforderungen denen wir uns gegenübersehen können wir uns allein selbst verändern, unsere Umgehensweise damit, die eine Auflösung der schwierigen Situation ermöglicht oder begünstigt.

 

Bei Beziehungsthemen wurde eine Wiederannäherung an den anderen als ein Faktor für Erleichterung nach dem Weinen beschrieben. Ebenso auch eine mit Hilfe des Weinens sich zeigende Veränderung für die gegenwärtigen Situation des Weinenden:

 

Wenn ich mein Trauern beispielsweise dafür nutzen kann, wieder mehr bei mir selbst anzukommen, langsamer zu machen, wenn ich gerade mehr Ruhe brauche, im Bett liegen zu bleiben, wenn ich gerade erschöpft bin, mich von etwas zu verabschieden, was meinem Weg nicht mehr dienlich ist, usw., dann ist es umso leichter, das Weinen an sich als Durchbruch und Katharsis zu empfinden.

 

Im Einzelnen werden in der Studie folgende “Lösungen” als hilfreich benannt: mich selbst wieder stabil fühlen, ein Ziel erreichen, eine neue Wahrnehmung der Situation, sowie Frieden finden mit der Situation, die das Weinen ausgelöst hat. 

 

Als Hauptgrund für Weinen auslösende Situationen werden Verluste genannt.

 

Auch Konflikte sind häufig ein Auslöser, vor allem für Frauen.

 

Allgemein können ganz unterschiedliche emotionale und mentale Zustände Weinen mit sich bringen. Laut eines Berichts im Journal for Holistic Nursing zählen dazu: Freude, Frustration, Traurigkeit, Wut, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Angst, Reue, Kummer, Einsamkeit, Scheitern, Dankbarkeit und Empathie, sowie Vergnügen, Gnade, Versuchung, ein entfliehen wollen oder auch Rache.

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Und wieso Freudentränen?

 

Männer weinen häufiger Freudentränen als Frauen. Wenn unser Herz vor Freude überfließt geschieht dies, weil besonders tiefe Freude und Angst oder Traurigkeit wie zwei Seiten einer Medaille sind. Was mir zutiefst wichtig ist, weil ich es liebe, birgt die größten Verluste in sich.

 

In ihrem Bekenntnis zum “Weinen das heilt” (engl. “Crying that Heals“) beschreiben Griffith, Hall & Fields, dass Freudentränen eigentlich ein Ausdruck für all die Ängste, den Kummer über einen möglichen Verlust sind, der eben glücklicherweise nicht eingetreten ist.

 

Ein Beispiel: Weine ich vor Freude über ein gesund von einer langen Reise heimgekehrtes Kind, sind in diesem berührenden, freudenreichen Moment all die vielen Möglichkeiten mit im Raum, in denen es hätte verunglücken oder verloren gehen können.

 

Freudentränen schenken somit die Möglichkeit, in einem sicheren Rahmen, wenn die Gefahr quasi vorüber ist, ich nicht mehr tapfer zu sein brauche, die (vielleicht auch vielfach unbewusste) Anspannung und Stress einer angst- oder schmerzbesetzten Vor-Situation zu lösen, mit Weinen als tief gehendem emotionalen Ausdruck.
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5. Was noch fehlt…

 

In meiner Erfahrung spielen noch weitere Faktoren eine Rolle dafür, ob ein Moment des Weinens als heilsam empfunden wird, vor allem ob im Anschluss ans Weinen ein Willkommen heißen von anderen stattfindet, verbunden mit einem nährenden Versorgen der körperlichen und seelischen Grundbedürfnisse, und auch einem Erzählen des Durchlebten und Durchlittenen.

 

Dieses Willkommen heißen hinterher gibt die Möglichkeit, alle schon genannten Punkte zu verfestigen und somit eine runde Gesamt-Erfahrung zu kreieren.

 

Diese Gesamterfahrung, bei der es mir gelungen ist, durch Weinen Erleichterung und Heilung zu finden, wird es mir bei der nächsten Gelegenheit leichter machen.

 

Denn auch ein bereits Vorhandensein von “erfolgreichen” Trauer-Erfahrungen in der Vergangenheit der interviewten Menschen ist ein Faktor, der sich in der Studie des internationalen Forscherteams deutlich darauf ausgewirkt hat, ob Momente des Weinens als kathartisch erlebt werden konnten.

 

Kathartisches Weinen verbindet Körper, Verstand und Geist

 

Im Konzept vom “Weinen das heilt” (engl. “Crying that Heals“) beschreiben Griffith, Hall & Fields, dass heilsames Weinen, wenn ganzheitlich betrachtet, den Abgrund zwischen Verstand, Körper und Geist zu überbrücken scheine, auch wenn wissenschaftlich (noch) nicht erklärbar ist, wie genau dies vonstatten gehe.

 

Sie greifen die Idee auf, dass es sowohl für Weinende, als auch für Zeugen einen tiefgreifenden spirituellen Transzendenz-Prozess ermögliche, dass es “ein Fenster zum inneren Selbst eröffne, ein Fenster, das ein spirituelles Erwachen möglich mache, durch das wir tiefe Ruhe und inneren Frieden erleben” könnten. Sie sprechen von einer ganz besonderen spirituellen Erleuchtung, die das Selbst und das tiefere Sein erfrische, die Seele wieder erwecke und damit sowohl körperliches als auch seelisches Leid lindern könne.

 

Zwar existieren einzelne Schilderungen von weinenden Hunden, Affen und Elefanten, doch scheint das emotionale Weinen im Großen und Ganzen vor allem ein menschliches Phänomen zu sein.

 

Ich sehe darin ein unfassbar kraftvolles Geschenk der Schöpfung für unser Leben und Zusammenleben, dass uns immer wieder ermöglicht, mit erneuerter Weichheit, Liebe und Verletzlichkeit in Verbindung mit einander zu sein und zu wachsen.

 

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Wir brauchen einander zum Weinen und Trauern, jetzt!

 

Gerade heute, wo wir mit der zunehmenden Zerstörung von Lebensräumen und Artenvielfalt, angesichts so viel Leidens überall auf der Erde, und so viel kaum fassbarer Angst vor einer völlig ungewissen Zukunft so viele gemeinsame Gelegenheiten zum Weinen haben, ist dieses Thema aktueller denn je.

 

Niemand ist in der Lage vorherzusagen, ob für die Kinder unserer Zeit noch ausreichend gesunde natürliche Welt übrig sein wird, um sich selbst zu versorgen und um Lebensraum und Heimat an ihre Enkel und Urenkel weitergeben zu können.

 

Der Schmerz in unserer tief mit der Erde verbundenen Seele hat nie dagewesene Ausmaße erreicht. Manchmal schaffen wir es, ihn auszublenden. Manchmal spricht er durch uns mit einer aufbrausenden Stimme von Aggressivität und Schuldzuweisungen. Die weitere Entwicklung der Erde und der Menschheit ist ein Thema, das unglaublich stark polarisiert.

 

Die sozialen Medien sind voll von heftigen Auseinandersetzungen über Theorien und Gegentheorien, von gegenseitigen Schuldzuweisungen, Vorwürfen, Anfeindungen gegen Menschengruppen unterschiedlichster Art. Wenn Trauer da ist und sie keinen gesunden Weg findet, zeigt sie sich in Hass und Aggressivität, und statt als Menschheit zusammenzuhalten bekämpfen wir uns gegenseitig. Manchmal verhärtet sie uns zu resignierter Bitterkeit und Starre, so dass wir mehr tot als lebendig durch unsere Tage gehen.

 

Doch wir sind dem nicht ausgeliefert – das Trauern kann uns immer wieder aus der Krise in die Katharsis helfen, und Freude zurückholen.

 

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Die Trauer um die Natur und um die gefährdete Zukunft betrifft uns alle, wir sind alle selbst mit verantwortlich (und können diese Selbstverantwortung auch zu uns nehmen), und sie nutzen um  demutsvoll unser Verständnis der Situation immer wieder zu vertiefen und zu erneuern.

 

Wir können im Trauern, durch das Trauern Lösungen finden und bekräftigen, die von der aufgeweichten, in Sanftmut wirkenden Energie unseres Schmerzes genährt genau das in die Welt bringen können, was wir als Menschheit zu verlieren drohen oder glauben schon verloren zu haben – die tiefe, nährende und fürsorgende Liebe zwischen uns und der gesamten Schöpfung.

 

Martín Prechtel, ein begnadeter Autor und Sammler von Erfahrungen in tiefer Verbindung mit der Natur, vermag es in Worte zu fassen, was möglich ist:

 

“Wenn wir selbst als Individuen unser Verlorensein und unsere Orientierungslosigkeit anerkennen und betrauern, können wir unser Einheimisch sein auf der Erde wieder zurück ins Leben erinnern. Wir können unser Verlorensein auf diese Weise zu wertvollem spirituellem Kompost verdauen, welcher uns erlaubt genau da innezuhalten wo wir stehen, und nicht vor unserer seltsamen Vergangenheit wegzurennen, sondern klein zu sein, unbewaffnet, tapfer und schön.
 
So können wir das Heilige in der Natur mit jenen Früchten der Schönheit füttern, die an jenem Baum reifen, zu dem die Erinnerung an unsere indigene Seele heranwächst. Dieser Baum wächst und gedeiht im kompostierten Scheitern unseres einstmaligen Drängens, die Welt zu erobern. Er wird gewässert von den Tränen der Trauer unserer gesamten Kultur.
Auf diese Weise können wir vielleicht zu Ahnen werden, die es würdig sind, von ihnen abzustammen, indem wir einen Ort der Hoffnung erwachsen lassen, für eine Zeit jenseits der unsrigen.”
Martín Prechtel 

 

Magst du mehr übers Trauern lesen? 

 

Hier findest du unsere Artikel über das “Geschenk der Tränen”…

 

 

In Gemeinschaft trauern kannst du beim Trauer-Feuer, einem Ritualworkshop mit uns am Schloss Tempelhof bei Crailsheim….

 

Oder in unserer berufsbegleitenden Ausbildung “Trauern in Gemeinschaft” zusammen mit anderen Menschen das Leben bekräftigen, nähren und feiern.…

Abschlussritual der Ritualausbildung 2017-19

Ein Ritual zur Unterstützung der Erde und all ihrer Wesen 
 

Sei eingeladen zum Abschlussritual der AbsolventInnen

unserer Ritualausbildung 2017-19

am 08. November 2019,

Lindenhof bei Tuttlingen

 

Zweieinhalb Jahre sind diese Menschen durch dick und dünn miteinander gegangen, haben so einiges Wundersames erlebt und viele innewohnende Schätze gehoben. Es war mir eine große Ehre sie dabei begleiten und bezeugen zu dürfen, und ich frohlocke sehr darauf, ihr heranreifendes “Meisterstück” mit euch teilen zu können.

Sie schreiben: 
 

“In unserer Kultur ist unsere Beziehung zur Erde und zum Leben aus der Balance geraten und wir sind mit Zerstörung unvorstellbaren Ausmaßes konfrontiert.

Wir möchten mit diesem Ritual unsere Beziehung zur Erde nähren und dadurch zu einer Gesundung beitragen.

Im Lebensnetz gibt es keine Hierarchien, da sind alle Lebewesen an ihrem Platz. Wir Menschen sind nicht nur Zerstörende oder Erschaffende, wir sind Teil der Erde, genauso wie jeder Baum und Eisbär.

Wir sind das Leben, was sich selbst heilt.

Die herbstliche Jahreszeit lädt uns ein zu überlegen, was wir wirklich behalten wollen, was wir pflegen und mit ins neue Jahr nehmen möchten.

Was dient uns, der Erde mit all ihren Wesen und der Zukunft?

Wir wollen spüren, wie wir als Mensch aus einem tiefen Respekt heraus zur Heilung und Unterstützung aller Wesen beitragen können. Wir möchten uns selbst als Teil des Lebensnetzes fühlen und der Erde etwas schenken, damit wieder Balance und Harmonie entstehen können.

Der eigene Platz ist die kraftvollste Position von der aus ich etwas schenken kann. Lasst uns von diesem Platz aus danken, den Heilungs- und Wandlungsprozess der Erde unterstützen, bekräftigen und unseren Teil beitragen.

Wir möchten Dich mit diesem Ritual einladen, Deinen Teil sichtbar zu machen, Deine Beziehung zur Erde zu stärken, Deinen lebensdienlichen Weg zu bekräftigen und ihn der Erde zu widmen.

Erlausche wie die Erde sich die Beziehung zwischen Dir und ihr vorstellt und wie Ihr in Einigkeit Eure Verbindung gestalten wollt. Verschenke Deine Samen an die Erde, damit sie im nächsten Jahr voller Kraft aufgehen und die irdenen Kräfte unterstützen können.”

 
An dem Ritual, das unsere Absolventen-Gruppe für euch plant, könnt ihr kostenlos teilnehmen (Anreise ist bereits am Vorabend möglich, Übernachtung in Einzel-, Doppel- und Mehrbettzimmern sind je nach Verfügbarkeit am Lindenhof möglich).
 
Das Abschlussritual ist eine gute Gelegenheit, in die Ritualausbildung zu schnuppern und eine der vielen süßen Früchte zu kosten, die daraus bereits entstanden sind und weiter entstehen werden. 

Ich freue mich, das gemeinsam mit euch zu erleben!

 
Anmeldung und weitere Informationen…

 


Ein Circlewise-Hütekreis entsteht…

 

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Im Netzwerk von Circlewise sind inzwischen etwa tausend Menschen angedockt, die uns kennen und auf vielfältige Weisen unterstützen, ob als Teilnehmende, HelferInnen, KooperationspartnerInnen oder einfach mit Freundschaft und Interesse für unsere Arbeit.

Nun darf der Kern des Netzwerks wachsen, damit der Geist vom Circlewise-Wesen von mehr Schultern getragen und auf vielfältigere und umfassendere Weisen in die Welt geschenkt werden kann.

Im Frühling 2019 habe ich ganz subjektiv etwa 40 Menschen persönlich eingeladen, die dazu JA gesagt haben!

hütekreisAm vergangenen Wochenende haben wir uns mit denen die Zeit hatten erstmalig getroffen und viele wunderbare Sachen gemeinsam erlebt und geteilt.

Bald werdet ihr noch mehr dazu erfahren, was dieser Kreis ist, wie er sich nennen wird, welche Aufgaben er tragen möchte und welche Projekte daraus erwachsen werden.

Hier seht ihr als kleinen Vorgeschmack eine Worte-Wolke aus all den Bildern und Begriffen unserer gemeinsamen Vision, die wir am Wochenende zusammentragen konnten, und die einen kleinen Eindruck davon geben, worum es uns geht.

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Klimafreundliches Boden-, Wasser- und Tiermanagement

eine Win-Win-Win-Lösung für den Boden, die Landwirtschaft und das Klima

2-Tages-Seminar mit Stefan Schwarzer und dem Verbindungskultur e.V.

Sa. 20. Juli um 9:00 – So. 21. Juli um 16:00


hahn-3741129_640Ein Hauptproblem unserer Klimakrise ist die CO2-überlastete Atmosphäre. Etwa die Hälfte der Treibhausgase wird direkt oder indirekt durch die vorherrschende konventionelle Landwirtschaft und Agroindustrie verursacht. Durch Entwaldung, Humusabbau und weltweite Bodenerosion wird Kohlenstoff aus dem Boden freigesetzt. Die weiterhin wachsende Produktion und Nutzung von chemischem Dünger wie auch die Massentierhaltung setzt mit den massiven Ausstoß von Treibhausgasen noch eins drauf.

Durch regeneratives Ackern, Pflanzen und Gärtnern können wir Böden wieder zu hervorragenden Speichern von Kohlenstoff machen. So können wir selbst im Kleinen bei uns im Garten und im Großen durch die Unterstützung einer regenerativen Agrikultur dazu beitragen den Kohlenstoff aus der Luft zurück in den Boden zu holen. Dies hat vielfältige Vorteile für den Boden, die Pflanzen und unsere Gesellschaft. Des Weiteren können wir durch dezentrale integrierte Ansätze des Tier- und Weidemanagement den eigenen CO2- und Methan-Ausstoß verringern.

Eine regenerative, d.h. ressourcenschonende und –aufbauende, Agrikultur ist eine ganzheitliche, eine Vielzahl von Methoden umfassende Praxis, die Böden aufbaut und aktiv die Regenerationskräfte (Selbstheilungskräfte) der Natur unterstützt.

Dem zugrunde liegt ein ökosystemischer Ansatz, der gleichzeitig verschiedene Faktoren beachtet und verbessert: Boden, Luft, Wasser, Artenvielfalt, Ernährung, Gesundheit, und auch soziale Aspekte wie mehr Frieden und Gerechtigkeit im Miteinander.

In diesem 2-tägigen Seminar werden wir Rekarbonisierungsansätze für Böden kennenlernen und anhand von Beispielen verschiedene Aspekte des klimafreundlichen Wasser-, Tier- und Weidemanagements kennenlernen.


Kursinhalte

  • Herangehensweise und Methoden einer ressourcenaufbauenden Landwirtschaft aus einer holistischen und integrierenden (Permakultur-) Perspektive
  • Kleine Bodenexkursion und Einblick in das Wood Wide Web (Bodennahrungsnetz)
  • Integrierte Tierhaltung in Permakultursystemen
  • Keyline Design und Prinzipien
  • Holistisches Weidemanagement nach Allan Savory
  • Bodenaufbau und gesteigerte Produktivität durch lokal angepasstes Wassermanagement


Unser Gastlehrer: Stefan Schwarzer

http___lebensraum-permakultur.de_wp-content_uploads_2012_07_Portt-Stefan-SchwarzerStefan ist Physischer Geograph und Permakultur-Designer. Seit 2000 arbeitet er für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) in Genf, wo er sich mit globalen Umweltthemen beschäftigt.

Eines seiner Herzensanliegen ist die Verbindung globaler Ziele mit lokalen Handlungen, vor allem in Form von einer aufbauenden Landwirtschaft in Anlehnung an die Permakultur.

Seit Ende 2012 lebt er in der Lebensgemeinschaft Schloss Tempelhof und organisiert dort das seit 2017 statt findende Symposium »Aufbauende Landwirtschaft«.

Sein Blog Lebensraum-Permakultur.de ist gefüllt von seiner Begeisterung und dem eigenen Forschen mit Permakultur und Landwirtschaft.

 

Über den Seminar-Rahmen

Seminarzeiten

Beginn: Samstag, 20. Juli um 9:00 Uhr

Ende: Sonntag, 21. Juli um 16:00 Uhr

Teilnahmegebühr auf Spendenbasis (Richtwert 50€ nach Selbsteinschätzung)

Zzgl. biologischer Vollverpflegung: 25€/Tag

Unterkunft: 11€/Nacht im eigenen Zelt oder Auto

Wenn du unbedingt teilnehmen willst, aber vor einer finanziellen Hürde stehst, melde dich bei uns – wir finden einen Weg!

Adresse

Verbindungskultur e.V. Gelände

Hohlenstein 34, 88693 Deggenhausertal

Anmeldung

per Mail an verbindungskultur.verein@posteo.de

Bitte gib bei der Anmeldung an, ob Du am Platz übernachten möchtest und die Art deiner Unterbringung (Zelt, Auto) und falls du Nahrungsmittelunverträglichkeiten hast.


Fräulein Fuchs – Naturcamp für Mädels von 10 bis 14 Jahren

Anmeldung an fuchscamp@web.de

vom 8. bis 12. Juli 2019
am Zeltplatz am Silbersee bei Dörnberg (Nähe Kassel)

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Liebe Mädels,
wir laden euch ein zu einer Woche voller Abenteuer, Natur und Gemeinschaft!
Am wunderschön gelegenen Silbersee werden wir unser Lager aufschlagen. Dort werden wir in die Natur eintauchen, den Wald erkunden und Tieren und Pflanzen begegnen. Wie wäre es, einfach Spiele zu spielen, freie Zeit zu haben und – wenn es die Waldbrandgefahr zulässt – auf dem Feuer kochen?
Wir geben euch die Möglichkeit:
– Wildpflanzen kennenzulernen und selbst etwas daraus herzustellen, z.B. eine Heilsalbe
– euch in verschiedenen kleinen Handwerksprojekten auszuprobieren (z.B. Schmuck machen,  kleine Schatzbeutel herstellen, schnitzen oder mit Naturfarben malen)
– eure (Über-)lebenskünste auf spielerische Weise zu erproben und noch weiter erblühen zu   lassen
– neue Bande zu knüpfen und in unserem Kreis von Mädchen und Frauen zu teilen, was euch bewegt
– euch selbst ganz frei zu entfalten und das Leben zu feiern, z.B. bei gemeinsamem Spielen, Tanzen und Singen
– oder einfach nur Zeit draußen zu verbringen und laue Sommerabende am Lagerfeuer zu genießen
Wir freuen uns auf dich!

 
Für wen: Mädchen von 10 bis 14 Jahren
Zeit: Montag, 8. Juli, 10 Uhr, bis Freitag, 12. Juli, 16 Uhr
Ort: Zeltplatz am Silbersee bei 34317 Dörnberg (Nähe Kassel)
Kosten: 175 € (inkl. Unterkunft und einfacher Verpflegung in Bio-Qualität)
Wenn Ihr Kind gerne teilnehmen will und Sie vor einer finanziellen Hürde stehen, sprechen Sie uns an – wir finden einen Weg!

 
Mit wem:
Sonja Janzer (Dipl. Sozialpädagogin, Wildnispädagogin, Natur- und Landschaftsführerin und leidenschaftliche Tante)
Viktoria Zimmer (Wildnis- & Natur-Kultur-Pädagogin und Landschaftsökologin)

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Über den Camp-Rahmen und die Infrastruktur am Platz:

Mit sechs bis zehn Teilnehmenden wird unsere Gruppe klein und fein sein, sodass großes Vertrauen untereinander möglich wird und wir individuell auf die Teilnehmenden eingehen können.
Der Platz ist einfach gehalten. Es wird einfache Solarduschen geben und ein- bis zweimal die Möglichkeit, im wunderschönen Zierenberger Schwimmbad zu duschen. Eine Toilette sowie ein regengeschützter Bereich sind am Zeltplatz vorhanden. Bitte Zelt, Isomatte und Schlafsack zum Draußen-Übernachten mitbringen (eine detaillierte Packliste verschicken wir nach der Anmeldung). Falls Ihr Kind selbst keine vollständige Ausrüstung zum Zelten hat, sprechen Sie uns einfach an – es gibt z.B. die Möglichkeit, Zelte zu teilen oder zu leihen.

 
Weitere Informationen und Anmeldung (bis zum 01.07.2019) unter:
E-Mail: fuchscamp@web.de
Tel.: 0176 47724512 (Sonja Janzer) oder 0157 32903512 (Viktoria Zimmer)

 
Träger unseres Naturcamps ist der Verbindungskultur e.V., ein gemeinnütziger Verein, der erfahrungsorientiertes Lernen für eine enkeltaugliche Zukunft ermöglicht. Dazu entwickelt er Lern-Erlebnisse, die eine tiefe und authentische Verbindung zur Natur stärken, in denen zukunftsfahige Lebens- und Wirtschaftsweisen erprobt werden und die ein friedvolles und schopferisches Miteinander fordern.


Abschied von Mala Spotted Eagle

Mala1Am Freitag den 18. Juni ist unser geliebter und geachteter Lehrer, Ältester, Freund und “Opa” Mala Spotted Eagle nach langer schwerer Krankheit von uns gegangen.

Seine große Liebe zum Leben, zur ganzen Schöpfung, seine aufrichtige Freundlichkeit, Sanftheit und Herzensgüte, sein achtsamer und respektvoller, bejahender Umgang mit aller Vielfalt in uns und um uns, mit Freud und Leid im Leben, und mit den vielen Herausforderungen und Beschwerlichkeiten seines Lebenswegs, haben unsere Arbeit von Anfang an inspiriert und stark geprägt.

Wir sind voller Dankbarkeit, dass Mala die Geschichte seines Lebens mit seiner langjährigen Freundin Hermine Schuring teilen konnte. Über mehrere Jahre lang haben sie Geschichten gesammelt und Hermine hat ein Buch daraus geschrieben, dass gerade rechtzeitig fertig geworden ist. Die Veröffentlichung steht noch aus, und wir sind voller Freude darüber, es im Herbst in den Händen halten zu können.

Wir freuen uns, wenn du auch das Buch vorbestellen und darüber hinaus ein bisschen für die Kosten für den Erstdruck und das Drumherum unterstützen magst, auf der Indiegogo-Webseite hier.

Danke Mala für all dein Sein und Wirken. Wir wünschen dir eine sanfte Reise ins Land deiner Ahnen.

Wir lieben dich und vermissen dich.

Abashi!

Nachruf von Elke

Dear Mala,

it’s been 2,5 years since you were here last, and my heart is still filled with all the joy and gratitude I feel from that time. It was such a lighthearted week or so, and in between talks we were fantasizing about the possibility of you moving in here with us, and between deep conversations about life and living, we also talked about house cleaning styles and routines, and food preferences, and other every day life things.

I remember when I met you in 2008, pretty much the first thing was hearing the intense story of your childhood and youth in Nevada, outside of the reservations, living with your family in white supremacists’ land. I felt dizzy from the pain of just imagining it all. And afterwards you reached out with so much compassion and gave me the first one of those good old long Opa-hugs that I came to love so much.

Your life was full of suffering Mala, the intense and dramatic kind, and the quiet kind, that can go unseen so easily. And you embraced it all. Over and over and over again you taught this to me and to so many of us, that whatever comes your way, whatsoever happens or doesn’t – that we can always embrace it, accept it as it is and eventually find meaning and even healing and joy in it.

It was wonderful to have you visit our home and that of many others so many times and to watch how gently you would weave your authentic self into different places, being deeply observant for the needs of the others, making yourself helpful, never taking anything for granted.

You were such an amazing rolemodel for being truly respectful: Whenever we sat with a new group of participants in a workshop you would ask in the most gentle way for every person’s permission for smudging the room, before we’ld start, explaining in detail why that was important to you personally, what it was, how it was done…and if only one single person in the group did not feel comfortable, you would instead just pass around the shell with the white sage leaves without lighting it, in order to respect that one voice.

I remember the first time when we visited you in your community in Oregon. I had never, never experienced a togetherness between people that was so full of appreciation, love, humor and gentle care and respect for each other. For the first two weeks I was basically in shock about this going on, not believing my own eyes (and also feeling kind of impatient a lot). How could such constant care and allowance for each others’ needs ever lead to anything productive? So little had I known about these things before visiting with you, and so sweet it became to bath in these waters that were guided by your commitment to kindness and gentleness. I was in awe about how much you had been able to build there together, the garden, the houses, the greenhouse… the whole system of mutual nurturance between you as people and the land you were caretaking for. When we watered the plants in the garden, you showed us how to let the water of the hose run across our left wrist and visualize the love from our hearts being poured through our arm out into the water and the soil for nourishing those seedlings into their healthy and abundant life.

Your humor was so innocent and childlike Mala! During one of your travels here you suggested calling each other after too comic figures, Obelix (that was you, for obvious reasons) and Asterix (cause I’m a small smart-ass), and I am still smiling big when I remember the constant loving teasing that just went on and on and on, whenever we hung out.

We also both could laugh endlessly about cats. In fact just a few days ago, our last laugh that we shared was about this one: 

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Then there was the power that moved through you, which was breathtaking and captivating for everyone who happened to be around.…your singing just blew people’s minds, one could literally feel all thoughts dropping to the ground (sometimes jaws dropped, too) when you hit the first note, and then the spirit of awe, heartfulness and exaltation rose with your singing. During one of the sunrise ceremonies there were 13 Red Kites circling above the group, like allies coming to greet you.

Yet never did you allow anyone to treat you like a master or guru or spiritual leader, everything in your conduct let people know very clearly, that you’re just another human being, which you also expressed to us over and over again, telling us how important it is that we ALL can learn something from each other!

Your deep and sincere appreciation for diversity touched me countless times. I never saw you meeting anyone, no matter the background of that person, without their heart being opened – because you met them with such an open heart and sincere interest yourself.

And the deep compassion, that probably was enhanced by all the hardship that you had gone through and the suffering that continued to be there, not just physically. I can only imagine what it must have been like to see all those elders, who had loved and supported you in the first decades of your life, leave to the other side over the years. How it must have been like to be on such a unique life path as yours, with the indigenous and the western world side by side. You were building bridges between cultural views, and you refused to reject white people per se – despite the terror that they had inflicted on your early years, and despite the contempt that you were still often faced with on an everyday basis back home in the US, especially in the cities.

In the intertribal and intercultural communities that you co-created, a real togetherness was possible, despite the manifold pitfalls of cultural appropriation and the differences in worldviews and upbringing. You had taught and role modeled to us all, that by connecting deeply to nature we can find a common ground to stand on together, and to work together for the benefit of the future generations.

I had been confronted at times with the prejudice that you were in it for the money, which is ridiculous and the opposite of what I always experienced! Running a workshop on just donations for you was the most frustrating thing for me. Several times I ended up mad about how little people would value what you had generously shared in terms of time and effort, sometimes leaving without giving anything at all. You just shrugged it off lovingly, like always, and cheerfully invited my son for hot chocolate on the road on our way back.

Yes, hot chocolate was a returning theme, and the amounts of spoonfuls of extra sugar or honey stirred into it by you have become a legend in our family life.

You taught me how to always connect to nature and spirit first and foremost, as the foundation for any human relationship. How to find peace and contentment in nature, how to feel the love from Mother Earth first, and then carry this love forth into the human realm.

I remember speaking up to you about difficult situations between us, even with anger, and how respectfully you listened and how sincerely you poured your heart and effort into finding solutions for the issues that we had, and just how much connection grew out of our honesty with each other.

Several situations I remember where I asked you for advice for something I had gotten excited about, and you gently, yet firmly showed me some pretty profound blind spots that I had rather avoided looking at myself. For me you were a true elder, not pushing your thoughts and opinions upon me, but guiding me in gentle ways.

As with the children… you were a strong advocate for making the voices of the children heard. In a community, you would advise, it was important to also ask the “little people” for their view of a situation before making any important decision.

The moments when you hung out with my son are among my fondest memories of our time together.

As well as celebrating the winter solstice with almost your whole family playing board games for hours and hours.

Standing before the fire in stillness, in the glory of the pristine morning, just before the sunrise ceremony.

Dear Mala, the “great one”, I miss you. I miss your wisdom, that carried the intense and unique life in it, that you have lived. What a life this was! You touched a couple of thousands of people over here in Europe, and your presence left an impact, a reminder of the beauty of our human nature, of the care, the love, the heartfelt consideration and the gentleness and softness that is available inside all of us, and that we can share with each other and share with all of nature as we walk through this life.

Your book is on the way and I remember the first time you told me about it. We were talking about living and dying and how many life threatening situations you had survived. Even in the time that I have known you, you outlived several times death diagnoses that your doctors had predicted.

I was marveling at that and wondering why, and you mentioned the book, your book: That there was this inner urge to put your life story out there for people to read it. And that you were sensing, that the book could most likely be your last endeavor in this realm of life.

So I dreaded the book, imagining how it’s completion could eventually take you from us.

Now I am so happy that you and Hermine made it – all your stories are written down and I cannot wait to read them!

I hear your voice inside of me almost everyday. “You need to fully embrace it, with an open heart”, you’re saying, or “allow all of nature to come to you”. Your teachings have influenced our work at the very core, way before the actual organization was founded. I would not be the person I am in the world if I had not been blessed with knowing you.

One of the most profound lessons from you for me was this:

At the time we first met I had been plagued by nightmares of being chased by a particular animal. In my dreams I was running frantically, then fighting back when the animal got close. It was haunting, and I asked you how I could protect myself? You explained to me this: “Whatever is coming after you (in a dream) is always trying to help you. It is a medicine that you need, that is trying to get through to you. You need to embrace it instead of running away from it. If you can stand still in your dream and allow it to fully come to you, you will see what happens.” I took this to heart and spend some time contemplating embracing the beast, which led to those dreams not returning again. When finally, after several years, the chase reappeared in my dream, I remembered your words Mala and was able to stand still. The huge animal that had been charging me stopped right in front of my face and starting licking and caressing my head with utmost love and affection. 

If you had not been there with your wisdom (again and again), I might still be running from the things that are there to help me.

Thank you for reaching out and for teaching me. Thank you for guiding me and us. Thank you for loving and honoring and embracing all of life so much, no matter how hard it became. It is still such an immense inspiration.

We had been chatting these last few days, about your life in the hospice. You wrote to me: “I am still focused on living life in the best way I can and enjoy what time I have.”

On the day you left you sent me a text in the morning that said: “I know that anything is possible and up to creator and not the doctors so anything is possible still. A big hug and love you very much…”

I love you Opa Mala, we all do. We will continue to serve you hot chocolate with wagon loads of sugar in it and Hähnchen, whenever you want some. I am happy that you can walk on in lightness now, and I pray for a sweet and gentle journey to the land of your ancestors.

And I will keep listening to your gentle guidance.

Until we meet again… abashi!

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Seminar Artenschutz = Klimaschutz – Der 3-Zonen-Garten der Permakultur

Anmeldung an verbindungskultur.verein@posteo.de 

2-Tages-Seminar mit Markus Gastl & Maria Stark

12.-14. April 2019 am Hohlenstein (Lellwangen)

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Möchtest Du etwas für die Artenvielfalt und den Klimaschutz hier vor Deiner Haustür tun?

Möchtest Du Inspirationen und einfaches praktisches Handwerkszeug bekommen um deinen Garten in eine „Oase des Lebens“ zu verwandeln?

Sei dabei und werde Teil dieser Bewegung für den Artenerhalt und Klimaschutz!

In diesem 2-Tages Seminars erlernst du praktisches Wissen und Fertigkeiten aus dem Naturgartenbau und der Permakultur-Gestaltung für Artenvielfalt und Klimaschutz im eigenen Garten.

Neben den Kursinhalten wirst Du Aspekte und Werkzeuge eines verbindungstiftenden Miteinanders im gemeinsamen Tun an unserem wunderschön gelegenen Praxislernort am Hohlenstein erleben.

 

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Unsere GastlehrerInnen

Markus Gastl

gastlMarkus Gastl ist Gründer des Hortus-Netzwerkes, Buchautor, Naturschützer und Visionär. 2007 gründete er “Hortus Insectorum” als ersten Garten seiner Art in Beyerberg, Mittelfranken.

http://hortus-insectorum.de/

Maria Stark

fullsizeoutput_6b9f-768x512Maria ist mit Leib und Seele Naturgartenplanerin, Landschaftsökologin und Fachberaterin für Natur-Erlebnis-Räume. Ihre Arbeit wurde als Fachbetrieb für Naturnahes Grün von Bioland e.V. und NaturGarten e.V. ausgezeichnet und empfohlen.

https://naturgartenplanerin.bio/

 

 

Mehr Informationen über Permakultur: https://files.holmgren.com.au/downloads/Essence_of_Pc_DE.pdf

 

Über den Seminar-Rahmen

 

Seminarzeiten

Beginn: Freitag, 12. April 2019 um 18 Uhr mit dem Abendessen (Anreise 15 – 17 Uhr)

Ende: Sonntag, 14. April 2019 gegen 16 Uhr  

 

Adresse

Verbindungskultur e.V. Gelände  

Zum Hohlenstein 2, 88693 Deggenhausertal

 

Anmeldung

per Mail an verbindungskultur.verein@posteo.de oder telefonisch an Julia Talk 017631125375

Bitte gib bei der Anmeldung die Art der Unterbringung (Zelt, Auto, Erdgewächshaus oder privat) und Nahrungsmittelunverträglichkeiten an.

Teilnahmegebühr

Ohne Übernachtung: 90€ (Mitgliedspreis: 80€)

Zelt/Auto: 100€  (Mitgliedspreis: 90€)

Erdgewächshaus: 115€ (Mitgliedspreis: 105€)

 


“Wie neu geboren” – Warum es funktioniert?

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Immer mehr lernen wir darüber, wie wichtig eine natürliche Geburt und danach ein durchweg nährender, fürsorglicher, liebevoller und zärtlicher Kontakt zu Babies ist, damit sie sich gesund und glücklich entwickeln können. Erkenntnisse der modernen Forschung und das Beobachten des Umgangs mit Säuglingen und Geburt in anderen Kulturen zeigen deutlich, was zu einem gelingenden Eintritt ins Leben alles dazu gehört. Glücklicherweise werden die Stimmen lauter und kraftvoller, die diese Herangehensweisen vertreten und immer mehr Menschen eine Zugang dazu ermöglichen, wie beispielsweise im Artgerecht-Projekt.

Gleichzeitig wissen viele von uns aus eigener Erfahrung, oder aus dem Kontakt mit anderen Betroffenen, wie gravierend sich eine schwierige, leidvolle Geburtserfahrung, wie auch das was wir während der ersten Zeit danach erleben, auf unser gesamtes weiteres Leben auswirkt, vor allem auf unsere zwischenmenschlichen Interaktionen und die Beziehung zu unseren Liebsten, aber auch auf unser eigenes Selbstwertgefühl, die Fähigkeit uns selbst zu lieben und anzunehmen so wie wir sind, und vieles andere mehr.

Es kann viele, sehr viele Gründe dafür geben, warum eine umfassende Zuwendung während und nach der Geburt nicht möglich war in meinem Leben: Krankheit der Mutter, Frühgeburt mit Aufenthalt in einem Brutkasten, von Ärzten angeordneter Kaiserschnitt, Wochenbettkrisen oder Depression, mangelnde Unterstützung durch Partner oder erweiterte Familie, schwierige ökonomische Umstände und vieles mehr. Vor allem aber auch ein gesellschaftlicher Grundkanon, der Eltern vermutlich Jahrhunderte lang dazu ermutigt hat, emotional kühl und die Seele ebenso wie die körperlichen Bedürfnisse eines Babys zu vernachlässigen.

In ihrem aufrührenden Artikel beschreibt Anne Kratzer die systematische emotionale Vernachlässigung von Kindern, einen Teil der Geschichte, den wir erst langsam aufarbeiten. Sie erzählt von Johanna Haarer’s Buch, einer Nicht-Pädagogin, die gezielt von den Nazis gefördert wurde, und deren Buch “Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind” bis 1987 insgesamt 1,2 Millionen mal verkauft wurde.
Haarer schreibt darin: “Die Überschüttung des Kindes mit Zärtlichkeiten, etwa gar von Dritten, kann verderblich sein und muss auf die Dauer verweichlichen. Eine gewisse Sparsamkeit in diesen Dingen ist der deutschen Mutter und dem deutschen Kinde sicherlich angemessen.« Gleich nach der Geburt sei es empfehlenswert, das Kind für 24 Stunden zu isolieren; statt in einer »läppisch-verballhornten Kindersprache« solle die Mutter ausschließlich in »vernünftigem Deutsch« mit ihm sprechen, und wenn es schreie, solle man es schreien lassen. Das kräftige die Lungen und härte ab.
Die Ratschläge aus Haarer’s Buch wurden in den so genannten Reichsmütterschulungen gelehrt. Allein bis April 1943 nahmen mindestens drei Millionen Frauen an ihnen teil, und darüber hinaus war der Ratgeber die Grundlage für die Erziehung in Kindergärten und Heimen.

Wir können vermuten, das der Einfluss dieses Buches und die Spuren der darin propagierten Verhaltensweisen (die leider auch schon in den Jahrhunderten zuvor weithin praktiziert worden waren), sich auch in unserer eigenen Biographie wiederfinden – mit allen negativen Auswirkungen auf unser Leben hier und heute.

In unseren Lehrjahren mit Sobonfu Somé haben wir kennenlernen dürfen, wie wichtig ein tiefes und tätiges, umfassendes Willkommengeheißen werden am Beginn des Lebens ist.

Und wir haben auch gelernt, dass wir dieses als Erwachsene nachholen können!

Wie wir uns selbst bewusst verändern können

Veränderung durch positives Denken in Form von Glaubenssätzen, die wir uns selbst erzählen, funktioniert nicht, soviel wissen wir inzwischen.

Der US-amerikanische Psychologe Dr. Rick Hanson hat erforscht, wie und warum unser Verstand stattdessen, durch unsere Absichten und Intentionen, unser Denken und Handeln es schaffen kann, unser Gehirn dennoch buchstäblich zu verändern.

Denn wir sind nicht notwendigerweise Opfer unserer bisherigen Lebensgeschichte, sondern können selbst aktiv darauf einwirken, die persönlichkeitsbildenden Spuren unserer Vergangenheit in unserem Gehirn ein Stück weit umzuschreiben – und Veränderungen zu mehr Wohlbefinden für uns und unsere sozialen Interaktionen zu begünstigen.

Dieser Prozess beginnt laut Rick Hanson mit den Intentionen, die ich setze. Sie sollten idealerweise das als Startpunkt und Ausgangsbasis nehmen, wo ich wirklich stehe – innerlich und was meine äußeren Lebensumstände betrifft.

Er empfiehlt es, für das Finden kraftvoller Intentionen in die Zukunft zu “reisen”, mir beispielsweise vorzustellen, als alter Mensch auf der Veranda zu sitzen, und von diesem Blickwinkel aus darüber zu entscheiden, welche Intentionen ich für mein Leben ins Zentrum stellen möchte.

Damit Intentionen ihre Wirkkraft voll entfalten können, empfiehlt es sich, Werte und Qualitäten als einen persönlichen Nordstern zu wählen, wie beispielsweise Freude, Liebe oder Frieden. Ähnlich wie beim Navigieren anhand der Sterne, stellen solche Nordstern-Werte ein Ideal dar, dass ich nie ganz erreichen werde. Andererseits sind sie (anders als konkrete Ziele) von Moment zu Moment erlebbar und können bereits hier und heute Teil meines Handelns sein. Besonders kraftvoll wirken sie meiner Erfahrung nach, wenn sie nicht nur für mich allein dienlich sind, sondern für das Wohl des Großen Ganzen – ich also nicht nur meine eigene Freude und Gesundheit in den Blick nehme, sondern das Wohlergehen aller Wesen.

Die Bedeutung von positiven Erlebnissen

Rick Hanson hat außerdem eine einfache Abfolge von Schritten empfohlen, die mir dabei helfen können, Erlebnisse zu kreieren, die mein Dasein auf einer Erfahrungsebene wirklich tiefgreifend verändern können.

Er nennt seinen Prozess H.E.A.L. – eine Abkürzung für folgende einzelne Schritte:

H = HAVE = ein Erlebnis HABEN.
Wenn mir persönlich das Willkommengeheißen werden in der allerersten Lebensphase gefehlt hat oder nicht besonders reichhaltig stattfinden konnte, bedeutet dies, ein (und im Idealfall viele) Erlebnisse zu kreieren, wo ich willkommen geheißen werde.

E = ENRICH = das Erlebnis REICHHALTIG machen
Wenn ich in der Situation bin, wo ich die Qualität, die ich brauche erfahren kann, hilft es mir besonders, wenn ich voll und ganz in den Moment komme, mit allen meinen Sinnen so intensiv wie möglich spüre, lausche, schaue, rieche, schmecke, und die Aspekte der Erfahrung so umfassend wie möglich auf mich einwirken lasse, mich mit meiner gesamten Aufmerksamkeit darauf konzentriere.

A = ABSORB = das Erlebnis VERINNERLICHEN
Hier stelle ich mir vor, wie das Erlebte wirklich in mich hinein sinkt und die Erfahrung zu einem Teil von mir selbst wird. Ich kann sie beispielsweise in mein Herz hinein holen oder mir vorstellen, wie sich die Neuronenverknüpfungen in meinem Gehirn verändern, oder wie sich jede Zelle meines Körpers mit diesem Erlebnis auffüllt.

L = LINK = das Erlebnis VERKNÜPFEN
Nun kann ich dieses Erlebnis, das nun stark, präsent und kraftvoll auf mich wirkt, verknüpfen mit einem Moment meines Lebens, wo ich es dringend hätte gebrauchen können. Ich kann mir beispielsweise vorstellen, wie ich nicht als Erwachsene so liebevoll willkommen geheißen werde, sondern als das Baby, das ich einmal war.

Rituale als Raum für positive Veränderungen

Rituale wirken auf sehr vielfältige Weisen auf unseren Geist, Seele und Körper ein!

Eine davon ist es, Erlebnisse zu erschaffen, die im Ritual besonders intensiv erlebt, verinnerlicht und verknüpft werden können, so dass sie ein Teil meines persönlichen Erfahrungsschatzes werden und sich auf mein Gehirn und damit auch mein weiteres Denken, Handeln und meine Persönlichkeit und Identität in der Welt auswirken können.

Ich freue mich, einige von euch bei unserem Rebirthing-Ritual im April am Schloss Tempelhof dabei zu haben, und gemeinsam das nachnähren zu können, was so essentiell ist für jeden Lebensanfang:

Das liebevolle Willkommengeheißen werden nach einer natürlichen Geburt, gehalten von einer nährenden und unterstützenden Gemeinschaft.

Es braucht nicht nur ein Dorf, um ein Kind ins Leben zu begleiten – für viele von uns braucht es auch ein Dorf (zumindest immer mal wieder! :-)), um unser inneres Kind nachzunähren und in ein glücklicheres und erfüllteres Leben zu begleiten.

Alle Infos zum Rebirthing und den Link zur Anmeldung im Tempelhof findest du hier…

 


Unsere zweite Reise zu den Ju’hoansi

…im Dezember 2018 / Januar 2019, mit Fotos von Ulrike Hartmann und Werner Pfeifer

Diesmal machten wir uns mit einer kleineren Gruppe von sieben Erwachsenen und einem Kind auf die weite Reise zum Lebendigen Museum des Little Hunters’ Village, im nur über hunderte Kilometer Sandpiste erreichbaren Nordosten Namibias.

20181215-IMG_5841Werner Pfeifer schenkt uns vom ersten Moment direkt nach dem Flug nach Windhoek seinen jahrzehntelang geschärften Blick eines Einheimischen in Namibia, der die Tier- und Pflanzenwelt, die Geologie und die gesellschaftlichen Umstände im Land so richtig gut kennt.

Es ist wie ein Traum, schon kurz nach dem Flug neben der Straße plötzlich Giraffen zu sehen, oder die mit ihren großen breiten Schnauzen und borstigem Fell lustig anmutenden Warzenschweine.

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Sicher begleitet uns Werner in seinem Busch-Bus durch die Stadt Windhoek und die unendlich weite Landschaft dieses trockenen Landes, bis wir zwei Tage später auf einem Campingplatz fünf Fußminuten vom Dörfchen //Xa/oba entfernt ankommen.

Das Dorf liegt auf dem großen Gebiet des Nye-Nye Conservancy, einer Art Landschaftsschutzgebiet, der einzigen Region im gesamten südlichen Afrika wo Buschleute noch jagen dürfen. Die Regenzeit ist spät dran in diesem Jahr und das Land liegt trocken und karg vor uns.

Das Wiedersehen am ersten Abend ist herzlich und ich freue mich so, die Gesichter vom letzten Jahr wiederzusehen ­– die Älteren noch mehr gealtert, die ganz Kleinen enorm gewachsen und die Jugendlichen erstaunlich gereift.

20181216-IMG_5855Die

Die ersten Tage verbringen wir kurzweilig, gehen Pflanzenmaterial für Handwerksprojekte sammeln und gemeinsam mit einer Horde Kinder und Erwachsenen von der Landschaft kosten.

Die Männer graben für uns einen Skorpion aus, etwa fünfzehn Minuten braucht es, um die verwinkelten unterirdischen Gänge des gefürchteten Krebstieres zu verfolgen und letztendlich das kleine giftige Wesen herauszuziehen, das blitzschnell zum Angriff übergeht und den ältesten der Männer in den Finger sticht. Zum Glück ist der Stich nur so schlimm wie ein Hornissen- oder Bienenstich, etwa drei Tage lang wird der alte Mann eine schmerzhaft geschwollene Hand davon haben.

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Oft sind wir als ganze Gruppe unterwegs mit unseren Guides, zum Beispiel beim Erkunden der Fährten rund um unser Camp, wo mehrmals das halbe Dorf, mit Kindern und Alten mitkommt und wir neben den Spuren der Säugetiere auch die der Skorpione, Grillen, Käfer und einiger Vögel kennenlernen. Manchmal teilen wir uns auf, je nach unserem Interesse, so stellen die Männer einmal gemeinsam den Korpus der zarten aber äußerst effektiven Buschmann-Pfeile her, und wir Frauen sitzen ein Stückchen weiter mit den jungen Ju’hoansi-Frauen zusammen, zeichnen Bilder in den Sand, um uns auch ohne Dolmetscher zu verständigen, und wir probieren mit ihnen stampfend hüpfende Tänze und über dem warmen Sand flirrende Lieder aus.

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Meistens besteht unser Tag aus einem frühen und kurzen Morgen, über die Mittagsstunden haben wir Pause für Hängemattenzeit, Lesen und Erholung in der manchmal drückenden Hitze. Währenddessen gibt es oft Besuch von Dorfkindern, die dann mit unserem 12jährigen Elia stundenlang Spiele spielen.

An den Nachmittagen, wenn es langsam wieder kühler wurde, gibt es noch mal Zeit für gemeinsame Unternehmungen.

IMG_2849Im Dorf gibt es einige Meister-Tracker, die nach dem international etablierten, von Louis Liebenberg entwickelten Cyber-Tracker System auch Evaluationen abnehmen, und von denen einige schon mehrmals in Europa bei Tracking-Konferenzen und als Fährtenleser für verschiedene Projekte mit dabei waren. Mit ihnen oder auch alleine mit Werner, der ebenfalls ein hervorragender Fährtenleser ist, machen wir uns mehrmals auf, um uns intensiver mit der Bestimmung der Spuren im Sand zu beschäftigen. Es sind himmlische Bedingungen, nicht nur der gerade richtig weiche, aber nicht zu tiefe Sand machen es sehr leicht, sondern nun auch immer wieder kurze Regenschauer, die den Boden zwischendurch „rein“ wischen und klarste Bedingungen für die neuen Spuren nach dem Regen schaffen.

P1250280Es ist himmlisch, die Trittsiegel von Tieren wie Leoparden, Geparden, Oryx und Kudu zu finden, auch von Straußen, Wildkatzen, Erdwölfen und vielen anderen spannenden Säugetieren und Vögeln. Ein paar mal folgen wir einer bestimmten Fährte über einen längeren Zeitraum und lassen uns von einem Tier auf seinem Weg durch die Landschaft führen. Wir sehen in den Spuren, wo der Strauß dem wir folgen sich flach auf den Boden drückt, um sich vor uns zu verbergen, und dann doch weiterlaufen muss, als wir uns nähern. Oder wie behände die doggen-große Tüpfelhyäne durch den dickichten Busch ihren Weg findet, in Schlängellinien geradeaus, vielleicht gelockt vom Duft eines toten Tieres.

Die Buschleute behalten die ganze Zeit die Orientierung in der für uns völlig verwirrenden, flachen Savannen-Landschaft, wo wir innerhalb kürzester Zeit nicht mehr wissen, in welcher Richtung sich Auto oder Zuhause befinden.

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Und sie schaffen es, die Spur immer weiter und weiter und weiter zu finden, selbst durch dichten Grasbewuchs, wo wir anderen sie leicht verlieren. Sie lassen uns abwechselnd der Fährte folgen und wenn wir nicht mehr weiterwissen, helfen sie, zeigen uns, wie es geht. Überhaupt scheint so die Buschmann-Pädagogik zu funktionieren… die Erwachsenen tun was sie tun, bis die Jüngeren (oder wir!) Interesse daran haben, es auch zu lernen. Dann dürfen sie (und wir J) es ausprobieren, ohne große Anleitung, ohne lange Vorreden, einfach machen. Und wenn’s zu sehr neben dran geht, greifen die „Lehrer“ ein, wobei das leitende Prinzip „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“ zu sein scheint. Das Lernen fühlt sich entspannt und frei an, und ist ein sicherer Raum, wo Fehler aller Arten mit Wohlwollen und Mitgefühl und liebevollem Humor bedacht werden.

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Auf unsere Frage, wann und wie die Ausbildung der Jungen für die Jagd beginnt, erzählen mehrere Buschleute, dass das voll und ganz davon abhängt, was der Junge „anzeigt“. Sein persönliches Interesse ist der Motor, und die Erwachsenen begleiten ihn Schritt für Schritt bei dem, wozu er innerlich bereit ist und Lust und Interesse daran bekundet: Minibogen bauen, Fallen stellen, mit den Alten auf die Jagd gehen, selbst mit Pfeil und Bogen jagen und die Beute weiter verarbeiten – es hängt alles davon ab, wann er selbst soweit ist, und ob, denn nicht alle Jungen wollen überhaupt Jäger werden.

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Gemeinsam mit drei Buschmännern und nur wenigen von uns auf die Jagd zu gehen ist ein Abenteuer das in mir tiefe Sehnsucht weckt. Als Mensch fühle ich mich klein und schwach in dieser weitläufigen Landschaft voller Gefahren. Auch die drei fast nackten Männer die vor uns laufen, nur mit Pfeil und Bogen und Speeren ausgerüstet, scheinen so verletzlich und angreifbar. Abwechselnd schleichen und pirschen wir langsam und lautlos, wenn Oryx oder Pferdeantilopen, Steinböckchen oder Kudu nah sind, oder eilen schnellen Schrittes über die vor Hitze flirrende Ebene, wenn wir woanders hin wollen, damit die Tiere keinen Wind von uns bekommen, oder wenn wir ihnen in ihrer Fluchtbewegung zuvorkommen und auf diese Weise auflauern wollen.

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Elektrisierende Spannung füllt die Luft wenn einer der Dreien, `Naishi, alleine loszieht, um den Schuss zu platzieren. Immer klappt irgendwas nicht. Einmal ist er fast an der Herde von Oryx angekommen, zielt schon, als ein zurückgebliebener Bulle direkt neben ihm aufschreckt, den er übersehen hatte. Alle toben davon, zurück bleibt nur Staub. Ein anderes Mal flüchten die Pferdeantilopen, obwohl sie `Naishi nicht bemerkt haben. Der Grund ist eine Elefantenherde, der er nun selbst schnell und unbemerkt ausweichen muss.

Mit für uns günstigem Wind können wir die heutzutage gefährlichen Riesen eine Zeitlang aus der Nähe beobachten. Die Mütter und Babys planschen im schlammigen Wasserloch, bis ein Kleines steckenbleibt. Eine andere Herde nähert sich und Panik kommt auf. Die Alten probieren das Kind rauszuziehen oder zu schieben, während eine größere Elefantenkuh zurückläuft und sich drohend gegen die ebenfalls gereizte Anführerin der anderen Herde stellt. Kurz scheint es, dass eine von beiden in unsere Richtung ausbrechen würde, und die Buschleute rennen los und rufen: „Lauft, lauft weg!“ Nur ein kurzer Schreckmoment, zum Glück können wir wenige Meter weiter wieder anhalten, das Baby ist frei und alle Elefanten beruhigen sich wieder.

So winzig empfinde ich uns in der Nähe dieser riesigen Mit-Wesen, deren Trittsiegel manchmal so lang sein können, wie mein ganzer Arm, und die unvorstellbar viel Kraft haben.

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Die Buschleute lachen und wir lachen mit, erleichtert. Nachdem die zweite Herde getrunken und gebadet hat, geht Tsamma auf sie zu und schimpft sie laut auf Englisch an: „Hey ihr Kerle, verschwindet, los, macht euch weg hier, haut ab!“ Und wirklich merken sie sofort auf und ziehen sich zügig zurück. Wir sind total verblüfft. Später erzählt er uns, dass er das schon oft so gemacht hat, es aber nur ginge, wenn man nicht im Wind stehe. Wenn sie nicht riechen können, was da rummotzt, würden sie sich vorsichtig verhalten, selbst wenn man ganz nah von ihnen überrascht würde. Sobald sie aber witterten, dass wir Menschen sind, sei ein Angriff möglich und wahrscheinlich. Was ich mitnehme ist einmal mehr Gefühl dafür, wie fein der Grat zwischen Leben und Tod hier in der Kalahari sein kann, und wie viel Erfahrung und Wissen es braucht, um trotzdem sicher zu sein.

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Das moderne Leben macht manches sicherer, zum Beispiel schützen Stirnlampen nachts davor, auf jagende Spinnen oder Skorpione zu treten, Schuhe schützen die Füße auch tagsüber vor den Dornen und dem heißen Sand, und Hunde schützen das Dorf vor Hyänen- oder Elefantenbesuch.

Es bringt aber andere Gefahren, schleichender, und ein erst langsam wachsendes Wissen darüber, wie mit ihnen umgegangen werden kann.

Drogen wie Alkohol oder Marihuana sind im Umlauf in der Region und viele Buschleute in ganz Namibia sind schwer alkoholabhängig und leben in absolutem Elend.

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Ein junger Mann vom Hunters Village wird beim Einkaufsausflug mit uns in der großen Stadt ausgeraubt – alle Einnahmen der Gemeinschaft von einer ganzen Arbeitswoche und noch ein Vorschuss den wir ihnen gegeben hatten sind weg, auf einen Schlag.

Von der Verwaltung bekommen die Buschleute ab und zu Lebensmittel: vor allem Öl zum Braten, mit Vitaminen angereichertes Maismehl und viel Zucker – das Gegenteil ihrer traditionellen Ernährung aus Wildpflanzen und selbst gejagtem Fleisch. Im örtlichen Laden, etwa 30 Autominuten entfernt, gibt es kaum Gemüse oder Obst, dafür massenweise überteuerte Fertigprodukte von Nestlé, alle mit Zucker.

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An der Kleidung vor allem der jüngeren Menschen wird sichtbar, wie viele westliche Schönheitsideale hier schon Einzug gehalten haben. Und die Spiele der Kinder sind verglichen mit meinem letzten Besuch in 2018 deutlich verändert, viel mehr Spiele scheinen mir diesmal aus der Schule zu kommen, sind angelehnt an westliche Spiele, wo es auch ums Kämpfen geht – etwas das es bei Buschleuten traditionell nicht gab. Waren sie im letzten Jahr noch nicht so verankert? Oder war es mir nur nicht aufgefallen?

Vor allem die knapp 60 Ziegen, die die Regierung vor einigen Jahren dem Dorf „geschenkt“ hat, sind ein großes Problem. Sie fressen einfach alles, und das bisher noch ursprünglich wilde Gebiet rund ums Dorf wird durch die Anwesenheit der Ziegen stark verändert. Die ohnehin kargen essbaren Pflanzen der Kalahari sind so schnell aufgefressen von einer ewig hungrigen Ziege, so dass tatsächlich die Nahrungsgrundlagen der Buschleute eher bedroht sind als verbessert. Und aufessen sollen sie die Ziegen nur wenn sie sich trotzdem vermehren und eine bestimmte Population erreicht ist. Das Ziegenprojekt ist somit leider eines der sinnlosen Entwicklungshilfeprojekte, die mehr Schaden als Nutzen anrichten, weil sie die Bedürfnisse vor Ort überhaupt nicht berücksichtigen.

IMG_2463Das selbstorganisierte und selbstverwaltete „Lebendige Museum“ dagegen ist eine andere Art von Entwicklungs-Ermöglichung, angepasst an die Menschen und mit aller Freiheit selbst zu gestalten. Werner Pfeifer hat inspiriert von seiner Tätigkeit als Experimenteller Archäologe in Steinzeitmuseen hier in Deutschland den Impuls dafür gegeben. Die gesamte Organisation und alle Entscheidungen vor Ort liegen bei den Buschleuten, in der Gemeinschaft, wo traditionell alle im Konsens entscheiden, was getan wird. Auch die Einnahmen gehen komplett an die Gemeinschaft.

Es ist ein gutes Leben für sie, erzählen uns viele, sie sind stolz darauf, Ju’hoansi zu sein, und es macht ihnen Spaß, ihre Fertigkeiten mit uns zu teilen und uns Sachen beizubringen, und auf diese Weise ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Das traditionelle Wissen und die Fertigkeiten des Lebens mit dem Land, welche bei der Gründung des Museums nur noch die Alten hatten, wird seitdem nicht nur an die Besucher und Touristen weitergegeben, sondern auch an die Jungen und noch Jüngeren.

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Ein besonderer Moment unserer Reise ist für mich, als am Weihnachtsmorgen (ja, auch die Ju’hoansi feiern Weihnachten) Werner mit einem ganzen Haufen Kinder in seinem Busch-Bus vorfährt und zwei von uns Touristen aufgabelt, damit wir den großen Kessel holen, in dem der Weihnachtsschmaus fürs Dorf gekocht werden soll. In fünf Minuten sind wir bei der kleinen Dorfschule angekommen und der Kessel ist gewaltig groß, so groß wie der Zaubertrank-Kessel von Miraculix, aus dickem Gusseisen. Die Kinderaugen leuchten erfüllt und begeistert, voller Vergnügen am Moment und voller Vorfreude.

Es berührt mich sehr, mir vorzustellen, was aus diesen Kindern eines Tages werden wird. Wie werden sie die Kultur ihrer Vorfahren weitertragen? Welche Form werden sie ihr schenken? Wie wird ihre Verbindung zum Land sein, zur Natur um sie herum und ihn ihnen? Und wie kann ich sie dabei unterstützen, ein verbundenes, friedvolles glückliches und freies Leben zu führen?

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Kurz darauf lernen wir !Amashe kennen, einen Mann der von einem anderen Buschmann-Volk stammt und der Beh, eine Ju’hoansi Frau, geheiratet hat. Lange Zeit war er der Ansprechpartner eines anderen Living Museums, in Grashoek, etwa zwei Autostunden entfernt.

Jetzt lebt er mit Großfamilie und Freunden bei Tsumkwe, mit denen gemeinsam er eine neue Dorfgemeinschaft gründet.

Einfühlsam und präsent begleitet !Amashe uns durch den Nachmittag. Für jeden findet er etwas zu tun, das begeistert, so dass wir alle ins Mitmachen kommen. Wir hängen mit unseren Augen an seinen geschickt werkelnden Händen, genießen seine einladende Freundlichkeit und die Freude am gemeinsamen Tun.IMG_E0477Super flink werden verschiedene Projekte gestartet und einige auch abgeschlossen, alles scheint leicht zu sein, genau das richtige Material ist da oder wird schnell geholt, ein paar Verwandte und Freunde helfen mit und alles geschieht im Fluss.

Mit schockierender Offenheit erzählt !Amashe uns davon, wie seine Frau Beh mit einem Messer auf ihn einstach, als sie vor vielen Jahren beide völlig betrunken waren. Es war ein Streit darüber, wer Wasser holen gehen soll. Breite und lange Narben zeugen davon, von einem Moment der so schrecklich war, dass er ein Wendepunkt werden konnte.

Beide entschlossen sich, dem Alkohol abzuschwören, der viel in ihrem Leben zerstört hatte. Gänsehaut bringt seine leise und bestimmt gesprochene Vision vom Erhalt der Kultur, vom lebendig halten dessen, was sie als Buschleute ausmacht, was für sie überlebenswichtig ist.

P1250363Beh ist mit dabei und ernsthaft und eindringlich werden ihre sonst so weichen Blicke, das Leid das sie beide durchgemacht haben wird spürbar, und in ihren Augen funkelt klar und frei der Wille, ein besseres Leben zu erschaffen und möglich zu machen für sich selbst und die Generationen der Zukunft.

Auch die Meister-Tracker ’Ui, seine Frau No’shae und einige andere wollen ein neues Dorf gründen. In den letzten Jahren hat es viele Gespräche darüber gegeben, wie damit gut umgegangen werden kann, dass einige im Dorf sich als Meister-Fährtenleser entwickeln, dafür auch immer mehr Beachtung von außen bekommen, und das Fährtensuchen mehr und mehr ihr Herzensthema wird, dem sie sich vollständiger widmen wollen, dafür auch eine Tracking-Schule gründen wollen.

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Nach vielen Beratungen miteinander und mit vertrauten Freunden wie Werner, wurde im Little Hunters Village die Entscheidung getroffen, dass die Gruppe ein neues Dorf gründen wird, etwa 15 Auto-Minuten entfernt von der alten Dorfgemeinschaft. Die Verschiedenheit der Lebensentwürfe wird durch die Trennung anerkannt und bestätigt, und in Einigkeit können nun eigene Wege gegangen werden, in Verbindung und gegenseitiger Unterstützung.

Für mich hat die Zeit mit den Ju’hoansi wieder viel mehr Fragen aufgeworfen, als wir Antworten finden konnten. Wie viele andere Völker der Erde stehen sie an einem Scheidepunkt in der Geschichte: Die Ältesten von ihnen sind noch als Jäger und Sammler durch die Kalahari gestreift, haben relativ frei gelebt, trotz der zunehmenden Unterdrückung von außen. Ihre Erinnerungen an das alte Leben sind so nah, können noch erzählt werden, vieles von dem alten, zig Jahrtausende lang immer mündlich überlieferten Wissen ist noch da.

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An vielen Orten weltweit können wir sehen, wie innerhalb nur einer Generation dieses Wissen vollständig verloren geht, weil es dem Druck der Kirche und der oft durch missionarisches Gedankengut gefärbten Bildungssysteme, der Politik, der globalen Wirtschaftsmächte, des Fortschrittsstrebens und der bis in den entlegensten Winkel der Erde präsenten Verlockungen des Konsums nicht standhalten kann.

Ich schaue in die Augen der Kinder, die übereinander gestapelt in Werner’s Busch-Bus sitzen und kichern und scherzen, und wünsche es mir so sehr, dass auch sie ein Leben mit der Natur, für die Natur und für die Menschen leben und an ihre Kinder und Kindeskinder weitergeben können. Ich denke daran, wie meine Elterngeneration, die zum Ende des Krieges Geborenen, die auf dem Land aufwuchsen, noch so viel wussten, über die natürliche Welt, so viel mitbekamen. Wie der Schatz an mündlich überlieferten Erfahrungen in der Natur immer schmäler wurde, von Generation zu Generation, und wir heute massenweise Kinder um uns haben, die einen Großteil ihrer Kindheit an Videospiele und soziale Medien verlieren.

Ich glaube, dass wir ein Wissen über die Natur, das aus authentischer, gelebter Verbindung zur Landschaft erwächst, heute dringender denn je brauchen, vor allem wenn es auf eine Weise genutzt wird, durch die gesunde und förderliche Synergien zwischen dem Alten und dem Modernen entstehen.

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Auch ich hier in Europa sehne mich nach einem Leben in inniger Verbindung zur Landschaft und zur Erde, aus der eine Fürsorge für das Land erwächst, so dass meine Entscheidungen und mein Handeln Vielfalt und Fülle erschafft, für alle Wesen.

Ich weiß auch nach dieser zweiten Reise nicht sicher, wie wir die Ju’hoansi in Namibia am besten unterstützen können. Was ich von dieser zweiten Reise mitnehme ist jedenfalls ein kraftvoller Wunsch, im lebendigen persönlichen Austausch zu bleiben, und so nach und nach gemeinsam herauszufinden, was wir von ihnen lernen können und wie und womit wir ihnen hilfreich sein können uns wie wir ein Stück weit gemeinsam mit ihnen bewahren können, was wir alle für die Zukunft unseres Planeten gut gebrauchen können.

Deshalb fliegen wir wieder hin – die nächste Reise findet vom 22. Januar bis 19. Februar 2020 statt.

Eindrücke von unserer ersten Reise zu den Ju’hoansi im Spätherbst 2017 findest du hier… 

Hier kannst du mehr über das Little Hunters Village und die anderen Lebendigen Museen in Namibia erfahren, die für Touristen geöffnet sind…

 


Warum wir trauern…

…wie wir Menschen tiefen Verlust erleben und bewältigen

“Trauer ist eine unmenschliche Erfahrung, die in einem menschlichen Körper stattfindet.”

Christina Rasmussen

Im letzten Jahr, nachdem unsere geliebte Lehrerin Sobonfu Somé gegangen ist, habe ich viele Monate damit verbracht, noch tiefer zu erforschen und zu erlauschen, was Trauer ist und was wir als Menschen brauchen, um auf eine gesunde Weise mit ihr umzugehen.

Trauern ist Leben 

Viele Wissenschaftler heute bekräftigen das, was wir aus dem überlieferten Verständnis naturverbundener Kulturen wie der Dagara in Burkina Faso bereits wissen: Dass ein Fühlen, Durchleben und Verarbeiten der Trauer lebens-wichtig ist! Unsere seelische, geistige, körperliche Gesundheit hängen davon ab, ob und wie wir es schaffen, die großen (und kleinen) Verluste im Leben zu bewältigen.

Die Fähigkeit tiefe Freude zu empfinden hängt davon ab, ob ich auch Traurigkeit zulassen und ausdrücken kann.

 

Was ich in allen meinen Nachforschungen nicht finden konnte, waren handfeste Informationen darüber, warum wir überhaupt trauern?

Trauer zieht uns in ihren Bann

Biologisch versetzt Trauer uns in einen extrem verwundbaren Zustand: wir sind auf uns selbst geworfen, nehmen weniger wahr im Außen, wenden unsere Aufmerksamkeit ganz nach innen, wo wir scheinbar versinken in den starken Emotionen die zur Trauer dazugehören, wie Traurigkeit, Wut, Verzweiflung, Leere, Dumpfheit oder Angst.

Wenn wir trauern, sind wir oft nicht in der Lage, proaktiv sozial zu interagieren, uns unseren Liebsten zuzuwenden, unserer Verantwortung nachzukommen. Die einfachsten Dinge des täglichen Lebens können uns als unmöglich schaffbar erscheinen.

Warum hat die Natur es so eingerichtet, dass ein schlimmer Verlust unser gesamtes System so grundlegend außer Kraft setzen kann?
Die Antwort ist so einfach wie auch erstaunlich:

Nur durch das Trauern können wir etwas lernen und verinnerlichen,

was nicht mehr da ist.

Oder sogar auch etwas, was noch nie, oder gefühlt viel zu wenig da war. 

Der Mensch, den wir verlieren hat ganz bestimmte Geschenke in unser Leben gebracht: Vielleicht war es ein Gefühl von Geborgenheit, oder Inspiration, oder Ermächtigung, Liebe oder Weisheit. Vielleicht hat die Person Lebenslust verkörpert oder große Hingabe und Schaffenskraft.

Trauern ermöglicht uns zu lernen 

Wenn wir um jemanden trauern, verbinden wir uns auf tiefster Seelenebene mit all dem, was er oder sie für uns war. Wir blenden die Wirklichkeit im Hier und Jetzt ein Stück weit aus, um ganz tief mit dem zu sein, was nicht mehr sein kann.

Mit intensiven inneren Bildern, angefeuert von überwältigenden Emotionen, kreieren wir für unseren Verstand eine enorm kraftvolle Lernerfahrung.
Das was wir am meisten geliebt haben, die Essenz sowie auch konkrete Verhaltensweisen, an die wir uns erinnern, verinnerlichen wir – sogar obwohl es im Außen nicht mehr existiert, nicht mehr wahrnehmbar ist.

Damit ist Trauern ein unglaublich wichtiger Prozess für das sich immer weiter Entwickeln von uns als Menschen, individuell und gesellschaftlich.

Trauern über was nicht sein konnte

Erst als ich als erwachsene Frau zu tiefer Naturverbindung geführt wurde, begann für mich ein Trauerprozess über all den Mangel an Naturerfahrung, den ich früher als Stadtkind – damals völlig unbewusst – durchlitten habe.

Erst als ich als erwachsene Frau konkretes Wissen und Bilder über Sobonfu’s Kindheit in der Stammeskultur der Dagara erfuhr, durchlebte ich einen Trauerprozess über den Mangel an lebendiger Gemeinschaft in meinen Kinder- und Jugendjahren.

Auch wenn ich als Kind unterdrückt, bezwungen oder missbraucht wurde, kann ein Teil meines Trauerprozesses erst dann beginnen, wenn ich als Erwachsene davon erfahre, wie es anders hätte sein können.

Wenn ich als Erwachsener erlebe, wie respektvoll mit einem rebellierenden Jugendlichen umgegangen wird, kann ein Trauerprozess in mir beginnen – weil mein gesamtes System erst dann wirklich be-greifen kann, welchen Verlust an Respekt ich durchlitten habe.
Wenn ich erlebe, wie ein Vater oder eine Mutter einfühlsam mit einem weinenden Kleinkind spricht, kann ein Trauerprozess in mir beginnen – weil ich dann erst begreifen kann, dass ich viel zu früh einen Verlust an bedingungsloser Liebe erlitten habe.

Um trauern zu können, brauche ich ein Bild von dem, was ich verloren habe. Manchmal ist es ein Mensch, den ich verloren habe, manchmal aber auch körperliche oder seelische Unversehrtheit, manchmal Vertrauen, Liebe, Selbstwirksamkeit, die mir schmerzlich gefehlt haben.

Trauern hilft, Kreise zu schließen und einen gesunden Weg in die Zukunft zu finden

Wenn ich schwierige (Kindheits-)Erlebnisse nicht betrauere, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass ich genau das weitergebe, was für mich selbst Leid verursacht hat.

Unsere Fähigkeit zu lieben und uns zu binden hängt unter anderem davon ab, ob ich den Verlust von geliebten Menschen, oder auch einen Mangel an Liebe und Bindung in meiner eigenen Vergangenheit betrauern und damit das Verlorene oder nicht ausreichend da Gewesene integrieren kann.

Somit kann das gesunde Trauern die Schicksalsschläge unseres Lebens in Geschenke verwandeln – vielleicht werden sie uns selbst ein Leben lang schmerzhaft in Erinnerung bleiben, aber wir können es schaffen ermächtigt, gestärkt und mit guter “Medizin” für die Menschen um uns herum, und für unseren eigenen Lebensweg daraus hervor zu gehen.

Trauern für die Erde und für die Menschheit

Ich glaube, dass auch unsere Fähigkeit, als Individuen und als Gesellschaft im Einklang mit der Erde zu leben, davon abhängen wird, ob wir es schaffen können, die schrecklichen Verluste zu betrauern, die in der Geschichte und immer deutlicher fühlbar in den letzten Jahrzehnten der Gemeinschaft allen Lebens und damit auch uns als Menschen widerfahren sind und die uns jetzt gerade umgeben oder unmittelbar bevorstehen.

Wenn wir es nicht schaffen, zu trauern, laufen wir Gefahr abzustumpfen, in Depressionen, Bitterkeit und Hass, bis hin zur Selbstzerstörung oder Aggressivität gegenüber anderen zu verfallen.

Das Trauern öffnet und reinigt unser Herz, erlaubt uns weich zu sein, und ermöglicht es uns, auf unsere individuell bestmögliche Weise zu handeln, statt zu kämpfen, zu flüchten oder in Starre zu verfallen.

Es hilft uns dabei, selbst ein besserer Mensch zu werden, egal wie widrig die Umstände sind. Und an den vielen Orten wo wir sind, die vielen kleinen Dinge zu tun, die die Gemeinschaft der Menschen im Kern zusammenhalten, jenseits aller politischen und gesellschaftlichen Institutionen.

Trauern braucht Gemeinschaft – Gemeinschaft braucht Trauern

Ich kann dies nicht alleine schaffen” heißt es im Dagara-Lied für das Begräbnis-Ritual, in dem die Menschen zusammenkommen und über das Scheiden eines geliebten Menschen, sowie auch alles mögliche andere, was auch immer noch an Schmerzen da ist, gemeinsam zu trauern.

Gerade für unsere tiefste Trauer brauchen wir einander, für die Verluste die uns selbst vielleicht Angst und Schrecken einjagen, und die wir kaum zu berühren wagen.
Gegenseitig können wir uns Zeugenschaft schenken, ein gesehen werden und gefühlt werden, wie es für Menschen zutiefst heilsam ist.

In den Jahren 2011-2016 konnten wir jeden November gemeinsam mit Sobonfu trauern, nach ihrer Art, in einem Ritual das aus den Traditionen der Dagara und Sobonfu’s Kenntnis über die Bedürfnisse der Menschen hier und in den USA zurechtgeschneidert war.

Für uns war es nicht möglich, in der wenigen Zeit die uns mit Sobonfu noch blieb, dieses geheimnisvolle, schwer wiegende und sehr kraftvolle Ritual zu übernehmen und selbst auch ohne sie halten zu können.

Nach ihrem Verscheiden im Januar 2017 war ich somit auf der Suche nach einer anderen Form des Trauerns in Gemeinschaft, die sich hier für uns und von uns anwenden ließe.

Das Trauer-Feuer

Ich habe viele Puzzle-Teile gesammelt und zusammengesetzt, bis wir im vergangenen November erstmalig am Trauer-Feuer trauern konnten, mit einer großen Gruppe von Menschen am Beuerhof in der Eifel, unterstützt von Salvatore Gencarelle. Sal hat dabei geholfen, unser Modell zu prüfen und in der Durchführung zu erproben, und ich bin unendlich glücklich, damit nun eine Handlungsgrundlage zu haben, für ein gesundes und gut gehaltenes Trauern in Gemeinschaft hier bei uns, von uns und für uns, hier in Europa.

Auch in diesem Jahr wird das Trauer-Feuer wieder stattfinden, diesmal mit mir und Judith Wilhelm, einiges werden wir variieren, passend zum Jahr, zu den Menschen, zum Ort. Tragen wird uns das Grundgerüst des Trauer-Feuers, so wie es auch im letzten Jahr war.

Das “Heilige Feuer”, das heilende Feuer, ist die Grundlage für unser Trauer-Feuer. Die Teachings darüber sind 2005 über den Anishinabe Friedensstifter Paul Raphael nach Europa und auch zu uns gekommen. Beim Trauer-Feuer schenkt es einen geborgenen, heilsamen Raum dafür, einander in Zeiten der Trauer zu bezeugen und zu begleiten. Am Feuer können Geschichten und Gefühle geteilt und Tränen geweint werden, die laute und die leise Trauer dürfen fließen.

Und in Stille vor dem Knistern der Flammen kann selbst das angehört werden, wofür es keine Worte gibt.

Das Feuer, das Element das nur wir Menschen in unsere Mitte geholt haben, bringt uns als Gemeinschaft zusammen, so dass wir in unserem tiefsten Menschsein einander beistehen können. Es verbindet uns mit der Welt der Ahnen, all derer die vor uns gegangen sind, und deren Erbe in uns und um uns noch lebendig ist.

Das Feuer hat die Kraft zu verwandeln. Aus der Asche des Verbrannten hilft es uns, das Wesentliche zu erkennen und uns daran zu erinnern, wer wir sind.

Das gleißende, wärmende Licht des Feuers hilft uns zu sehen, welches Geschenk dem schlimmen Verlust innewohnt. Wie die Trauer darüber uns selbst helfen kann.
Und wie sie uns mit ihrer bitteren Medizin eines Tages helfen kann, anderen zu helfen.

Und weil der Bedarf für ein gesundes Trauern in Gemeinschaft, vor allem auf eine Weise die tief verwurzelt in der Natur und den Elementen ist, mit jedem Tag größer zu werden scheint, werden wir im November 2019 die erste zweijährige Ausbildung zum Trauer-(Feuer)-Facilitator und Begleiter starten. Dafür ist die Teilnahme am Trauer-Feuer-Workshop eine gute Vorbereitung. Alle weiteren Informationen dazu folgen bald…

Mehr Infos zum Trauer-Feuer-Workshop

Interessierst du dich für das Thema Trauer? Hier kannst du noch mehr darüber lesen, was Trauern bedeutet und was es braucht, um Trauer gut zu verarbeiten oder zu begleiten….


6 Tipps für lebensbejahenden Umgang mit der Weltlage

Geht es euch auch so, dass die Nachrichten aus aller Welt gerade in den letzten Monaten immer schwerer auszuhalten sind?

Eine ehemalige CIA-Agentin hat Hinweise dazu gegeben, wie sie selbst mit der Flut schlimmer Nachrichten umgegangen ist, als sie einen Großteil ihres Arbeitslebens damit zubrachte, genau solche Meldungen zu sammeln.

Sie beschreibt, dass verschiedene “Gefahren” damit verbunden sind, tagtäglich so viel Negatives zu erfahren:

  • Gleichgültigkeit – wenn uns das Schlimme irgendwann ganz “normal” erscheint.
  • Lähmung – wenn wir so überfordert und überwältigt sind, dass wir uns außerstande fühlen, irgendwas zu tun
  • Endzeitstimmung – wenn jede weitere Neuigkeit uns in Alarmbereitschaft versetzt, dass bald alles vorbei sein könnte
  • Depression oder Post-Traumatische Belastungsstörungen – selbst wenn wir gar nicht life dabei waren – schlimme Meldungen nur allein zu hören, genügt manchmal um beides auszulösen
  • Physische Symptome – Schwindel, Kopfschmerzen, Fieberschübe, Konzentrationsschwäche, Erschöpfung usw.

Auch wenn die Versuchung vielleicht groß ist – unseren Kopf in den Sand zu stecken würde alles nur schlimmer machen.
Tatsächlich arbeiten heranwachsende Diktaturen (wie wir es gerade in den USA beobachten können) systematisch und bewusst damit, die Bevölkerung mit so vielen Negativnachrichten gleichzeitig zu überschwemmen, bis die Menschen resignieren und anfangen wegzuschauen.

Dabei werden wir gerade heute gebraucht, gerade jetzt.

Wie können wir es trotzdem schaffen, unsere seelische und geistige Gesundheit zu wahren?

 

1. Mitgefühl! 

Wenn ich aufhöre mitzufühlen (das gilt auch für die “helfenden” Berufe, wo man tagtäglich mit viel Leid konfrontiert ist), kann das bald ein Burnout zur Folge haben.

Empathisch mit-fühlen scheint vielleicht anstrengender, doch verhindert es diese Form der tiefgehenden Erschöpfung.

Auch gegenüber den “Tätern” mitzufühlen, hilft, meine eigene seelische Gesundheit zu wahren, z.B. indem ich mich hineinversetze, wie einsam und verbittert sie sich fühlen müssen, um zu solchen Taten und Entscheidungen fähig zu sein. Lasse ich wütende Gedanken zu, stimulieren diese meinen Körper immer wieder zu heftigen Reaktionen, die meine eigene Gesundheit schwächen (z.B. meinen Blutdruck oder mein Immunsystem).

Schaffe ich es, mich auf das Mitgefühl zu fokussieren (auch der Versuch hilft schon!), kann sich mein System entspannen. Ich verdränge das Leid nicht, aber es kann mir selbst nicht schaden. Auch meine Fähigkeit, aus bestem Vermögen heraus strategische Entscheidungen zu treffen, in denen ich Konsequenzen für die Zukunft in Betracht ziehe und die meinen eigenen Werten entsprechen, ist gewahrt wenn ich es schaffe in Momenten der Wut mich ans Mitgefühl mit dem anderen zu erinnern.

Klingt schwierig? Ghandi, der mit seinem friedvollen Aktivismus Berge versetzt hat, spendet uns Trost: “Mitgefühl ist ein Muskel der kräftiger wird wenn wir ihn benutzen.”

Vor allem ist es wichtig, mir selbst Mitgefühl zu schenken, für den Schmerz und das Leid, das ich in mir fühlen kann, wenn ich mit der Situation der Welt, der Menschen, der Insekten, der Erde usw. konfrontiert bin. Alle Wesen sind ein Teil von mir und auch ich bin ein Teil allen Lebens.

Wie würdest du mit einem kleinen Kind sprechen, das sich angesichts der Neuigkeiten ängstigt und trauert? Genau diese Art von Trost und Mitgefühl kann auch dir selbst gut tun.

Besonders wirkungsvoll ist dies, wenn du dich selbst dabei berührst, also beispielsweise tröstend eine Hand auf dein Herz, deinen Bauch oder Arm legst. 

Mitgefühl zu wagen braucht Mut und Tapferkeit – doch es hilft uns dabei, nicht zu verbittern, sondern unser Herz weich werden zu lassen, so dass es weiter wachsen kann.

 

2. Handeln! 

Auf jeden Fall hilft es, etwas aktiv zu tun, um Teil der Lösung zu sein, egal wie klein die Schritte sind. So können wir Ergebnisse sehen, die aus unserem Tun erwachsen und einen Unterschied machen, anstatt uns völlig hilflos zu fühlen.

Dies kann auch das Fürsorgen für unsere Familie, unsere Gemeinschaft, die Kinder der Nachbarn oder für die wilden Blumen am Waldrand bedeuten – für alle die lebenden Wesen die direkt in unserem Umfeld sind.

Wie Gandalf aus “Herr der Ringe” es sagt: “Manche glauben dass nur große Mächte es vermögen, das Böse im Zaum zu halten. Ich habe das ganz anders erlebt: Es sind die kleinen alltäglichen guten Taten einfacher Menschen, welche die Dunkelheit in Schach halten. Kleine Taten der Nächstenliebe und Freundlichkeit.” 

 

3. Aktive Selbstfürsorge! 

Wir können nicht 24h/Tag die Welt retten. Den größten Dienst können wir dann schenken, wenn wir gut für unsere eigenen Bedürfnisse sorgen und entsprechend gut genährt und fit sind, um darüber hinaus zu geben.

Besonders wichtig sind Bewegung und Schwitzen. Stress und Angst sind Reaktionen auf überlebensbedrohliche Gefahren. Rennen und Schwitzen sind (genau wie Schütteln und Zittern) natürliche Reaktionen des Körpers, die dafür sorgen, dass unser System wieder ins Gleichgewicht finden kann, und die wir leicht auch selbst herbeiführen können (z.B. durch Sport, oder auch beim Saunieren).

Hilfreich ist es auch, bewusst zu regulieren, wann und wie ich mir schlimme Neuigkeiten anhöre.

Kann ich es vermeiden, dass ich mir schreckliche Bilder anschaue, die besonders belastend sein können, weil sie wie real erlebte Erinnerungen wirken können?

Vor allem Kinder sollten hier von uns davor beschützt werden, durch Fernsehnachrichten o.ä. traumatisiert zu werden.

Statt kurz vor dem Einschlafen oder gleich früh morgens, kann ich vielleicht vormittags, wenn ich mich wach, ausgeruht und innerlich gefestigt fühle, bewusst Zeit dafür nehmen, mich mit herausfordernden Themen zu beschäftigen.

 

4. Perspektiven wechseln!

Noch ist die Welt nicht untergegangen, obwohl die Geschichte schon unglaublich viel Leid gesehen hat. In der Vergangenheit sind viele Diktaturen entstanden – und wieder zerbrochen. Verbrannte Erde hat sich in fruchtbare Gärten gewandelt mit der Zeit. Die Erde verfügt über erstaunliche Selbstheilungskräfte. Das Leben will LEBEN!

Aus dem Nichts heraus ist das Universum entstanden mit all seiner Schönheit wie wir sie kennen, und mit all der Komplexität, die immer größer zu werden scheint.

Gerade aus politische Gräueln haben viele Menschen es geschafft, lebensbejahende Konsequenzen für ihr Denken und Handeln zu ziehen, und damit Raum zu erschaffen oder zu halten, für Frieden und Miteinander.

Auch gibt es neben den schlimmen Ereignissen gerade heute eine unendliche Vielzahl positiver Geschehnisse in der Welt, die viel mehr Beachtung verdienen, zu finden z.B. hier bei upworthy,com oder bei Positive News oder auf deutsch bei der Zeitschrift Oya.

 

5. Mit Gleichgesinnten verbinden!

imageWir brauchen einander, wirklich. Die Weltlage zeigt ganz deutlich, dass es auch für die einsamsten Wölfe Zeit wird, ein Rudel zu finden.

“Weg von der Helden-Figur und hin zu einem der Menschen versammelt” nennt Zukunftsforscherin Meg Wheatley die Entwicklung, die Führungskräfte in aller Welt gerade durchmachen, wenn sie die Wirk-Kraft ihrer Arbeit stärken wollen.

Statt einem einsamen “Superman” zuzujubeln, der uns alle rettet, werden wir selbst gemeinsam mit einigen und in Kooperation mit ganz vielen auf der Welt die Zukunft lebenswert machen.

Und die Verbindung zu anderen Menschen ermöglicht es uns, im Alltag glücklicher zu sein, also auch mit mehr Gelassenheit den Härten des Lebens begegnen zu können und widerstandsfähiger gegenüber Verzweiflung, Depressionen oder Süchten zu sein.

Wir Menschen sind zutiefst soziale Wesen, und wir brauchen einander, um uns in der Welt wirklich wohl und zuhause zu fühlen, und auch um uns selbst als wirk-kräftig in unserem Tun und Sein zu erfahren.

shutterstock_633402731Dazu gehört es auch, einander zuzuhören, zu bezeugen und immer wieder auch gemeinsam zu trauern.

Auch die nicht-menschlichen Lebewesen können uns als Teil ihres Beziehungsgeflechts unterstützen, indem wir unsere Verbindung zu ihnen nähren.

So kann die Verwurzelung in der Natur uns Halt schenken in Zeiten der Angst und Überforderung. Sie erwächst aus innigen Erfahrungen, die wir auch im Alltag draußen machen können, wenn wir bewusst hinschauen und hinspüren und Insekten, Bäume, Vögel und alle anderen als unsere Verwandten anerkennen.

 

6. Humor kultivieren – jetzt erst recht! 

Mein Sohn und ich hören gerade viel dem Dalai Lama zu. Der weltliche und geistliche Führer der Tibeter beschäftigt sich intensiv mit den Missständen auf der Welt und ist doch als fröhlicher, ausgelassen heiterer Mensch bekannt. In seinem “Buch der Freude“, das aus Gesprächen zwischen ihm und Erzbischof Desmond Tutu entstanden ist, beschreibt er wie grundlegend es für unsere seelische Gesundheit ist, dem Leben in all seiner Schwierigkeit doch immer wieder mit Humor zu begegnen.
Freude und Glücklichsein sind nichts, was von außen uns geschenkt werden kann – sie wollen im Innern gefunden und bewusst kultiviert werden.

Für mich ist Humor eins der größten Geschenke, die wir unseren Kindern geben können, weil jedes kleine noch so feine Lachen oder Schmunzeln wie ein Lichtlein sein kann, das wir im Dunkeln anzünden.

Und wo ausgelassen aus tiefstem Bauch heraus gelacht wird, wird auch die größte Angst schmelzen und es wird Raum entstehen, in dem Liebe und Frieden lebendig sein können.

Damit das Leben immer weiter gehen kann!

 

Zum Weiterlesen…

4 mal ZuverSicht – Hilfreiche Einsichten für schlimme Zeiten

Diese Themen und mehr kannst du vertiefen in unserem Circlewise Leadership Training hier…

Deine Trauer lindern und durchs Trauern wieder zu mehr Leichtigkeit finden, kann unser Trauer-Feuer im November dir ermöglichen, Infos dazu hier…


4 x Geborgenheit für die Kinder

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Jedes Kind bringt kostbare, einzigartige Gaben für die Gemeinschaft mit! Es ist gebraucht mit seinem ganzen Wesen, genau so wie es ist. 

Bei den Dagara in Westafrika und vielen anderen naturverbundenen Kulturen ist das Wissen um diese Gabe, eine wesentliche Grundlage für das Miteinander mit Kindern im Alltag. Unsere Lehrerin Sobonfu Somé beschrieb, wie sie und viele andere Kinder im Herzen der Dorfgemeinschaft heranwachsen konnten, beschützt und begleitet von den Menschen im Dorf, die wie unzählige “Mütter” und “Väter” waren, so liebe-voll und zugewandt und neugierig auf all das, was die Kinder so mitbrachten. 

Wie können wir in der heutigen Zeit unseren Kindern eine so sichere und geborgene Kindheit schenken?  Vier praktische Hinweise für unser Alltagsleben mit Kindern möchte ich hier mit euch teilen: 

1. Hinschauen, erspüren und spiegeln!

Nimm dir Zeit aufmerksam auf sie zu schauen, und zwar mit dem Herzen! Unser Herz ist das Organ, das zuerst die Stimmung und Gefühlslage von unserem Gegenüber wahrnimmt und dann Impulse mit Informationen ans Gehirn weiterschickt. Hier im Gehirn werden dann dieselben Emotionen aktiviert, wie sie im anderen lebendig sind, so dass wir das Kind und wie es ihm gerade geht wirklich (messbar!) erfühlen und selbst er-leben können.
Ein Kind (und Erwachsener!) der diese Art von Empathie geschenkt bekommt, kann dies ebenfalls deutlich spüren. Der Neuropsychologe Daniel Siegel hat dies als ein Gefühl von tiefem Angenommensein beschrieben, das er “a felt sense of being felt” nennt – wir fühlen, dass wir gefühlt werden – ist das nicht erstaunlich?
Dieser Zustand ist die Grundlage für echte Verbindung, von Moment zu Moment.
Sobonfu Somé hat uns gezeigt, wie wirksam es dabei ist, den emotionalen Ausdruck eines Kindes tat-sächlich zu spiegeln, z.B. indem wir das Weinen eines Säuglings sogar imitieren (mimisch und mit Geräuschen!) und erst später tröstend mit ihm sprechen. Auf diese Weise fühlt sich der kleine Mensch gesehen, verstanden, angenommen und sicher.

2. Innere Vielfalt feiern und integrieren!

Jeder Mensch trägt jederzeit eine enorme Vielfalt an Gedanken, Fragen, Stimmen, Zweifeln, Sehnsüchten und Emotionen in sich. Daniel Siegel beschreibt die Summe dieser Anteile wie ein Riesenrad, dass sich um eine gemeinsame Mitte dreht. Verknüpft werden all diese Teile im mittleren Stirnlappen, einem kleinen aber enorm bedeutsamen Teil unseres Gehirns.Dieser mittlere Stirnlappen, der für die Integration aller anderen Hirnteile zuständig ist, so dass aus den vielfältigen Tönen ein Konzert werden kann, ist beim Menschen erst mit etwa 25 Jahren voll entwickelt. Deshalb sind Kinder oftmals so viel impulsiver in ihrem Handeln – denn Moral, Empathie und Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit sich die Konsequenzen des eigenen Verhaltens für die Zukunft vorzustellen und auch ihre Impulskontrolle, die Fähigkeit, sich zurückzuhalten, wenn es mehr Sinn macht, brauchen noch viele Jahre des inneren Heranreifens.

Kinder und auch Teenager lassen sich somit viel leichter von ihren momentanen Stimmungen und einzelnen Impulsen in ihrem Verhalten und für ihre Entscheidungen beeinflussen und auch leichter verunsichern.

Als Erwachsene können wir sie dabei unterstützen, die Vielfalt der einzelnen Bestandteile sichtbar zu machen und in ein Gesamtbild zu integrieren, indem wir ihnen Worte für das schenken, was in ihnen los ist, mit denen sie die einzelnen Stimmen und Stimmungen ins Bewusstsein rücken können, beispielsweise indem wir immer wieder mit ihnen gemeinsam:
– Sinneseindrücke bewusst machen (“huh, ist der Wind kalt?”, “fühl mal wie glatt der Stein sich anfasst!”)
– schwere Gefühle und Emotionen benennen (“das hat weh getan!” oder “fühlst du dich gerade zornig? Und mit etwas Abstand zur starken Emotion: Wo in deinem Körper kannst du so ein Wutgefühl besonders spüren?”)
– Zweifel, Ängste, Sorgen ansprechen (“fühlst du dich unsicher, ob du zu dem Geburtstagsfest gehen willst, weil du nicht alle Kinder kennst, die dabei sein werden?”)
– Freude und andere positive Emotionen aussprechen (“wow, das hat dir wirklich viel Spaß gemacht, stimmt’s?)
– wenn möglich offene Fragen benennen und gemeinsam entscheiden üben (“Was würde dafür sprechen heute die Regenjacke anzuziehen? Was würde dagegen sprechen?”)

Indem wir für die Kinder sichtbar machen, was im Moment oder zu einem bestimmten Thema alles in ihnen lebendig ist, helfen wir ihrem Gehirn, Komplexität bewusst zu erfahren, Vergnügen daran zu finden und die Vielfalt ihres eigenen Erlebens zu integrieren.
Wichtig ist dabei das Zwiegespräch: Als Erwachsene kann ich nur Vorschläge machen. Ebenso wichtig ist es, auf die Rückmeldungen und die eigenen Bilder und Worte des Kindes zu hören.

3. Überleben fürs Leben!

Kinder wie Erwachsene erleben im sozialen Kontakt immer mal wieder überlebensbedrohliche Angstzustände. Stress, Druck, Scham (von den Eltern oder von ihnen selbst) können dazu führen, dass ihr mittlerer Stirnlappen sich völlig verabschiedet, und stattdessen alle Energie und Entscheidungsmacht blitzschnell ins Stammhirn wandert – unsere Überlebenskampf-Zentrale. Was von außen wie ein Wutanfall oder eiskalte Starre erscheinen mag, gleicht im inneren Erleben der Begegnung mit einer lebensbedrohlichen Gefahr:

Tunnelblick, Schweißausbrüche und kalte Schauer, Herzrasen, Verminderung des Hörvermögens oder Schwindelgefühle sind Anzeichen traumatischer Erlebnisse, die auch im ganz normalen Alltag über uns und unsere Kinder hereinbrechen können, wenn wir mit passenden Auslösern konfrontiert sind – hier genügt manchmal ein schlimmes Wort oder ein angstauslösender Gedanke über das was gerade passiert.

Mögliche Überlebens-Reaktionen sind entweder Kämpfen (Schreien, Schlagen, Treten, Sachen kaputt machen, sich auf den Boden werfen…), Flüchten (Wegrennen, Türen knallen, sich verstecken,…) oder Erstarren (wegschauen, sich einrollen, Stille, nicht mehr fühlbar sein,…).

Für uns Erwachsene wie auch für die Kinder gilt: Wer gerade ums Überleben kämpft, kann nicht “vernünftig” denken oder handeln.

Daniel Siegel & Tina Bryson beschreiben in ihrem Elternratgeber deshalb, wie wir zunächst langsam die Kinder aus diesem Zustand abholen können – indem wir ihnen zuerst Zeit für den authentischen Ausdruck der Emotionen geben, ohne ihn verstärken oder stoppen zu wollen (Zittern, Schwitzen, Weinen, vor allem mit Tränen, die viele der ausgeschütteten Hormone gleich ausscheiden).
Dann ist es hilfreich, sich körperlich zu bewegen (aufstehen, rennen, hüpfen, spazieren gehen,…). 
Erst danach, wenn das Kind sich wieder entspannt und merklich anwesend und ansprechbar ist, ist es hilfreich (und effektiv!), gemeinsam Worte zu finden, für das was dem Kind passiert ist und was daran so schlimm war.

Solange ein Kind (oder Erwachsener) in seiner Überlebensreaktion gefangen ist, helfen wir am meisten, indem wir denjenigen vor sich selbst schützen und auch Schaden in der Umgebung verhindern. Das kann beispielsweise bedeuten, ein im Streit schreiendes, schlagendes Kind sofort aus dem Zimmer rauszuholen (aber unbedingt bei ihm zu bleiben, um die Angstreaktion nicht noch zu verstärken).

Erst danach, wenn das eigene Erleben soweit integriert ist, die Ruhe und der Frieden wieder hergestellt sind, ist der Boden bereitet, um die Konsequenzen des Verhaltens anzusprechen, beispielsweise ob es angebracht ist, sich zu entschuldigen oder Wiedergutmachung für im Streit Gesagtes oder Getanes zu überlegen.

Anmerkung: Auch als Eltern geraten wir manchmal in die Überlebensreaktion. Für diesen Fall empfehlen Siegel & Bryson beispielsweise den Raum zu verlassen und Hampelmänner zu machen, um selbst wieder runterzukommen, bevor wir ein sinnloses Gewitter über unsere Familie hereinbrechen lassen. 

4. Mit Liebe antworten!

Von glücklichen Paarbeziehungen wissen wir, dass wir positive Erfahrungen mit jemand anders erst ab einem Verhältnis von fünf angenehmen Erlebnissen für jedes negative Erlebnis als ausgewogen wahrnehmen können. In als glücklich erlebten Partnerschaften kommen auf jede als negativ empfundene Interaktion sogar 20 positive Momente!
Als Eltern fühlen wir uns oft in der Pflicht, den Kindern gegenüber Ungeliebtes (wie Verbote) auszusprechen oder soziale Normen durchzusetzen.
Wie können wir dennoch so viele positive Interaktionen fördern, dass sie 20mal mehr sein können, also die vom Kind als negativ empfundenen?
Jon Young brachte vor einigen Jahren von den Buschleuten die Geschichte mit, dass dort jede Form der Disziplinierung den Onkels und Tanten überlassen wird, und die Eltern einzig und allein zum lieb haben da seien. Das wäre hier bei uns im Westen eher schwierig umzusetzen – trotzdem können wir die Betonung auf das Nährende legen!

Der Beziehungsforscher John Gottman beschreibt, dass jede zwischenmenschliche Interaktion eine “emotionale Bitte” enthält, die verstanden und beantwortet werden will. Jeder Blick, jede Geste, jeder gesprochene Satz, jedes “Mama guck mal” oder “Papa mein Turm ist schon sooo groß” enthält zwischen den Zeilen eine Bitte um Liebe und Zuwendung. Bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen.
Jede abgewiesene ignorierte Bitte kreiert einen kleinen schmerzvollen Moment für das Kind. Wenn sie sich häufen, stauen sich Trauer und Enttäuschung an, die sich manchmal Stunden oder Tage später in Aggressionen oder Wutausbrüchen entladen, oft ausgelöst von Kleinigkeiten. Diese Dynamik hat Gottmann in Partnerschaften dokumentiert – und fast noch häufiger finden wir sie in den Interaktionen viel beschäftigter Eltern (wie mir selber!) und ihrer Kinder.

Ein Wahrnehmen und zugewandtes Beantworten der vielen emotionalen Bitten schafft deshalb in hundert kleinen Momenten im Alltag eine Basis für eine gesunde und glückliche Eltern-Kind-Beziehung. Manchmal genügt dafür ein Augenkontakt, es kann auch ein kurzes liebes Wort sein, eine Bestätigung, eine Rückfrage, ein Mitmachen, Anschauen, Umarmen, liebevolles Necken….
Was sind die Signale, die dein Kind als besonders liebe-voll versteht und gern annimmt?

Zusammenfassung

Dies sind die 4 Geborgenheits-Geschenke für die Kinder in unserer Mitte:

1. Hinschauen, erspüren und spiegeln!
Innehalten, sie anschauen, mit dem Herzen erfühlen, wie es ihnen geht, es ihnen in Mimik, Gestik und/oder Worten wiederspiegeln, damit sie fühlen, dass sie gefühlt werden! 

2. Innere Vielfalt feiern und integrieren!
Stimmungen, Emotionen und Gedanken der Kinder Worte schenken, sie mit Fragen zur Wahrnehmung inspirieren, und ihnen helfen die Vielfalt ihrer inneren Anteile bewusst zu erleben – damit sie ihren inneren Beobachter stärken und ihr mittlerer Stirnlappen mit der Zeit zu einer wunderbaren Integrationszentrale heranreifen kann

3. Überleben fürs Leben!
Überlebensreaktionen in mir selbst und meinem Kind erkennen, dann Gefühlsausdruck zulassen, dann Bewegung ermöglichen, dann integrierende Fragen stellen und gemeinsam Worte finden für das eigene Erleben finden. Erst nach Erreichen eines ruhigen, integrierten Gemütszustands die Aufmerksamkeit auf Konsequenzen und was nun gebraucht ist lenken.

4. Mit Liebe antworten!
Emotionale Bitten wahrnehmen und mit Zugewandtheit beantworten, für 20:1 positive Beziehungserfahrungen.

Das Geschenk immer wieder annehmen

Jedes Kind wird geboren mit einer einzigartigen, ganz bestimmten Gabe, die für die Familie und den Ort an dem es geboren wird essentiell gebraucht sind.

Was sind die Gaben deiner Kinder? Was könnte ihre ganz eigene Medizin sein, die sie für dich und die anderen Bezugspersonen mitgebracht haben?

Alle Kinder bringen immer die Gabe mit, uns mit der Zukunft zu verbinden. In ihnen lebt das fort, was wir in die Welt bringen, nicht nur die großen Leistungen, sondern all das was wir Tag für Tag von uns verschenken. Bei den Dagara tragen sie außerdem Botschaften aus der Geistwelt, der Ahnenwelt mit sich, mit der sie noch viel intensiver verbunden sind, als wir Erwachsenen.

Ich glaube, dass die Ehrfurcht und der tiefe Respekt mit dem die Dagara in Burkina Faso und viele andere naturverbundene Kulturen den “kleinen Leuten” begegnen,  auch in unserem Kulturkreis zuhause sind. Denn auch unser Wort “Enkel” stammt von dem althochdeutschen Wort eninchili ab, was “kleiner Ahn” bedeutet.

Ich freue mich darauf, dieses große Geschenk des Lebens, Kinder in unserer Mitte haben zu dürfen, immer wieder gemeinsam mit euch zu feiern, zum Beispiel auch bei unserm Ritualworkshop vom 5.-08. Juli “In unserer Mitte – was die Kinder von uns brauchen”, im wunderschönen Bodenseekreis.

Und freue mich auch besonders, wenn ihr euren Freunden und Bekannten von dem Workshop weitererzählt, so dass wir dabei gemeinsam an einem Großfamilien-Netzwerk für eure Kinder basteln können :-)-

Mehr Infos dazu hier…


Als Climate Messenger auf der “Königsfarm”

… von Viktoria Zimmer und Julia TalkDSC_0267 (2) (1)

Dieser Artikel wurde im Herbst 2017 im Amitiés-Magazin des  Service Civil International (SCI) – Deutscher Zweig e.V. veröffentlicht.

Wie können wir – individuell und kollektiv – Zukunft gestalten?

Die massiven negativen Auswirkungen des Klimawandels schüren Machtkonflikte über knapper werdende Ressourcen. Somit ist der Klimaschutz ein zentraler Bestandteil der Arbeit des deutschen SCI-Zweiges, der als Friedensorganisation für soziale  Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit einsteht.

Um Teilnehmende internationaler Workcamps stärker für umweltbewusstes Handeln zu sensibilisieren, hat die Klima-AG die Idee der Climate Messenger initiiert – dies sind Menschen, die ein bis zwei Tage in ein Workcamp kommen, um einen Study Part bzw. Workshop zu einem klimarelevanten Thema durchzuführen. Dazugehören beispielsweise Klimagerechtigkeit, fossile Rohstoffe und erneuerbare Energien, Mobilität und klimafreundliches Reisen, Boden, Transition Towns, Permakultur oder Naturerfahrung.

Viktoria WorkcampKönigsfarm 2017

Gerade wenn über Klimawandel und Umweltprobleme berichtet wird, entsteht häufig der Eindruck, menschliches Umwelthandeln sei grundsätzlich zerstörerisch. Diesem Glaubenssatz liegt ein Weltbild der Separation von Mensch und Natur zugrunde, dem jedoch zahlreiche aktuelle Forschungserkenntnisse widersprechen, welche belegen, dass es weltweit nachhaltig wirtschaftende Kulturen gab und gibt – der Mensch kann somit auch über lange Zeiträume sogar regenerativ und die Biodiversität fördernd mit seiner Mit-Welt interagieren.

Wir gehen davon aus, dass für Menschen ein persönliches Erleben der Natur ein Schlüssel zu umweltbewusstem Handeln ist. Deshalb haben wir den Fokus in unserem Workshop auf der Königsfarm auf Naturerfahrung gelegt. Wenn ich mich selbst (wieder) als Teil der Natur erlebe, eine emotionale Bindung zur Natur aufbaue und zudem die zwischenmenschliche Verbundenheit mit den anderen Teilnehmenden gestärkt wird (sodass ich mich besonders wohl und geborgen fühle), kann ich leichter zu proaktivem Handeln inspiriert werden, das allen Lebewesen dient.

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Dadurch, dass ich meine Wahrnehmung Stück für Stück erweitere und in Kontakt mit meiner Mit-Welt gehe, öffne ich mich, sodass ich den Schmerz um die Zerstörung unserer Erde wahrnehmen kann und mein Schutzbedürfnis für die Natur wächst. Gleichzeitig habe ich die Möglichkeit, mich selbst als Teil eines sich ständig weiter entwickelnden Lebensnetzes zu erfahren und dadurch Dankbarkeit, Wertschätzung und Ehrfurcht vor dem Leben zu spüren. Ich lerne darüber, wer ich selbst in dem großen Ganzen sein kann und welchen besonderen Beitrag ich ganz persönlich zu einem friedlichen, nachhaltigen Miteinander leisten kann. Somit setzte unser Workshop, in dem wir eine von dem deutschen Bildungsunternehmen circlewise entwickelte und praktizierte Pädagogik nutzten und mit Methoden der Tiefenökologie nach Joanna Macy kombinierten, bei tiefer liegenden Ursachen an. Es wurden nicht nur die Symptome einer konsum- und wachstumsorientierten Lebens- und Wirtschaftsweise/-philosophie angesprochen, sondern die Perspektive hin zu einer naturverbundenen, friedvollen und lebensfördernden Kulturentwicklung eröffnet.

WorkcampKönigsfarm2017

Teilnehmende des Workcamps auf der Königsfarm nach dem Workshop der Climate Messenger

Durch den Workshop angeregt erzählte eine Teilnehmerin aus Spanien von einem erfolgreichen Klimaschutzprojekt, welches sie in ihrer Schule initiiert hatte. Dieses Beispiel gab anderen Teilnehmenden Hoffnung und inspirierte sie dazu, eigene kleine (Alltags-)Handlungsmöglichkeiten zu entdecken.

You can’t save the land apart from the people, to save either you must save both.

Wendell Berry

 

Wenn du Lust bekommen hast selbst aktiv zu werden, sei herzlich willkommen bei unserem Jurtenbau-Workcamp im Juli 2018. Mehr Informationen dazu findest du hier

Oder vielleicht hast du Lust, selbst ein Workcamp zu leiten? Der SCI bietet dazu jedes Jahr mehrere Vorbereitungsseminare an und freut sich immer über Menschen, die gerne mit dabei sein möchten. Alle Informationen findest du hier.


Warum die Welt nicht endet…

shutterstock_1007563087Der Februar ist die Zeit der Vorstellungskraft. Vor dem Hintergrund der noch kahlen, vom langen Winter erschöpften Landschaft voller Weiß und Grau leuchten die zartesten Grün- und Rottöne köstlich hervor. Die meisten Pflanzen verbergen ihre neu erwachende Lebenskraft noch geschützt vor der Kälte im Schoß der Erde oder unter den erst ganz allmählich anschwellenden Knospenschuppen an den ansonsten noch unscheinbaren dürren Trieben. Und die frühesten Frühlingsboten, die feingliedrigen Schneeglöckchen, verstecken sich ganz nah am Erdboden, zwischen zerfallendem braunen Laub.

shutterstock_593514029Die Leere nimmt sich den meisten Raum in dieser Jahreszeit, wo das Alte vorbei ist und das Neue immer noch nicht angefangen hat. Dies ist von allen Monaten die Jahreszeit, wo die meisten Seelen unsere Welt wieder verlassen, nicht in eine neues Lebensjahr aufbrechen, sondern umziehen ins Land der Ahnen. Umso schmerzlicher erleben die die hier das irdische Leben weiterleben den Verlust der Geliebten, in dieser scheinbar so leeren, kalten Zeit.

Für uns, die hier bleiben, stellen sich Fragen: Was wird dieses neue Jahr bringen? Was wollen wir erschaffen? Wie wollen wir das Leben gestalten?

Der Februar lädt uns ein, zu lauschen, und im weiten leeren Raum zu spüren, zu sehen oder zu hören, was möglich ist. Die Visionen für das neue Jahr zeigen sich wie Träume, manchmal eindrucksvoll und klar, manchmal flüchtig und zart, und wollen gern berührt und festgehalten werden, denn wie Träume die nicht erzählt werden, verblassen sie schnell, besonders wenn im März das volle Leben im Außen wieder losgeht und der stille, leere Raum von Geschäftigkeit erfüllt wird.

Der Februar ist von allen Jahreszeiten die Zeit, wo wir Vision am leichtesten und deutlichsten empfangen können und unsere Vorstellungskraft für all das Gute was sein kann, wie einen Muskel am stärksten trainieren und wachsen lassen können.

Was ist dein Bild von einem guten Leben als Menschen auf der Erde? Wie hört es sich für dich an? Wie fühlst und empfindest du es? Was genau siehst du vor deinem inneren Auge, wenn alles was gut und heilsam wäre möglich sein könnte? 

Diese Bilder sind lebenswichtig, nicht nur für dich persönlich, sondern für die Menschheit als Ganzes.

Der US-amerikanische Mythenforscher Michael Meade schreibt über die Bedeutung der menschlichen Vorstellungskraft für unser Weiterleben als Spezies auf der Erde:

“Leben in unserer Zeit heute bedeutet, sich inmitten eines Mythos zu befinden. Wir stehen vor all den massiven Problemen und unmöglich zu lösenden Aufgaben, unter denen unsere moderne Welt gegenwärtig leidet. Es ist eine außergewöhnliche Zeit, in der sowohl die Natur als auch die Kultur alles an Heilung und schöpferischer Fürsorge gebrauchen können, derer wir als Menschen fähig sind. 

Immer stärker scheint es, dass uns die Zeit wegläuft, und dass was auch immer noch möglich ist, unverzüglich geschehen muss. Das Bedürfnis danach, dass sich jemand der drängenden Herausforderungen wahrhaftig annimmt, und eine große Dringlichkeit und Eile sind zu spüren, damit alles was noch zu tun bleibt, jetzt wirklich sofort getan wird. 

Die alten Mythen jedoch ermöglichen uns eine andere Sichtweise auf unsere Situation. Wenn die Zeit uns wegläuft und niemand mehr Zeit finden kann, dann ist es eben nicht einfach Zeit die fehlt, sondern der Kontakt mit der Ewigkeit. 

Wie alles andere auch, entspringt die Zeit in der Ewigkeit. Und wenn wir sie nicht mehr finden können, ist die Ewigkeit der richtige Ort, um nach ihr zu suchen. Das “Ende der Zeit” führt uns zurück zu den Wurzeln der Ewigkeit, wo wir auch die niemals versiegende Quelle wahrhaftiger Inspiration, großartiger Ideen und bedeutsamer Visionen finden. 

Leben in unserer Zeit heute bedeutet, inmitten eines gewaltigen Auflösungsprozesses gefangen zu sein, in dem wir uns Seite an Seite mit vielen anderen losen Fäden der Schöpfung wiederfinden. Es bedeutet gleichzeitig auch, dass wir ganz nahe daran sind, eine neue Gestalt und eine erneuerte Art und Weise auf die Welt zu schauen zu erfahren.

Die alten Weisen sagen, dass die Höhle des Wissens in den Tiefen der menschlichen Seele gefunden werden kann, dass jede Seele durchwirkt mit inneren Qualitäten ist, deren Bestimmung es ist, in die Welt hineingewebt und ein Teil des Schöpfungsgewands zu werden. Sie sagen, dass die Gaben jeder Seele gerade im Wiederkehren der dunklen Zeiten wichtiger werden. 

So seltsam es erscheinen mag, bildet doch das Bewusstsein des einzelnen Menschen ein Zugewicht auf der Waage von Zeit und Ewigkeit. Die im eigenen Leben versteckten Bedeutungen auszuleben hilft, das Gewicht der Welt im Gleichgewicht zu halten. Jedes Leben ist dabei um einen unsichtbaren, ewigen Faden gewickelt, und jeder Lebensfaden ist eine bedeutsame Geschichte, die aus den Mauern der Zeit ausbrechen will, um der Schöpfung zu helfen. Die Seele ist letztendlich der Sitz der Vorstellungskraft, der Raum in dem unser uraltes Erbe der archetypischen Formen und der Ressourcen unserer Ahnen lebendig sind. 

Vorstellungskraft ist für uns ein essentielles Lebensorgan, und beständig denken wir uns die Welt neu und nehmen beständig teil in ihrer Erschaffung, ihrer Zerstörung und ihrer Erneuerung. 

Wenn es scheint, dass das Ende der Zeit naht, sind es die zeitlosen Dinge, die greifbar werden, und bereit dafür sind, die Welt Moment für Moment neu zu erschaffen. Hinter allem Aufruhr und aller Verwirrung dieser Welt, warten die Vorstellungskraft und der lebendige Geist des Ewigen in der Anderswelt darauf, wieder gefunden zu werden. “

aus Michael Meade, “Why the World Doesn’t End”

Der Februar schenkt die Leere, die es braucht, wieder in Verbindung mit unserer Vorstellungskraft zu kommen – damit das Leben weitergehen kann.
 

Zu Besuch bei den Buschleuten der Kalahari

27021438_1287327271402763_8709853789728793126_oIm November 2017 war ich für 3,5 Wochen in Namibia, zusammen mit Judith Wilhelm und Myriam Kentrup von der Wildnisschule Wildeshausen, Paul Wernicke von der Wildnisschule Hoher Fläming, Tim Taeger von Jagwina und einigen anderen Menschen aus sechs weiteren Ländern, begleitet von Caspar Brown von der Wandering Wild School, Lynx Vilden, und Werner Pfeifer von der Living Culture Foundation.

Die Fotos lassen sich durch Anklicken vergrößern.

„Unser Leben früher war wunderbar, doch wir können und wollen die Vergangenheit nicht zurückholen. Einiges aus der modernen Welt gefällt uns, und wir möchten dies zu einem Teil in unserem Leben machen. Aber wir wollen dabei auch unsere eigene Kultur bewahren und lebendig erhalten.“

Frauen der Ju/hoansi, der „ersten Menschen“, im Little Hunters Village

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Bis in die 80er Jahre sind die Menschen des „Little Hunters Village“ noch nomadisch als Jäger und Sammler durch die Kalahari gezogen. Heute leben sie in einem Dorf aus kleinen Zelten und Hütten neben einer solarbetriebenen Wasserpumpe in der Nähe von Tsumkwe, Namibia. Sie sind die einzige Gruppe von Buschleuten in Namibia, die noch jagen dürfen. Zu verdanken ist dies vor allem der Vision und Tatkraft von Werner Pfeifer und der von ihm begründeten Living Culture Foundation.

IMG_1464Die deutsch-namibianische Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, traditionelle Gemeinschaften darin zu unterstützen, „Lebendige Museen“ zu gründen, in denen die Dorfgemeinschaft vollkommen selbstverwaltet ihren Lebensunterhalt damit verdienen kann, Touristen einen Einblick in ihre Kultur und in die Lebensweise ihrer Vorfahren zu geben. Damit wird dem in Afrika wie auch dem Rest der Welt so erstickenden Trend entgegengewirkt, dass gerade die Jüngeren Menschen angesichts des umfassenden Raubbaus an den Lebensgrundlagen ihres Volkes und der äußeren Zwänge, die ehemals nomadisch lebenden Kulturen auferlegt sind, und der damit verbundenenen Aussichtslosigkeit ihrer Lebenssituation, umso mehr alles Traditionelle mit Verachtung fortwerfen, in die Städte abwandern und sich in ein entwurzeltes Dasein stürzen. Statt wegzuziehen und schlecht bezahlte Jobs anzunehmen oder von Regierungsmitteln abhängig zu sein, und in Slums ärmlich dahin zu vegetieren, können die Menschen in den Lebendigen Museen jeden Tag erfahren, wie wertvoll das hoch entwickelte traditionelle Wissen ihrer eigenen Kultur auch heute noch ist. Viele junge Leute im Little Hunters Village wollen gern vor Ort im Kreis der gesunden und blühenden Gemeinschaft bleiben und selbst noch bessere Fährtenleser, Jäger, Kräuterkundige und MeisterInnen ihres Handwerks werden.

IMG_1490Das Little Hunters Village ist dabei keineswegs ein entlegener Ort, auf den noch nie ein westlicher Mensch vorher einen Fuß gesetzt hat. Die Menschen im Dorf haben Mobiltelefone, sie führen gemeinsam ein erfolgreiches Unternehmen, mit dem sie ein vergleichsweise gutes Einkommen erwirtschaften, einige von ihnen waren schon mehrere Male in Europa beispielsweise bei Spurenleser-Konferenzen und sie werden in ihrem Alltag von Touristen besucht, denen sie ihre traditionelle Lebensweise vorführen und erlebbar machen.

DSC_2395Und doch scheinen sie im Vergleich zu vielen anderen traditionellen Gemeinschaften in Afrika nicht mehr Opfer der sich ausbreitenden Zivilisation zu sein, sondern einen Weg gefunden zu haben, die Veränderungen so zu navigieren, dass sie trotz aller Verluste gesund und glücklich leben können und die Gemeinschaft innerhalb ihres Dorfes erhalten bleibt.

Mit großer Klarheit und Bewusstheit sprechen die Ju/hoansi hier über ihre Kultur, die sie bewahren und lebendig halten wollen. Auf unsere Frage danach, was sie als Herz ihrer Kultur ansehen, welches die Elemente sind, die sie weiterhin lebendig erhalten wollen, sind sie sich schnell einig: “Das Jagen und das Sammeln, die Heilungstänze und die Art und Weise wie wir unsere Kinder ins Leben begleiten.”

Traditionelles Handwerk

IMG_1369Schon vor 2000 Jahren haben die Buschleute begonnen, selber Eisen zu verhütten, das an vielen Orten der Kalahari auch an der Erdoberfläche zu finden ist. Seitdem stellen sie Pfeilspitzen, Messer und ein von den Bantu übernommenes Allzweckwerkzeug her, das Chop-Chop. Die Schmiedearbeit braucht heutzutage nur ein ganz normales kleines Feuer, einen im Sand mehr oder weniger festen Amboss (beispielsweise aus einem Stück Eisenbahnschiene), einen dicken kurzen Hammer und als Rohstoffe rostige Nägel, Bolzen oder Stücke von den Metallverstrebungen für Betonkonstruktionen.

IMG_1368 KopieDie traditionelle Kleidung ist aus gegerbtem Leder. Dabei wird die Tierhaut am Boden aufgespannt, dann trocken von beiden Seiten geschabt und mit einer zu Brei gehauenen dicken Zwiebel eingestrichen. Nach etwa zwei Stunden Einwirkzeit kann sie nun beim Trocknen weich gezogen werden.

Grabstöcke sind wichtige Alltagswerkzeuge, deren gegabelte Enden dabei helfen, sich einen Weg durch dorniges Gestrüpp zu bahnen, und deren schwertartig zugespitzte und über dem Feuer gehärtete Enden ermöglichen, auch Wurzeln und Knollen auszugraben, die einen halben Meter oder noch tiefer im Boden versteckt sind.

IMG_1321Viele der alten Fertigkeiten sind erst in den letzten Jahren wiederbelebt worden, seit es das Living Museum ermöglicht, damit einen Lebensunterhalt zu verdienen. Während unserer Reise nutzen die Ju/hoansi die seltene Gelegenheit, zusammen mit Besuchern so viele Tage Zeit für die einzelnen Arbeiten zu haben, um auch voneinander mehr zu lernen und sich im Schmieden, Gerben und Holzwerkzeuge herstellen zu üben. Einige jüngere Leute probieren dabei einige der Techniken zum allerersten Mal aus.

Fährtenlesen und Jagen

IMG_1482Gemeinsam mit einigen Jägern und „Meister-Trackern“ gehen wir immer wieder auf Spurensuche. Meistens führen sie uns mit Fragen dahin, zu entschlüsseln, was passiert sein könnte, wer hier lang gelaufen ist, in welcher Richtung, wann und in welcher Stimmung? Einmal entdecke ich einen unscheinbaren feuchten Fleck im Sand, etwa sieben Zentimeter lang, inmitten von einer Vielzahl von Paarhufer-Trittsiegeln. Mit einem kurzen Blick darauf erkennt !Oma, wie hier ein Gnu-Weibchen gelagert und wie sie ihr Kalb geboren hat, in der Nacht zuvor. Mit Händen und Füßen beschreibt er die Geschehnisse, die er anhand der Spuren ganz klar vor seinem inneren Auge sehen kann.

Nahrung sammeln

IMG_1414 KopieDie Kalahari besteht vor allem aus trockener Savanne mit sandigen Böden, die kaum Wasser an der Erdoberfläche zu halten vermögen. Die unwirtliche Landschaft blieb lange Zeit verschont von der Zivilisation, weil sie für Viehhirten und Ackerbauern nicht besiedelbar war. So konnten die Buschleute, die in der Lage waren, das in der Landschaft in Knollen, Wurzeln oder Baumstämmen versteckte Wasser zu nutzen, hier viele Jahrhunderte trotz der Kolonialisierung relativ geschützt überleben.

DSC_2106Die Wasserwurzel beispielsweise ist saftig und süß, wie ein Obst, das unter der Erde wächst. Zu Beginn der Regenzeit, wo mit dem Wasser auch das Leben in die Landschaft zurückkehrt, finden wir bei unseren Sammel-Ausflügen voller Lachen und Gesang gemeinsam mit den Frauen und Kindern des Dorfes zudem harte süße Beeren, säuerliche rote pflaumenartige Früchte, viele essbare Kräuter, stachlige Gurken, allerlei Pflanzen mit Heilwirkungen und Wurzelknollen zur Herstellung eines roten Farbstoffes.

Heute, im Zeitalter solarbetriebener Wasserpumpen, ist die Heimat der Buschleute stark dezimiert und ein nomadisches Umherziehen ist nicht mehr möglich. Viel zu viele Flächen der Kalahari sind als Rinder- oder Wildtier-Weiden umzäunt, oder werden als Schutzgebiete für die Großwild-Jagdabenteuer von Trophäen-Jägern aus dem Ausland genutzt, die zig tausende von Euros für einen Elefanten oder eine Raubkatze bezahlen.

IMG_1409Die Jagd auf die Elefanten hat die einstmals friedlichen Riesen in gefährliche Tiere verwandelt. Meist werden die Ältesten einer Herde geschossen, weil sie die größten Stoßzähne haben, und zurück bleiben verunsicherte Gruppen halbwüchsiger Elefanten, die gereizt und aggressiv auf die Nähe von Menschen reagieren.

Friedvolles Miteinander

IMG_1256Einfach zusammen sein, die Frauen neben den Frauen, die Männer neben den Männern, dazwischen die Kinder wo auch immer sie wollen, über Gesten und Blicke die Verbindung haltend, aufmerksam wahrnehmend, was rundum vor sich geht und dabei gelegentlich Scherze machen und in Gelächter gleiten, oder spontan zum Singen, Tanzen oder Spielen aufspringen…. so habe ich die Ju/hoansi vor allem erlebt. Der Umgang miteinander wirkt auf mich sanft, entspannt und gelassen und vor allem humorvoll. Wenn jemand von uns an die Gruppe eine Frage stellt, reden auf einmal lauthals alle durcheinander, unterbrochen von Gelächter. Der Dolmetscher hört zu und verkündet irgendwann: „Wir sehen das soundso…“, und dazu nicken alle feste, sind sich einig.

IMG_1459 2Das „wir“ ist allgegenwärtig. In einem Morgenkreis ist klar: Manche von uns Besuchern schaffen es kaum, ihre Handwerksarbeiten rechtzeitig zu beenden. Als ich völlig ermattet von der Aussicht auf mehr anstrengendes Schmieden zu unserem Feuer zurückkomme, resigniert neben Damh dem Meisterschmied zu Boden sinke, weil auch meine Chop-Chop-Klinge einfach nicht breiter werden will, egal wie viel ich mit Armen wie Pudding auf ihr rumhämmere, schaut er mich entschlossen an und sagt: „WIR werden alle Werkzeuge rechtzeitig fertig stellen, weil WIR nämlich stark sind.

IMG_1501Entscheidungen werden von allen im Dorf gemeinsam getroffen. Niemand wird ausgegrenzt oder zu irgendetwas gezwungen. Wenn die jungen Mädchen kein Menarche-Ritual mehr machen wollen, weil sie lieber modern sein möchten, dann sorgt das für viel Besorgnis und Gespräche darüber – Zwang gibt es jedoch nicht.

Wenn Mann und Frau sich nicht einig darüber sind, in welchem Dorf sie leben wollen? „DANN brauchen sie es, miteinander zu reden!“ Und auch Schwestern, Brüder, Tanten, Onkel und vor allem die Ältesten reden in so einem Fall mit, unterstützen, vermitteln, helfen, eine gemeinsame Lösung zu finden.

Mit den Kindern

IMG_1377Morgens beim Spazierengehen treffe ich Kinder, immer in kleinen Grüppchen. Sie lachen, wenn ich ihnen Spuren zeige und ratlos die Hände in die Luft strecke. Dann erklären sie mir alles geduldig in Ju/hoansi Sprache und finden es noch lustiger, wenn ich probiere ihre Klick-Worte nachzusprechen. Alle Pflanzen scheinen die 6-8jährigen schon sicher zu kennen, und die Spuren jedes Säugetiers. Die etwas älteren Jungen jagen oft schon selber Eidechsen oder Wachteln mit einer Steinschleuder.

Im Lager spielen die Kinder oft miteinander Kreisspiele und beweisen unglaubliche Geschicklichkeit mit Kürbis-Kugeln, und schnelle Reaktionskraft. Sie lieben es, wenn wir Besucher ihnen Lieder, Tänze oder Spiele beibringen, merken sich alles sofort und probieren es uns immer wieder zu entlocken, indem sie die Melodien selber anstimmen und uns zum Mitmachen auffordern.

27023380_1287305274738296_6449909772532425954_oEine Künstlerin aus New York hat eine Löwenmaske mitgebracht, die immer wieder von einem Kinderkopf zum andern wandert und vor Vergnügen quietschende Antilopen jagt. Werner hat viele Pfeile und Bögen dabei, mit denen vor allem die Jungen stundenlang auf einen Springbock aus Stroh schießen.

Viele ältere Mädchen kümmern sich liebevoll um kleinere Kinder, tragen sie herum und versorgen sie. Obwohl jedes Mädchen („natürlich“ sagen sie!) die Freiheit hätte, auch das Jagen zu erlernen, sei das einfach so noch nicht vorgekommen. Die Frauen reagieren mit Staunen und Begeisterung, als Lynx Vilden erzählt, dass sie früher lieber ein Junge sein wollte und selbst zuhause Jägerin ist, und /Noshae erzählt darauf lachend, dass auch sie als Kind ein sehr wildes Mädchen war.

IMG_1508Kampfspiele werden überhaupt nicht gespielt. Wenn die Erwachsenen die Kinder beim Kämpfen erleben, werden sie sofort daran erinnert, nicht zu streiten, nicht zu kämpfen, weil dies wichtig dafür sei, den Frieden für alle in der Gemeinschaft zu wahren.

Die kleinen Kinder werden in Tüchern herumgetragen und klettern und kuscheln unermüdlich vor allem mit den Frauen und Mädchen, aber auch mit den Männern. Weinen wird als ganz natürlich angesehen und die Erwachsenen begegnen Tränen und Geschrei mit sanftem, unaufdringlichem Trösten.

Lernen durch Beobachtung

Lernen durch Beobachtung

Gelehrt wird vor allem durchs Vormachen. Einmal hilft mir Dahm der Älteste beim Aufspannen meines Impala-Fells, während zwei etwa sechsjährige Jungs mit wachsendem Interesse zuschauen. Kurz vorm Abschluss fragt er sie kurz etwas, erklärt dann noch zwei Sätze, und geht einfach ganz woanders hin, lässt sie die Arbeit komplett alleine zuende bringen. Es brauchte eine Weile, bis sie die Technik so richtig raus haben, dabei beratschlagen sie miteinander, sind vorsichtig mit dem Holz”hammer”, der auch schon mal auf dem Daumen landet, und probieren behutsam so lange herum, bis alles gut klappt.

Die Frauen der Ju/hoansi erzählen uns, dass die Kinder das Wichtigste schon lernen müssen, bevor sie in die Schule gehen, damit sie die alten Weisen weiterführen und praktizieren. Würden sie zulange warten, führe das dazu, dass die Kinder „nur noch spielen wollen“, wenn sie nachmittags nach Hause kommen. Schafften sie es aber, die Kinder schon vor der Schule gut auf den Weg zu bringen, gelänge es auch, dass die Kinder das moderne Leben und die eigene Kultur miteinander integrieren können.

Spielen

26840855_1287556744713149_4715343524628780931_oVor allem die Frauen und die Kinder lieben es, mit uns zu spielen, ab und zu auch die Männer. Kreisspiele mit komplizierten Regeln, wo es um Geschicklichkeit und Humor geht, sind besonders beliebt. Oft spielen die Erwachsenen unter sich, die Kinder dürfen es ihnen dann später nachmachen. Bei einem Spiel verhakelt man im Kreis ein Bein mit dem Bein eines Nachbarn und so hüpfen alle herum, bis sie umpurzeln. Ein anderes Spiel singt vom Großvater der mit Fleisch nach Hause kommt und es nicht mit den Kindern und Frauen teilen will. Er probiert, sich aus dem Kreis zu verdrücken, wird aber von den schnell an allen Seiten heruntergezogenen Armen aufgehalten – bis er doch den Ausbruch schafft.

Mann und Frau

IMG_1451Die Ju/hoansi heiraten früh und führen in der Regel Ehen mit nur einem Partner. Die meisten Kinder werden erst geboren, wenn die Frauen so um die 20 Jahre alt sind. Kleinfamilien teilen sich eine Hütte oder ein Zelt. Tagsüber und an den Abenden sitzen meistens die Frauen zusammen und die Männer zusammen, oft räumlich nah beieinander. Körperliche Intimität zwischen Partnern wird nicht öffentlich gezeigt, auch Umarmungen oder Küssen kann man nicht beobachten. Viele Paare haben fünf bis sechs Kinder, für die beide Eltern verantwortlich bleiben und sorgen müssen, auch wenn sich ein Paar trennen sollte.

Heilungs-Tanz

Im Dorf der Ju/hoansi wird der traditionelle Heilungstanz getanzt. Dabei nutzt der Heiler die göttliche Energie, das /nom, das im Körper unter Schütteln, Schwitzen und Tönen erweckt wird und dann über Berührung weitergegeben wird, um als Medizin zu wirken. Während des Tanzes können die Heiler in Visionen wichtige Botschaften für die Gemeinschaft und für einzelne Leute erhalten.

IMG_1798Der Tanz kann nur gemeinsam durchgeführt werden und das Singen und Klatschen der Dörfler, vor allem der Frauen, ist genauso wichtig wie die Rolle der Heiler selbst. Während die Klicksprachen der einzelnen Buschleute-Völker im südlichen Afrika trotz ihrer gemeinsamen Wurzeln sehr unterschiedlich sind, so dass die Menschen Dolmetscher bräuchten, um sich zu unterhalten, sind viele Lieder und Tänze sich immer noch erstaunlich ähnlich. So kann davon ausgegangen werden, dass sie wirklich seit einer unglaublich langen Zeit fast unverändert von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

Die Natur

IMG_1462Es ist schwer zu beschreiben, wie aufregend es ist, in der offenen und verlockenden Landschaft der Savanne unterwegs zu sein, wo die Neugier, was hinter dem nächsten Baum oder Busch warten könnte, uns immer weiter und weiter lockt. Wie es sich anfühlt, eine frische Leopardenspur zu erahnen oder ungläubig auf die rehförmigen, aber gewaltig großen Trittsiegel einer Giraffe zu starren. Wie das Herz kurz aussetzt, wenn wir eine der tötlichsten Schlangen, die schwarze Mamba, noch gerade wegzischen sehen oder beim Morgenspaziergang das löwengebrüllartige Posaunen eines Elefanten hören. Wie es ist, von panischen Schreien im Nebenzelt aufgeschreckt zu werden, wo eine riesige giftige Spinne gerade zum Sprung ins Gesicht angesetzt hat, oder zu spüren, wie der Mund einfach offen stehen bleibt, nachdem eine Herde Berberaffen vorbei gerannt ist – als könnten sie alle miteinander nur der Fantasie entsprungen sein.

DSC_0525In der Kalahari ist alles voller Dornen, viele Singvögel sind bunt und prachtvoll, es ist gefährlich, nachts ohne Taschenlampe spazieren zu gehen, und wie genau die Erdlöcher der Skorpione aussehen ist eine wichtige Information gleich beim Ankommen.

Der feine Sand ist innerhalb von wenigen Tagen überall, überall, und wird in der Sonne mittags so heiß, dass dünne Gummisohlen kaum ausreichen, sich nicht die Füße zu verbrennen und die Solargeneratoren vorm Wegschmelzen geschützt werden müssen. Dann ist es wunderbar, einfach nur in der Hängematte zu liegen und die Hitze zu genießen.

IMG_1345Am meisten berührt hat mich ein uralter Baobab-Baum mit vielen meterdicken Stämmen, die teils aufrecht wachsen und teils wie ein gewaltige Lindwurm-Leib über die Erde kriechen. Vielleicht ist dieses wunderbare Baumwesen das Herz des Universums – so hat es sich zumindest angefühlt als wir im kupfernen Licht des Sonnenuntergang zu ihm gelangten, umkränzt von einem doppelten Regenbogen, wie ein Willkommens-Gruß um noch viel tiefer zu landen in dieser wunderschönen Landschaft, und uns auf ihre Geheimnisse einzulassen, hier in dem Land, wo unser aller Ahnen vor unfassbar langer Zeit zu Menschen geworden sind.

Für die Bilder geht Dank an Werner Pfeifer, Judith Wilhelm, Myriam Kentrup, Paul Wernicke, Tim Taeger, Caspar Brown, David Willis, Ajax Axe und Nicola Mosley.


Trauer ist viel mehr als traurig sein

…wie wir Menschen tiefen Verlust erleben und bewältigen

Trauer ist eine unmenschliche Erfahrung, die in einem menschlichen Körper stattfindet.”

Christina Rasmussen

shutterstock_53235814In Trauer sein bedeutet, einen unfassbar schlimmen Verlust zu erleben. Kein Mensch bleibt davon verschont, wir alle sind Trauer schon begegnet, und die meisten von uns viele Male.

Trauer bedeutet, etwas oder jemanden zu verlieren, der so bedeutsam und geliebt war, dass ich tiefen Schmerz durchleide, gleichzeitig ein Stück weit auch den Sinn und die Orientierung in meinem Leben verliere, ein Stück meiner Identität mir entgleitet, ich orientierungslos werde und nicht mehr spüren kann, wer ich selbst bin.

Unfassbar ist es, wenn ich jemanden verliere, der mir sehr nah und inniglich verbunden war, dem wir ich mich zugehörig erlebt habe, der oder die ein wichtiger Teil meines Lebens war. Dies kann ein Mensch sein, auch ein Tier, ein Haus in dem ich gelebt habe, ein vertrauter alter Baum, oder ein Platz, der mir Geborgenheit geschenkt hat.

Unfassbar ist es, wenn ich ein Stück von meiner eigenen Identität aufgeben muss, einen geliebten Beruf nicht mehr ausüben kann, oder durch Unfall oder Krankheit eine plötzliche Einschränkung meiner eigenen Fähigkeiten erleide.

Unfassbar ist die voranschreitende Zerstörung der Erde, die wir tagtäglich durch Nachrichten oder auch eigene Erfahrungen miterleben und mitansehen.

Ein Teil des Lebens

Trauer bedeutet, in eine Krise einzutauchen, die mich verändern wird, auf eine Weise, die niemand vorhersagen kann.

Du wirst nicht über den Verlust des Geliebten hinweg kommen, sondern lernen, damit zu leben. Du wirst wieder heil werden und dich selbst neu erschaffen, um diesen Verlust herum, den du erlitten hast. Du wirst wieder ganz sein, aber du wirst nie wieder so sein wie vorher, und solltest das auch nicht und würdest es auch selbst nicht wollen.”― Elisabeth Kübler-Ross

Trauer gehört von Anfang an schon zum menschlichen Leben dazu: Im Moment meiner Geburt erlebe ich als Mensch nicht nur das neu geboren sein in diese Welt, sondern auch den Verlust von fast allem, was bis dahin mein Leben ausgemacht hat – weil ich nicht länger wie eins sein kann mit dem mich umgebenden, tragenden, nährenden und wärmenden Mutterleib, ihren Herzschlag hörend, mit ihren Bewegungen schwingend. Auch im weiteren Heranwachsen durchlaufe ich immer wieder unterschiedliche Lebensphasen, zwischen denen jeweils Verlust und Abschied mich erwarten. So natürlich wie dieser Vorgang ist, so furchteinflößend und schmerzvoll ist er gleichzeitig auch, weswegen naturverbundene Kulturen diese Übergänge oft mit Ritualen begleitet haben.

“Leben bedeutet, zu verlieren was du liebst.”

Warren Brush

Dem Schmerz begegnen

Im menschlichen Leben ist Schmerz allgegenwärtig. Und er will von Anfang an bezeugt und gespiegelt werden. Sobonfu Somé, die dem Dagara Volk in Westafrika angehörte, lehrte uns, dass bereits ein Baby, wenn es weint, Erwachsene braucht, die ihm anschaulich Empathie schenken. Am besten gelingt dies, wenn sie seine Mimik, Gestik und seine Laute widerspiegeln, und dem Worte geben, was es fühlt. So erlebe das kleinste Kind, dass seine Gefühle wahrhaftig und von seinem Gegenüber angenommen sind. Würde es stattdessen ignoriert, aus dem Kreis der vertrauten Menschen weggeholt, oder müsste sich ein “das ist doch gar nicht schlimm” anhören, würde ihm nicht nur die Verbindung zum anderen verwehrt, es bekomme auch suggeriert, das mit ihm selbst etwas nicht stimme.

Aus einer auf natürliche Weise ausgedrückten Trauer, der nicht mit heilsamer Empathie und Verständnis begegnet wird, kann im Kind eine tiefe Scham entstehen, ein festsitzendes Gefühl “nicht gut” oder nicht “wertvoll” zu sein, das sich wie Gift in die Psyche des (heranwachsenden) Menschen einnistet und seine Fähigkeit schwächt, in gesunder Beziehung zu sich selbst und zu anderen Menschen zu sein.

Einander beistehen

Auch als Erwachsene brauchen wir die Zeugenschaft und das Mitgefühl von anderen Menschen in Zeiten der Trauer. “Ich kann dies nicht alleine schaffen,” heißt es in einem Lied der Dagara, dass traditionell beim Begräbnisritual gesungen wurde. Inmitten der tiefen Krisen, die uns fordern, den Sinn unseres Lebens (wieder) zu finden, braucht es unbedingt den Beistand anderer Menschen, deren Aufmerksamkeit, Handlungen und Worte uns zu verstehen geben, dass wir nicht allein sind – auch und gerade weil wir uns in Zeiten der Trauer oft furchterregend allein fühlen.

Trost spenden bedeutet deshalb vor allem, mitzufühlen und die trauernde Freundin durch unsere Anwesenheit daran zu erinnern, dass wir da sind – für sie, mit ihr.

Elizabeth Kübler-Ross setzte sich dafür ein, dass wir trauernde Menschen, die wir begleiten, als LehrerInnen ansehen. Wir sollten ihnen erlauben, uns darüber zu lehren, was ihre Erfahrungen sind, statt bestimmte Ziele und Erwartungen zu konstruieren.

“Es ist nicht möglich, Systeme, Regeln oder emotionale Landkarten anzuwenden. Unsere Aufgabe ist es, selbst als Menschen präsent zu sein, nicht als Erretter. Eher ein Begleiter eher als ein Führer. Eher ein Freund als ein Lehrer. ” – Jon Welshons

Der Trauer-Berater Alan D. Wolfelt hat aus seiner Erfahrung mit Ritualen eine Art Modell fürs Begleiten bei schweren Verlusten entwickelt, in dem er beschreibt, wie ich als Unterstützende den Betroffenen erleichtern kann, ihren erlittenen Verlust zu integrieren, indem ich einfach präsent mit ihnen bin und sie aufmerksam beobachte – meinem Gegenüber also ein Gefährte oder Begleiter bin, und ihn ehre, Raum für ihn halte und ihn bezeuge.

Er schreibt:

  • Begleiter sein, bedeutet, mit dem Herzen zuzuhören, nicht mit dem Kopf zu analysieren.
  • Begleiter sein bedeutet neugierig zu sein, statt die eigenen Erfahrungen mitzuteilen.
  • Begleiter sein bedeutet, mit dem Schmerz des anderen präsent zu sein, nicht den Schmerz wegnehmen zu wollen.
  • Begleiter sein bedeutet jemandem zur Seite zu stehen, nicht selbst die Führung zu übernehmen.
  • Begleiter sein bedeutet, Chaos und Verwirrung zu respektieren, nicht Ordnung und Logik aufzudrängen.
  • Begleiter sein bedeutet, sich in die Wildnis der Seele eines anderen Menschen aufzumachen, jedoch nicht sich verantwortlich dafür zu fühlen, den Weg wieder heraus zu finden.

Trauer ist nicht dasselbe wie Depression

Im Gegenteil: Nur wenn ein seelischer Schmerz keinen Ausdruck und dadurch Integration und Heilung findet, kann er chronisch werden, sich verdichten, mit zahlreichen ernsthaften Krankheitssymptomen einhergehen (beispielsweise auch Krebs) und unter anderem zu schwerwiegenden und langwierigen Depressionen und auch Suizid führen.

“Ob ich trauere oder nicht ist nicht mir selbst überlassen – denn wenn Trauer da ist und ich mich dagegen entscheide bedeutet dies nur, es auf jemand anderen zu schieben, der diese Last dann für mich tragen muss.”

Martín Prechtel

Den Sinn im Trauern selbst finden

Viele Tierarten trauern um verstorbene Familien- oder Herdenmitglieder, beispielsweise Elefanten, Höckerschwäne, Löwen oder Schakale. Manche Wissenschaftler, wie Randolph Nesse sprechen davon, dass der Schmerz des Verlustes dabei helfe, sich auch in Zukunft, sogar umso mehr für den Schutz von beispielsweise den eigenen Kindern einzusetzen. Andere Forscher, wie John Archer gehen davon aus, dass Trauer einfach eine Kehrseite von unserer Fähigkeit ist, innige, tragfähige Bindungen miteinander einzugehen.

Martín Prechtel, der tief vertraut ist mit dem guatemaltekischen Volk der Tz’utujil, schreibt dass ohne Trauer die Welt aufhören würde, sich zu erneuern, aufhören würde, zu existieren.

Sie ist tatsächlich ein fundamentaler Bestandteil unserer Menschlichkeit und Verbindungsfähigkeit.

“Trauer ist dasselbe wie Lobpreisen, es ist die natürliche Weise, mit der die Liebe das ehrt, was sie vermisst.”

Martín Prechtel

Trauern und Lobpreisen sind die Lieder der Liebe

shutterstock_50114662Trauer zeigt uns und den Menschen um ums herum, was wir so inniglich geliebt haben. Indem wir unsere Trauer zeigen und miteinander teilen würdigen und feiern wir das (oder denjenigen), das wir verloren haben. Unsere Tränen seien wie Nahrung für die Ahnen, sagte Sobonfu Somé. Nur das was ich liebe, kann ich betrauern. Und so kann die Trauer mir selbst zeigen, wie viel Liebesfähigkeit in mir wohnt. Die Kraft zu lieben macht mich so verletzlich. Und in dieser Verletzlichkeit bin ich verbunden, mit allen anderen Menschen. Denn die Trauer besucht jeden von uns.

Die Antwort zum Geheimnis des Lebens ist die Liebe, die dir manchmal so wenig perfekt erschien, und wenn der Verlust dich zum Erkennen der tieferen Schönheit und Heiligkeit darin erweckt, kannst du dich eine lange Zeit nicht von deinen Knien erheben, nicht wegen der Last des Verlustes, sondern wegen der Dankbarkeit für das was vor dem Verlust kam.”  
― Dean Koontz

So schlummern inmitten der größten Traurigkeit oft auch große Dankbarkeit, Wertschätzung, und Weisheit. Bei den Dagara, wie auch bei den Anishinabe in Nordamerika und vielen anderen naturverbundenen Kulturen sind das Danken, Würdigen und Feiern, und sogar das herzhafte, befreiende Lachen ein willkommener und wesentlicher Teil des Trauer-Prozesses.

Das von Innen heraus sich wellenartig ausbreitende Schütteln bei tiefem Lachen ebenso wie bei tiefem Weinen vollbringt unser Körper mit denselben Muskeln – beide sind also ganz nah verwandt, und manchmal geht das eine ins andere über und wandert wieder zurück. Indem ich mir erlaube, frei heraus und im Fluss mit den Ereignissen des Lebens zu trauern, wächst auch meine Kapazität, Freude und sogar Glückseligkeit tiefer und intensiver zu empfinden.

„Nur Menschen, die in der Lage sind voll und ganz zu lieben, können auch großen Schmerz durchleiden, doch genau dieses Bedürfnis, zu lieben, schenkt ihnen einen Gegenpol zu ihrer Trauer und heilt sie.“

Leo Tolstoi

 

Viele Gesichter

Viele Menschen, vor allem auch kleine Kinder durchleben laut Sobonfu Somé einfache, auf einen Moment beschränkte Trauer in bestimmten Phasen.

Wenn ein Kind sich weh tut, lassen sie sich oft gut beobachten: Auf den ersten Schock/Schreck folgen mehr oder weniger starke Emotionen wie Wut oder Traurigkeit, die ganz natürlich einen stimmigen Ausdruck finden. Danach stellt sich ein Gefühl von Entspannung und Leere ein, ein Raum in dem innerer Frieden und später auch Leichtigkeit und Humor oder sogar Freude wie von selbst Einzug halten.

Bei Erwachsenen ist Trauer oft von vornherein komplexer und dockt zudem oft an vergangener, nicht vollständig ausgedrückter Trauer an. Deshalb ist es kaum möglich, klar abgrenzbare Phasen oder Abläufe zu beschreiben, die als besonders hilfreich oder unterstützend gelten könnten. Die Wissenschafts-Journalistin Ruth Davis Konigsberg hat hierzu ganz verschiedene Studien ausgewertet, die letztendlich vermitteln, dass es kein einheitliches Trauer-Erleben oder Verarbeiten gibt. 

Trauer hat so viele verschiedene Gesichter wie es Menschen gibt: Leugnen und Stumpfheit, Zorn und Raserei, Angst und Panik, Einsamkeit und Hilflosigkeit, Schock und Starre, Rastlosigkeit oder Antriebslosigkeit, Erzählen, Stille, weinen und zittern, sich übergeben, schwitzen oder frieren, Schmerzen oder Empfindungslosigkeit, Atemlosigkeit, Sehnsucht, Erregung, Erschöpfung, schreien, wehklagen, singen oder wimmern, etwas kaputt machen wollen, sich bewegen oder rennen wollen die Augen schließen, sich einrollen und verstecken wollen, gehalten werden wollen oder überhaupt gar nicht berührt werden wollen… all dies und viel mehr sind Ausdrucksformen der Trauer, die dabei helfen können, die Trauer zu bewegen und zu verarbeiten.

 

Trauern wieder erlernen – für eine friedvolle Kultur

 

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Das Trauer-Feuer, inspiriert von nordamerikanischen und mitteleuropäischen Formen des Not-Feuers oder Heiligen Feuers, schenkt einen geborgenen, heilsamen Raum dafür, einander in Zeiten der Trauer zu bezeugen und zu begleiten. Am Feuer können Geschichten und Gefühle geteilt und Tränen geweint werden, und in der Stille vor dem Knistern der Flammen kann selbst das gehört werden, wofür es keine Worte gibt.

Das Feuer, das Element das nur wir Menschen in unsere Mitte geholt haben, bringt uns als Gemeinschaft zusammen, so dass wir in unserem tiefsten Menschsein einander beistehen können. Es verbindet uns mit der Welt der Ahnen, all derer die vor uns gegangen sind.

Das Feuer hat die Kraft zu verwandeln. Aus der Asche des Verbrannten hilft es uns, das Wesentliche zu erkennen und uns daran zu erinnern, wer wir sind.

Das gleißende, wärmende Licht des Feuers hilft uns zu sehen, welches Geschenk dem schlimmen Verlust innewohnt. Wie die Trauer darüber uns selbst helfen kann. Und wie sie uns mit ihrer Medizin eines Tages helfen kann, anderen zu helfen.

 

Wenn du mehr über das Trauer-Feuer erfahren möchtest, sei herzlich willkommen! Mehr Informationen dazu findest du hier…

Ab November 2019 bieten wir eine 1jährige Ausbildung zum Trauer-Feuer-Facilitator an. Mehr Informationen darüber findest du hier…


Gedenkfeier für Sobonfu Somé

13. Juli 2017, im Schloss Tempelhof bei Crailsheim

14:00 – 18:30 Uhr und in den Abend hinein

16143381_1204728526259444_3832217713611133036_o.jpgWir freuen uns auf ein paar Stunden gemeinsam gedenken, trauern, ehren und feiern von dem, was Sobonfu uns in den letzten Jahren mit so viel Hingabe, Bestimmtheit und Humor geschenkt hat.
Dafür laden wir dich ein, am Donnerstag um 13:00 Uhr zum Mittagessen anzureisen und mit uns einen Nachmittag lang, und wenn du möchtest bis in die Nacht hinein, Geschichten, Lieder und Erinnerungen zu teilen und die Verbindung zu Sobonfu und unseren anderen Ahnen zu würdigen und zu stärken.

Anmeldung erfolgt über die Seminaranmeldung zum Workshop “In unserer Mitte – Was Kinder von uns brauchen” über das Seminarbüro im Schloss Tempelhof. Die Teilnahme an der Gedenkfeier ist kostenlos (Kosten entstehen nur für die Mahlzeiten).

Wir freuen uns auf einen großen, lebendigen Kreis gemeinsam mit dir und vielen anderen Menschen, deren Leben Sobonfu im Laufe vieler Jahre hier in Europa berührt hat.

Die Gedenkfeier ist eine Kooperation von Circlewise, der Wildnisschule Wildeshausen und den “Village People” – den AbsolventInnen der 3jährigen Ausbildung mit Sobonfu von 2014-2016. 

Hier geht’s zur Anmeldung…


Verein für Verbindungskultur

Ein ganz neuer und für uns großer Schritt steht bevor:

Wir suchen einen Platz an dem unserer Arbeit sich verwurzeln kann.

Im Oktober 2016 haben wir einen Verein gegründet, um damit auf gemeinnützige Weise die Verantwortung für ein Stück Erde zu übernehmen – mit ein wenig Glück und Hilfe schon in diesem Sommer.

Circlewise bleibt weiterhin eine Ideen- und Tatenschmiede für Verbindungskultur.

Das neue Zentrum für Verbindungskultur, e.V. wird ein interkultureller Entwicklungsort für Lern-Erlebnisse die eine tiefe und authentische Verbindung zur Natur stärken, in denen zukunftsfähige Lebens- und Wirtschaftsweisen erforscht und praktiziert werden und die ein friedvolles und schöpferisches Miteinander fördern – für einen gesellschaftlichen Wandel zum Wohle aller Wesen.

Gerade nutzen wir die Zeit der Klarheit inmitten der noch ganz durchsichtigen Natur, die in diesen Tagen so herrlich hell vom vorfrühlichen Licht erstrahlt, um Form und Farbe unseres Vereins so richtig klar zu zeichnen. Wenn wir mehr Details wissen, melden wir uns!

Schon jetzt freuen wir uns über Unterstützung – vor allem falls du dich mit wordpress-basierter Webseiten-Bastelei auskennst und Lust hast uns gegen Honorar oder im Austausch gegen Kurse oder Weiterbildungen beim Erstellen der neuen Webseite zu helfen, freuen wir uns über eine Nachricht über unser Kontaktformular.


Abschied von Sobonfu Somé

16142722_10208432931797732_3534587087708493404_nWir sind voller Trauer, dass unsere geschätzte und geliebte Lehrerin, Beraterin, Älteste und Freundin Sobonfu Somé am 14. Januar nach langer Krankheit in Burkina Faso aus dem Leben geschieden ist.

Wir danken ihr für die Jahre in denen sie uns durch ihre Workshops und beim Weiterentwickeln unserer Arbeit begleitet hat. Sobonfu hat vor allem durch ihre Bücher weltweit zig Tausende von Menschen mit ihren Geschichten, den Weisheiten ihrer Kultur und den intensiven Ritualen berührt, inspiriert und mit Zuversicht erfüllt. Sie wurde als die wohl wichtigste weibliche Stimme afrikanischer Spiritualität in der westlichen Welt anerkannt.

Sobonfu, deren Name “Hüterin der Rituale” bedeutete, schaffte es, die Prinzipien der Rituale ihrer Kultur, der Dagara in West-Afrika, in Ausdrucksformen zu übersetzen, die den Menschen und der Kultur hier vor Ort entsprachen.

Von 2014-16 leitete sie eine erstmals in Europa durchgeführte Ausbildung in naturverbundener Ritualarbeit für Circlewise und die Wildnisschule Wildeshausen. Sobonfu konnte dadurch zuletzt einen Teil ihres Wissens und auch ihrer Verantwortung an eine Gruppe von Lernenden hier in Deutschland weiter geben, die im Rahmen der Ausbildung auch eine Initiation in diese Form der Ritualarbeit absolvierten.

Zum Abschluss der Ausbildung Ende November 2016 teilte sie mit uns folgende Worte:

16143381_1204728526259444_3832217713611133036_o.jpg„Vielleicht seid ihr euch nicht sicher, ob ihr nach nur diesen drei Jahren in der Lage sein werdet, da draußen Rituale zu leiten. Aber ich kann euch sagen, was auch immer der Geist ist, mit dem ihr euch verbunden habt – ihr seid auf einer heißen Spur. Seid ihr bereit, weiter auf ihn zu achten? Ihn euch führen zu lassen? (…) Ein neuer Tag ist möglich. Eine neue Art des Seins ist möglich. Eine neue Art, zusammenzukommen ist möglich. Eine neue Art Wunder auf den Weg zu bringen ist möglich. Was auch immer der Geist ist, der diese Möglichkeiten für euch hier geschenkt hat – ich werde ihm für immer dankbar sein.“

Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, wie wir mit allem, was wir von Sobonfu gelernt haben, auf eine gute Weise weitergehen und es auch weitergeben wollen. Die nächsten Wochen und Monate werden mehr Klarheit hierzu schenken und einen neuen Weg eröffnen.

sobonfu_elkeWir vermissen dich Sobonfu – deine Weisheit, deinen Humor, deine Entschlossenheit, deine tiefe und tätige Liebe zu den Menschen, besonders den Kindern, deine Ausdauer und die Kraft deiner Verbindung zur geistigen Welt. Du hast für uns einen Anker gesetzt – in ein gesundes, gemeinschaftliches Miteinander aller Generationen, das auch hier und heute möglich ist. Du hast uns Türen zur Verbindung mit der geistigen Welt eröffnet, zu der wir alle als Menschen einen ganz individuellen, persönlichen Zugang haben, und die uns durch deine Arbeit vertrauter geworden ist, als eine Quelle für Kraft und Weisheit in einer Zeit wo dies so dringend gebraucht scheint.

Hab Dank für alles – ye barka, ye barka, ye barka.

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Ausbildungsgruppe in Naturverbundener Ritualarbeit 2014-2016

 

Möchtest du mehr erfahren?

Hier geht’s zum Nachruf in der Zeitschrift Oya 44/2017, geschrieben von Geseko v. Lüpke und Elke Loepthien.

 

Persönlicher Nachruf von Elke:

My dearest Sobonfu,
Thank you for being my teacher, auntie, mother, sister and friend all at the same time. In your leaving, I see how my life has changed in countless ways because of you.
Your way of seeing and connecting with the children helped me to become a real mother for my son, as well as for my own inner child, and for the children around us. Always you were so full of love, so generous with them. Through your eyes and translation you helped us to read their ways of communicating and to truly respond. Your deep appreciation and love for the children helped me to put them back into the center, giving me a taste of what our responsibilities as adults truly are towards the children around us, and to all the children, even to the children within, so the wounds of the past could find healing. My son is thankful for you, for the many ways you treated him with so much loving care, and because he knows how much better a mother I am because of you.
I loved to witness how you touched hundreds of people in our community. How your presence and care opened up hearts and whenever you hadn’t been here for a while, I so longed for you to come soon, so the emergence of life force could speed up again, cause I could count on that to happen once you were just here with us. I saw so many life changing conversations that really only took a few minutes of your full attention to happen, and the concentric rings of these conversations within the community.
I feel eternally grateful for all the different rituals that you have shared with us, with so much patience. You were such a skilled teacher for us, always making sure to throw in bits and pieces that we had not heard yet, to widen our experience, to deepen our understanding, to put us on the edge, so we had to grow.
I remember how you brushed off my attempt to write down a complicated smudging routine for the grief ritual, telling me I would just be fooling myself, that I need to embody it or I could forget it, rolling your eyes with a big smile.
I will never forget the magic and power of your blessings. Right when we started our 3year training you blessed each person to welcome them into their element. And even though many of them you had never seen before, you spoke right to their gift, right to that most elusive, special thing about them. I went along, holding the jar with ashes for you, and almost everyone got teary eyed immediately, such was the gentle power of your words.
And how you were empowering women as well as men in our community! You could encourage and then kick butt if needed, for us to step into our responsibility for each other, to acknowledge and honor our differences, laugh together, and to be there for the children and for the world.
The vastness of your spirit that needed to travel all over this world, like a special kind of food, and that was able to nourish all these authentic and deep connections to so many people. The many nights you spent here with hardly any sleep at all, instead skyping with friends and family from all over, consoling, connecting, caring.
The sharpness of your ability to see through anyone’s fog and storm into the core of issues, into the disappointment underneath even the harmful actions, into the longing underneath even the hatred, and your ability to connect with that core within an instant, to make people feel seen and heard and welcome. Even with people who were treating you outrightly badly, you could see behind their actions and I never heard you say a harmful or discrediting word towards even the most difficult relationships in your life.
You helped me to make the fullest sense of my own gifts, as well as the ones of everyone else in the community. You showed me and taught me how to not shrink back from power, not from my own, nor any other. You made me accountable to hold my ground as a facilitator and leader and to ground myself and connect to spirit in a split second if need be. You guided me so well Sobonfu. You could console me, hold me, love me completely and in other moments just smack me, right when it was needed, and helpful, and then we’ld laugh about it afterwards.
You role modeled to all of us, how to walk with the intense power that we all felt working on us during the rituals, and to never misuse it for your own purposes.
I don’t remember you ever buying anything for yourself. Judith and I (and I know people all over) tried to keep your gear from the continuous danger of falling apart completely, by renewing one thing after the other. All the abundance that your work created you spent for the children, so selflessly.
I remember the complete delight you took in good food, as well as in heartfelt music and how you never took any bit of the care for granted that people around you offered.
When I had invited you over in the beginning, not really knowing you, we spent a few days tiptoeing around your room, trying to be really quiet. How quickly our places here then got transformed into “Little Burkina”, lively, hot and noise as can be, 25 people in one double bed room for our team meetings, where you were our guest of honor.
I remember our timeless days in between the programs, were we wouldn’t even leave the house and have breakfast at 4 in the afternoon. How hard we sometimes laughed. How we were all cuddled up on the couch, and we would massage the whole world inside and around us with layers upon layers of gently flowing conversations, taking turns with eruptions of hysterical laughter and wildness of spirit and mind, with you, Judith and I and elder Julie.
The hours of the two of us singing your favorite songs together, songs of friendship, care and love.
There was no human condition that you didn’t know or that you wouldn’t accept.
You always patiently listened to even my bullshit, kindly and with humor acknowledged it as bullshit and then readily listened to more of it. Whenever you set me straight, you gave me so much reassurance with it, calming my insecurities, so I could swallow even the bitter medicine. You made me stand up for my own dignity when I felt like nothing more than a pile of dust on the ground, and in your arms I could sob like a baby, because you just knew me so well.
I remember that lean and incredibly strong body of yours, trained by the years of carrying the increasing weight of your sickness, and carrying it with so much grace. In my prayers I saw you dancing wildly, freed from all burdens.
Oh how hard I prayed for your health and happiness, and how scared I felt at times about your sickness. Never have I seen someone who had to persevere so much pain and hardship, over years and years, and yet stayed so lighthearted and full of love and full of mischief at the same time. I remember the long mornings of preparing yourself to get up, gathering your strength, getting ready for another day. The patience and strength you were able to muster for even just one walk over to the bathroom. I remember how we got our first wheelchair here for you and you just wouldn’t stop walking on your own. How much humor you always found to answer the inquisitive questions of the airport personnel. How earnestly you talked to the concerned children, trying to explain the unexplainable. How you finally did surrender to the wheelchair, and to the couch in the seminar room that we hauled in on a trailer, to all the big and small little helpers that enabled you continue your work despite the pain. I remember how angry I got when someone would try to pull more time and energy from you than what you were already offering, and the quietness that hung over your room when you were exhausted. How you would share your fears and worries with us and how hard you were working for your own healing, in all the different and sometimes mysterious ways you and your elders found.
In the seven years that I’ve known you, I never saw you healthy Sobonfu. But once I saw you dancing, for just a few moments, and that image will always stay with me.
I remember our last blessing circle for you, before the village training ended. I see the tears rolling down your cheeks and the love in your eyes, for each one of us. And our blessings for the healing to come, for joy, for salvation, for that you may experience the sweetness of being completely whole and healthy again.
I so wished there would have been another way out of your sickness than leaving to the other side of the veil. But I do feel happy, that your suffering has come to an end.
I remember how you locked eyes with me so intently, like tying a life saving rope, before you sent me into the scary shrine to get something, when you weren’t able to do it yourself anymore last fall. „Stay connected with me“ – you said. I said I will.
And I will.
I love you Sobonfu. My house, my memories, my stories, my songs are all full of you, your advice, your laughter, your bad-assness and your love. And of our shared dreams for the future, that will be so different now.
You taught us that every death of a loved one is a ticket for the living. There are so many of us, who you gifted with tickets and I am marveling at where the journey will take us.
I promise to use mine well and to live my life in a way that will make you smile. I promise to call on you when I need you, to feed you the best of my food and to giggle with you whenever the opportunity arises.
Just like you said on your last message on my voicemail in December: “I love you and we’ll be in touch.”


Solidarität mit Standing Rock

defendthesacredIn North Dakota kampieren seit April UreinwohnerInnen aus insgesamt fast 200 indigenen Kulturen im Gebiet der Lakota, um den Bau einer Erdölpipeline durch das “Standing Rock” Reservat zu verhindern. Noch immer geht der unermüdliche Einsatz unzähliger Menschen für sauberes Wasser und heiliges Land weiter, welches per Gesetz den Ureinwohnern gehört.

Im November 2016 rief ein spontanes Bündnis von Natur- und Wildnisschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz dazu auf, Solidarität mit den mutigen und willensstarken Menschen vor Ort zu zeigen und ihr Engagement zu unterstützen. Unser Ziel, über ein Crowdfunding 15.000 € zu sammeln, wurde noch um einiges übertroffen: Mit der Unterstützung von 291+ Menschen konnten wir innerhalb von drei Wochen gemeinsam 18.482 € zusammentragen.

Das gesamte Geld haben wir nun einer Initiative von Ureinwohnern vor Ort überwiesen, bei der im Moment der größte Bedarf an finanzieller Unterstützung besteht: Das Oceti Sakowin Camp, das sich zwischen dem Reservat der Lakota Sioux und dem derzeit von der US Army Corps besetzten Gelände befindet. Dieses ausschließlich von Natives geleitete Camp hat zum Ziel, die Rechte der Ureinwohner auf friedliche Weise zu verteidigen und gemeinsam dafür einzustehen, Mutter Erde und ihre Bewohner zu bewahren, in Einvernehmen mit den sieben Tugenden der Lakota: Gebet, Respekt, Mitgefühl, Ehrlichkeit, Großzügigkeit, Bescheidenheit und Weisheit.

Mehr zum Crowdfunding und zu den bisherigen Geschehnissen in North Dakota: https://www.leetchi.com/c/projekt-von-buendnis-der-deutschsprachigen-natur-und-wildnisschulen

Mehr zum Oceti Sakowin Camp: http://www.ocetisakowincamp.org/

Ein herzliches Dankeschön an alle Wildnisschulen, Projekte und Einzelpersonen, die sich am Spendenaufruf beteiligt oder auf andere Weise die Wasserschützer unterstützt haben!

PS Update: Am 05.Dezember hat die Regierung in den USA verkündet, dass der Pipeline-Bau solange illegal ist, bis eine umfangreiche Prüfung der zu erwartenden Umwelteinflüsse abgeschlossen ist, und im Zweifelsfall auf einer anderen Route entlang verlegt werden soll. Dies ist ein großer Erfolg in der öffentlichen Wahrnehmung – dennoch kein wirklicher Erfolg für das tatsächliche Unterbrechen oder Verhindern des Baus. Eine der Betreiber-Firmen EnergyTransfer hat am Tag danach in ihrer Stellungnahme deutlich gesagt, dass sie sich (wie in der Vergangenheit) durch diese „rein politisch gemeinte“ Aussage der Verwaltung in keiner Weise daran hindern lassen würden, das Projekt wie geplant und innerhalb des ursprünglichen Zeitrahmens abzuschließen. Das heißt, sie wollen einfach weiterbauen und notfalls vermutlich vergleichsweise magere Strafgelder in Kauf nehmen, statt den Bau zu stoppen! Unsere Sorge ist, dass gerade in der nahenden Weihnachtszeit der Druck der Öffentlichkeit nachlassen könnte, weil viele Menschen mit sich und der Familie zu tun haben. (http://www.businesswire.com/news/home/20161204005090/en/Energy-Transfer-Partners-Sunoco-Logistics-Partners-Respond)

Deshalb ermutigen wir euch, weiterhin ein Auge auf die Entwicklungen vor Ort zu halten.

Was man noch von Deutschland aus tun kann
Die Deutsche Bank ist mit 300 Millionen Euro Investitions-Summe am Pipeline-Bau beteiligt. Hier könnt ihr eine Petition unterzeichnen, mit der wir der Deutsche Bank vor Augen halten können, wie unerwünscht die Pipeline von der Mehrheit der Deutschen ist: https://actions.sumofus.org/a/deutsche-bank-kein-geld-fuer-die-dakota-access-pipeline?sp_ref=.99.176499.f.559619.2&source=fb

Immer wieder erreichen uns Anfragen, ob ein weiteres Spenden noch möglich ist. Möglichkeiten per PayPal hier:
www.paypal.me/ocetisakowincamp
http://standingrock.org/news/standing-rock-sioux-tribe–dakota-access-pipeline-donation-fund/

 


Peace & Permaculture – regeneratives Gestalten für eine Welt in Frieden

Warren Brush erzählt in seinem Vortrag bei der Internationalen Permaculture Convergence in Jordanien im September 2011 über seine Erfahrungen an der Schnittstelle von Peacemaking, Permakultur, naturverbundener indigener Lebensweise und den Auswirkungen all dessen für ein Ende des Bürgerkriegs in Liberia.

 

 

Warren Brush kannst du hier bei uns erleben:

 

Warren BrushWorkshop Peace & Permaculture im August 2016

 

permaculture-7Permakultur-Design-Zertifikats-Kurs 2017


Aus der Verbindung zum Land…

…erwächst die Zukunft

In diesem Film erzählt Mark Morey während eines Musik-Camps in den USA die Geschichte vom irischen Lied “Come by the Hills”, und wie er es von dem irischen Maurer und Liedersammler Gerry Brady gelernt hat, den einige von euch vielleicht bei den Workshops mit Jon Young hier in Deutschland kennenlernen konnten. Die Melodie ist eine irische Volksweise, der Text wurde in den 60er Jahren vom schottischen Liedermacher W. Gordon Smith geschrieben.

Mark Morey sagt im Film: “Ich war in England und hab dort einen Mann aus Irland getroffen, Gerry Brady, ein 70jähriger pensionierter Maurer, der hunderte mündlich überlieferte Lieder kannte. Ich erzählte ihm, dass wir dort seien um den Kindern ihre Verbindung zur Natur zurück zu geben, damit die Kultur von diesem zentralen Ort aus wieder neu erschafft werden könne.

Gerry antwortete, dass er genau wüsste was ich meine, und das dasselbe in ihrer Kultur auch gerade passieren würde. Dass dieselben Dinge, deren Zerstörung eine gesamte Kultur zerstören könnten, in ihrem Wiederauftauchen, auch die Kultur zurückzubringen vermochten. Denn in Irland waren im Jahr 1665 tausende von traditionellen Harfen verbrannt worden, deshalb hätten sie nun eine Harfe auf der Rückseite einiger ihrer Geldmünzen. Ich weiß eine Mission des Fiddle-Camps ist es, die Musik zurück zu holen, dass sie sich durch die Zeit weiter bewegen kann. Gerry sagte zu mir, du musst dieses Lied lernen. Es geht dabei darum, wieder in die Landschaft zu gehen, den Liedern der Bäume und des Windes zu lauschen, und von diesem Ort aus, die Zukunft zu erschaffen.”

 


Permakultur – ein genialer Lösungsweg

Dieses Interview wurde am 04.Juli 2013 von by Leslee Goodmann vom Moon Magazine geführt und in der Originalsprache auf der Webseite des Permaculture Research Institute unter dem Titel “The Permaculture Solution” veröffentlicht. (Hervorhebungen im Text dr. den Übersetzer.) 

Warren Brush ist zertifizierter Permakultur-Designer und Lehrer,  Mentor und Geschichtenerzähler.

Warren hat diverse Permakultur-Projekte mitbegründet, deren Entwicklung er bis heute unterstützt und begleitet, beispielsweise das Permakultur-Modell-Projekt “Quail Springs”, wo Permakultur erlebt und gelernt werden kann. Menschen aus aller Welt besuchen hier Kurse und können intensiv in die angewandten Prinzipien und Methoden der Permakultur eintauchen. Dabei geht es nicht nur um den Anbau von einer großen Menge und Vielfalt an Nahrungsmitteln, sondern auch um natürliche Bau-Methoden und um die Grundlagen eines ganz einfachen Lebens mit der Natur, beispielsweise durchs Sammeln von Wildpflanzen, respektvolle und achtsame Formen der Jagd,  die Herstellung von Leder, die Verarbeitung von Pflanzenfasern und das Korbflechten. 

Vor dem Aufbau von Quail Springs leitete Warren gemeinsam mit seiner Frau Cyndi Harvan das Wilderness Youth Project, ein Naturverbindungsprogramm in dem obdachlose Jugendliche und Kinder aus einer Vielfalt von sozialen, ökonomischen und ethnischen Hintergründen gemeinsam raus in die Natur gehen, den Spuren von Tieren folgen, Unterschlüpfe bauen, Feuer hüten und aktiv dazu beitragen, die Biodiversität und Vitalität der Landschaft zu stärken.  

Warren Brush wird als Designer und Lehrer zu den “Top 10” der Permakultur weltweit geschätzt. Im August 2016 und Frühjahr 2017 wird er hier bei uns zu Gast sein. 

Leslee Goodmann: Dir wird die Aussage zugeschrieben, dass Permakultur schon jetzt mehr Menschen mit Lebensmitteln versorgt, als sämtliche Hilfsprogramme der Welt zusammen. Eine bemerkenswerte Behauptung – bitte erzähle uns mehr darüber.

Warren Brush: Dieses Zitat stammt eigentlich von Geoff Lawton, vom Permaculture Research Institute (PRI) in Australien, einer Organisation die von Bill Mollison aufgebaut wurde, den man oft den “Vater der Permakultur” nennt. Lawton hat dies vor vier Jahren gesagt, also 2009, und die Aussage basierte auf den Forschungen des PRIs. Ich finde es ist eine erstaunliche Behauptung. Rund um die Erde haben fast 2,5 Millionen Menschen den Permakultur-Design-Kurs absolviert, ein 72stündiger Kurs der die grundlegenden Methoden der Permakultur vermittelt. Dabei geht es um bewusstes Gestalten mit der Natur, um dadurch hochgradig effiziente und stabile Systeme zu erschaffen.

Für mich ist die Aussage glaubwürdig, denn indem wir natürliche Systeme nachahmen, statt der Monokultur-Systeme der industriellen Landwirtschaft an die wir gewohnt sind, können wir bis zu zehn mal so viel Nährwert pro Quadrat-Fuß (= 33*33 cm) erhalten. Wenn du beispielsweise essbare Pflanzen in verschiedenen Schichten übereinander anbaust, wie wir es in einem Wald beobachten können – oder wenn du selbst nur ein Hochbeet anlegst – erzielst du eine zehn mal höhere Produktivität, als es in der konventionellen Monokultur-Landwirtschaft möglich ist. Und gleichzeitig erzeugst du auch mehr Muttererde, du nutzt Abfälle vor Ort, du schenkst für das Ökosystem wertvolle ökologische Dienstleistungen, die natürliche Vorgänge imitieren – vieles was das Monokultur-System überhaupt nicht leistet. In der Natur kannst du keine Monokulturen finden. In der Natur kannst du Vielfalt finden.

Leslee Goodmann: Warum denkst du ist die industrielle Landwirtschaft dann noch nicht auf den Permakultur-Zug aufgesprungen?

Brush: Weil Permakultur eine dezentralisierende Bewegung ist. Im großen Maßstab kann sie nicht stattfinden, ohne viele Menschen mit einzubeziehen. Dies ist eine komplett andere Art und Weise des Landbaus, die eher so aussieht wie die Landwirtschaft der Vergangenheit, als es noch Verbände von Klein-Bauern gab. Statt einem Bauern der 5.000 Morgen Land bewirtschaftet, gibt es in der Permakultur 1.000 Menschen, von denen jeder fünf Morgen bewirtschaftet. Dies ist eine viel stabilere Art und Weise um Lebensmittel anzubauen – in erster Linie für die Menschen und nicht so stark profitorientiert.

Es gibt dennoch eine Reihe von kommerziell tätigen Landwirtschaftsbetrieben, die die Permakultur für sich entdecken und in ihr Anregungen dafür finden, wie sie ihre Effizienz und damit auch ihre Erträge steigern können. Man schätzt, dass die modernen landwirtschaftlichen Systeme zehn Kalorien Energie dafür verwenden, eine Kalorie Nahrung zu erzeugen. Das ist überhaupt nicht nachhaltig. Ja, wir produzieren riesige Mengen von Lebensmitteln, aber wir graben uns selbst unsere natürlichen Ressourcen ab, um dies zu erreichen. Unser Kalorien-Speicher wird irgendwann ausgeschöpft sein. Die Geschwindigkeit in der wir unsere Energiereserven auffressen ist gewaltig. (…)

Viele Menschen die Landwirtschaft im großen Stil betreiben stellen fest, dass sie zunächst hohe Erträge erzielen können, aber wenn mit der Zeit die Erde erschöpft ist, müssen sie mehr und mehr Drucker, Pestizide, vorbehandeltes Saatgut und so weiter kaufen, von kommerziellen Anbietern. Wären sie dem freien Markt überlassen, müssten sie ohne Subventionen von der Regierung auskommen und würde überhaupt keinen Profit erwirtschaften – also würden sie ihren Anbau auch nicht auf diese Weise betreiben. Ein großer Teil der modernen Landwirtschaft kann nur überleben, weil die Regierungen Subventionen zahlen. In den USA und in anderen Ländern gibt es mittlerweile aber auch viele Höfe, die sich dringend einen Wandel wünschen. Bei uns melden sich viele Bauern, die sich von der gewaltigen Menge an Energie befreien wollen, für die sie bezahlen müssen. Der einzige Weg eine überschaubares profitables System zu erzeugen, ist es, sich so nah am Vorbild der Natur zu orientieren, wie möglich. Nur wenn du gegen die Natur arbeitest, kostet es Energie – die letztendlich Geld kostet.

Dies gilt nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für Stadtplanung, Architektur, Wassermanagement-Systeme, alles. Schau dir Las Vegas an. Die ganze Stadt kann nur mit riesigen Energie-Mengen überleben, die von außen eingebracht werden müssen. Das fossil gewordenene Sonnenlicht in Form von Erdöl wird dazu genutzt, Wasser herbeizuschaffen, die Gebäude zu kühlen, die Lampen mit Strom zu versorgen, das Essen und alles was die Menschen dort brauchen, anliefern zu lassen. Es ist ein Energie-Fresser, aufgrund von schlechter Gestaltung.

Leslee Goodmann: Ich dachte die Grüne Revolution hat die Hoffnung gebracht, dass damit alle Menschen auf der Erde ernährt werden könnten. Was ist passiert? Stimmt es nicht, dass die industrialisierte Landwirtschaft der Grund dafür ist, dass nur zwei Prozent der US-Amerikaner Bauern sein müssen und 220 Millionen von uns mit Nahrungsmitteln versorgen können…und noch Nahrungsmittel an andere Länder exportieren? Kann Permakultur diesem Produktivitäts-Level etwas entgegensetzen?

Brush: Bedenke den gesamten ökologischen Fußabdruck der sogenannten Grünen Revolution. Sie ist gar nicht “grün”! Die Produktivität dieser industrialisierten Landwirtschaft ist nicht nachhaltig. Die UN Kommission hat eine Studie zu den Auswirkungen der Grünen Revolution in Afrika durchgeführt. Dabei waren 27 führende Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen beteiligt – Landwirtschaft, Gewässerkunde, Bodenwissenschaften, Soziologie, Ökologie – und die Ergebnisse wurden veröffentlicht in einem Dokument mit dem Titel “Die Grüne Revolution ist in Afrika gescheitert”. Der Bericht beschrieb wie die Grüne Revolution zentralisierte Systeme der Nahrungsmittelerzeugung erschuf, die extrem anfällig sind für jede Art von Störung. Sie erzeugte eine größere Ungleichheit zwischen Arm und Reich. Sie hat gesamte Kulturen destabilisiert, in denen die Menschen nicht mehr wissen, wie sie ihr eigenes Essen anbauen können, und das neue System erzeugt oft nicht ausreichend Nahrung für alle. Und dieses System haben wir in die ganze Welt gebracht.

Dazu kommt noch, dass viele der im konventionellen System erzeugten Kalorien leere Kalorien sind – sie füllen den Magen, aber sie nähren nicht wirklich. Viel mehr sind darin sogar Gifte und andere Bestandteile zu finden, mit denen der Körper gar nicht umgehen kann, so dass in unseren Fettzellen Biozide nachgewiesen werden können. (…)

Und zusätzlich verbrauchen wir für jede Kalorie zehnmal so viel Energie. Wir haben in etwa 250 Millionen Jahre fossilen Sonnenlichts in den letzten 50 Jahren verbraucht – in Form von fossilen Brennstoffen. Wir können so nicht weitermachen. Mit jedem Fass Erdöl verbrauchen wir 98 Tonnen Pflanzenmaterial, die nur über Millionen von Jahren unter hohem Druck und großer Hitze zu Öl und damit haltbar gemachter Sonnenenergie werden konnten. Alle unsere Systeme – Energieversorgung, Herstellung von Gegenständen, Transport, Landwirtschaft, wir wir uns von A nach B bewegen – basieren auf diesen hochgradig verdichtetem Sonnenlicht. Es ist eine endliche Ressource.

Nachhaltige Systeme funktionieren auf Grundlage von “Sonnenlicht in Echtzeit”. Eigentlich ist dass eine Definition von Nachhaltigkeit: die Energiebedürfnisse der menschlichen Siedlungen – und vielleicht sogar noch etwas mehr – mit in Echtzeit verfügbarem Sonnenlicht stillen zu können. […]

Ich glaube wirklich fest daran, dass die mit der westlichen Kultur einhergehende Zerstörung unserer Lebensmittelversorgung – durch die wir die genetische Vielfalt unserer Nahrungsmittel eingebüßt haben, und die ortsbezogene Verbindung mit der Landschaft verloren habe – auch mitverantwortlich ist für Niedergeschlagenheit, Verzweiflung und das Gefühl zutiefst unbefriedigt zu sein, das so viele Menschen im Innern empfinden.

Im Kreis Santa Barbara werden 98 Prozent der Lebensmittelgelder außerhalb des Landkreises ausgegeben. Und auch 96 Prozent der hier angebauten Nahrungsmittel verlassen den Landkreis. Wir haben also diese riesigen Kosten aufgrund des Energieverbrauchs, all diese Sachen hin und her zu fahren. Das bedeutet auch, dass wir über kein System für eine stabile, gesicherte Lebensmittelversorgung hier verfügen. Wenn die Benzinpreise steigen, die LKW-Fahrer streiken, die Autobahn gesperrt wird – wird unsere Lebensmittelversorgung unterbrochen. Und wir haben auch keine lokale Ess-Kultur mehr in diesem Land. Die Kultur wurde früher aus dem Land entwickelt, es beeinflusste unser Essen, unsere Baukunst, unsere Art und Weise sich zu kleiden und was für Musik wir machten – all dies hatte seinen Ursprung in der Landschaft. (…)

Leslee Goodmann: Du hast verschiedene Probleme der industrialisierten Landwirtschaft benannt, gleichzeitig versorgt sie de facto die meisten von uns. Kannst du ein paar konkrete Probleme noch etwas spezifischer benennen?

Warren Brush: (…) Ein anderes grundlegendes Problem betrifft die Grundlage allen Pflanzenbaus überhaupt – den Boden. Unser Boden wird messbar zerstört, wo auch immer die gegenwärtigen Praktiken der industriellen Landwirtschaft angewandt werden. Wir verlieren dadurch fruchtbares Land, obwohl die Bevölkerungszahlen wachsen. Wir verlieren Mutterboden, wir verlieren die Nährstoffe im Boden. Die Bauern müssen mehr und mehr Düngemittel und Pestizide einsetzen, um dieselben Erträge zu erzielen.

Landwirtschaftliche Praxis muss stattdessen Mutterboden vermehren, sonst wird sie nicht überdauern können. Je mehr Biozide und chemische Dünger man hinzufügt, desto stärker wird die Lebensgemeinschaft im Boden beeinträchtigt – und deren Vermögen, die Pflanzen und letztendlich damit auch den Menschen zu unterstützen. Landwirtschaft ist abhängig von den Kleinstlebewesen im Boden, es besteht eigentlich ein untrennbares Netzwerk aus Erde und Nahrungsmitteln, das von der modernen Landwirtschaft nicht respektiert wird, sondern vielmehr zerstört.

Ein drittes Problem ist das Pflügen. Pflügen zerstört die Mikrobiologie des Bodens. Pflügen im großen Maßstab ist in Nordeuropa entwickelt worden, in einem spezifischen gemäßigten Klima, wo tausende von Jahren Wald dazu geführt haben, dass es Flächen mit sehr tiefem fruchtbaren Boden gibt. Diese Geschichte und dieses Mikroklima existiert an vielen Orten auf der Erde nicht, aber die Bewirtschaftungsweise haben wir auch in die Tropen oder in trockene Klimata, wo natürlicherweise Steppe war übertragen. Die Erde dort verträgt die Bearbeitungsweise aber nicht. Hier ist das Pflügen ein Eingriff, der die gesamte Mikrobiologie des Bodens zerstört, die die Natur dann wiederherzustellen versucht.

Moderne Landwirtschaft basiert außerdem darauf, dass Lebensmittel über weite Strecken transportiert werden. Wo es Monokulturen gibt, gibt es auch einen enormen Export von Lebensmitteln raus aus den Regionen. Bauern in den gesamten USA kaufen ihr Essen im Supermarkt ein, weil sie nicht nur das essen können, was sie selbst anbauen. Manche landwirtschaftlichen Regionen produzieren beispielsweise nichts als Knoblauch oder Karrotten. Es ist eine verrückte Zeit in der wir leben! Und sie ist so instabil. Die Grüne Revolution hat nicht nur unsere Ökosysteme destabilisiert, sondern auch unsere Wirtschaft, unsere Kultur, unser Verständnis davon, wie man Nahrung anbauen kann.

Wenn Sie sagen, dass heute nur 2 Prozent der Bevölkerung Nahrungsmittel anbauen muss – als ob es etwas Schlechtes wäre, Nahrungsmittel anzubauen – dann ist das für mich ein schlimmes Zeichen. Wenn Menschen die Lebensmittel anbauen als weniger wert angesehen werden als die die anderes tun, dann stimmt etwas mit unseren Prioritäten nicht. Jede Kultur der Welt war vollkommen verwoben mit ihrem System des Nahrungsanbaus. Das Anbauen von Lebensmitteln wurde zu einem Kern ihrer Kultur. Die Menschen heute sind davon so abgetrennt, sie wissen nicht mehr, wie sie das gewinnen können, was die Grundlage ihrer Existenz ist. Sie sind so abgetrennt von den Auswirkungen ihrer eigenen Entscheidungen auf die Umwelt, ihren eigenen Planeten, dass sie nicht sehen, wie viele Narben sie überall auf der Welt hinterlassen. In den USA sehen wir nicht, wie viele Menschen weltweit leiden, weil wir immer noch deren Ressourcen ausbeuten, um unseren Lebensstil zu erhalten.

(…) Wir verlieren durch die Art und Weise in der wir die Dinge tun auch viel Schönheit. Ich glaube dass ein Sinn für Schönheit und Verbindung etwas ist, nach dem viele Menschen in den USA hungern. (…) In der Permakultur beobachten wir die Landschaft wie Fährtenleser. Wir schauen beständig auf die Auswirkungen von allem, um herauszufinden, was gelingt und was nicht, und dann Anpassungen vorzunehmen. Dies erfordert eine ganzheitliche Art des Hinschauens. Wenn man Landwirtschaft getrennt von der Wasserversorgung und dem Abwasser betrachtet, von der Beschaffenheit und Struktur des Wohnraums, vom Transport, den umliegenden Wäldern und wild belassenen Gebieten, dann arbeitet man zumeist gegen die Natur, statt mit ihr.

Die lineare, isolierte Denkweise ist das, was so viel Zerstörung für die Erde bringt. In der Natur läuft alles in Kreisen, alles ist miteinander verbunden. Wir können Dinge verändern, wir können die Menschen versorgen auf eine Weise die für die Erde eher Wiederherstellung und Ausgleich bietet als sie weiter zu zerstören. Was wir dafür brauchen sind viele viele Menschen, die selber Gärten anlegen, die beginnen ihre Lebensmittel lokal einzukaufen und die eine Beziehung zu denjenigen Menschen aufbauen, von denen sie die Nahrung beziehen, die sie in ihren Gärten selbst nicht anbauen.

Wir sind heute Zeugen einer Rückbesinnung auf das, was um uns herum vor Ort geschieht. Wir können es in der Slow-Food Bewegung erkennen, in der Slow Money Bewegung, in der Transition Town Bewegung, im ökologischen Bauen das von lokalen Gemeinschaften getragen wird. Darin liegt viel Schönheit! Ich glaube dass wir als Menschen von Natur aus Gemeinschafts-Wesen sind. Wir haben uns über tausende von Jahren als Dorf-Bewohner entwickelt. Eine Ursache für Depression heute ist das Ergebnis des Isoliertseins und “unabhängig” seins, und dass wir letztendlich vergeblich probieren uns aus dem Massenkonsum das zu holen, was wir nur aus dem Land und der Gemeinschaft um uns herum empfangen können, die uns und die zukünftigen Generationen unterstützen. Dies ist nicht nur philosophisch betrachtet wahr, sondern auch auf einer sehr praktischen Ebene.

Wenn du für deine Familie und deine Gemeinschaft Stabilität und Resilienz möchtest, brauchst du ein vielfältiges, lokal basiertes Ernährungssystem. […] Permakultur kann dies ermöglichen – und der Grund warum es Erfolg hat ist, dass wir eine Graswurzelbewegung ohne Anführer sind. […] Wir sind einfach eine Sammlung von ethischen Grundsätzen und Prinzipien, die unsere Gestaltungsarbeit rund um die Welt leiten. Wo auch immer diese Gestaltungsprinzipien landen – ob in einem Dorf im Norden Liberias oder in einem Einfamilienhaus-Garten in Beverly Hills – sie erschaffen Schönheit im Einklang mit der Natur.

Können diese Gestaltungsprinzipien die Welt ernähren? Ja! Aber es wird anders aussehen als das Modell, das wir gegenwärtig um uns herum sehen. Es ist wie Einstein sagte: “Man kann kein Problem auf dieselbe Denkweise lösen, die zu seinem Entstehen geführt hat.” Wir brauchen einen Bewusstseinswandel – und ich glaube dass das kreative Gestalten ein Weg dahin ist, weil es endlos viele Möglichkeiten bietet. Es gibt nicht nur einen Weg – jede Situation braucht ihre ganz eigene Lösung.

Aus diesem Grund kommen so viele junge Menschen zu uns nach Quail Springs. Sie wissen intuitiv, mit ihrem gesamten Körper, dass die Art und Weise wie wir leben nicht richtig ist, und sie wollen einen anderen Weg finden. Und in Wahrheit werden zwar die Probleme der Welt immer komplexer, aber die Lösungen sind ganz einfach.

Leslee Goodmann: Was sind denn die Ethik und die Prinzipien der Permakultur?

Warren Brush: Ganz einfach gesagt ist Permakultur eine Gestaltungswissenschaft, die einen im Einklang Sein des gestalteten Systems mit dem umgebenden natürlichen System bewirkt. Die ethischen Grundlagen und Prinzipien leiten den Gestaltungsprozess.

Wenn man beispielsweise an ein Obstplantage denkt. Menschen pflanzen einen einzelnen Obstbaum nach dem anderen, in langen Reihen, mit so und so vielen Metern Abstand und nichts – außer vielleicht Gras – dazwischen. Dies ist in der modernen Landwirtschaft die verbreitete Methode, aber in der Natur gibt es das so nicht. Was wir in der Natur entdecken können sind Wälder mit vielen verschiedenen Baumarten und anderen Pflanzen, die in unterschiedlichen Schichten wachsen: Wurzelschicht, die Geheimagenten-Schicht –Pilze, Bakterien und Insekten – Krautschicht, niedrig wachsende Gehölze, mittelgroße Gehölze und die Gehölze der obersten Schicht. Mancherorts gibt es Pflanzen die nur zu bestimmten Jahreszeiten zu sehen sind und zusätzlich haben wir in natürlichen Waldsystemen noch Kletterpflanzen, Tiere und ein unglaublich vielfältiges und integriertes Muster, das die Natur immer und immer wieder neu erschafft.

Nun finden wir in der Natur kaum Wälder wo das menschliche Bedürfnis nach uns wohlschmeckender Nahrung voll und ganz berücksichtigt ist, aber in der Permakultur geht es ja gerade darum, die Muster der Natur nachzuahmen auf eine Weise, die die Bedürfnisse menschlicher Siedlungen stillen kann. Wir gestalten also unser Nahrungssystem angewandt auf menschliche Bedürfnisse nach Essen, Schmausen und Leckereien. Es überrascht nicht, dass es eine lange Geschichte für menschlich angelegte Waldgärten gibt – in Asien, bei den Mayas und in Marokko – hier kann man tausendjährige Waldgärten finden. Auch hier in Quail Springs hegen wir einen eigenen kleinen Waldgarten.

Als wir ihn damals anlegten waren wir uns nicht sicher, denn wir empfanden es als Widerspruch gegen alles was uns beigebracht worden war. Wir pflanzten ihn und ahmten den Sukzessions-Prozess nach, der in der Natur abläuft wann immer ein Wald entsteht. Manche Pflanzen waren dabei wie Pioniere, die den Standort für die nachfolgenden Pflanzen vorbereiten, so dass mit der Zeit ein Wald entstehen konnte, der voller Nahrungspflanzen für Menschen war.

Hier bei uns ist die Umgebung sehr besonders, weil wir mitten in einer Trockenzone leben, wo pro Jahr nur 15 Zentimeter Niederschlag fällt. Wir leben also in einem Gebiet wo das Pflanzenwachstum sehr langsam stattfindet. Wir haben alles mögliche hier gepflanzt: Wurzelgemüse, niedrig wachsende Minze und Kräuter trockener Standorte, mittelhohe Artischocken, höher aufwachsenden Holunder, Datura und viele verschiedene einheimische Pflanzen, mittelhohes Steinobst –Pflaumen und Aprikosen – dazu Äpfel und Jujubes. Dann haben wir hoch aufwachsende Bäume hingesetzt, die den Stickstoff im Boden fixieren können, die außerdem den Pflanzen darunter Schatten spenden, um die Hitze auszugleichen, die hier herrscht. Diese Schicht enthielt Pflanzenarten wie die Robinie, die wir immer wieder völlig zurückschneiden (Kurzumtrieb), so dass sie neu austreiben. Wir haben auch eine Art schnellwachsender trockenheitsresistenter Pappel, deren Blätter dabei helfen, den Boden anzureichern. Unser gesamtes System zielt darauf ab, mehr Mutterboden zu erzeugen, während wir Essen anbauen, und indem unser Waldgarten heranwächst, erzeugen wir dadurch ein Mikroklima, dass eine wachsende Vielfalt von Pflanzen unterstützt. Es ist ein Teil der langfristigen Strategie, der in Verbindung mit unserem unmittelbar produktiven Nahrungsmittelanbau verknüpft ist.

Ein Universitäts-Professor hat uns besucht und nachdem er sich angeschaut hatte, was wir so machen, meinte er: “Ihr müsst die Hälfte dieser Pflanzen rausreißen, weil dieser Aprikosenbaum hier so überhaupt keine Chance hat, seine Wuchshöhe und Ertragspotential zu erreichen, und ihr werdet im Ergebnis weniger Aprikosen ernten können.”

Aber für das Waldgärtnern nutzen wir eine völlig andere Herangehensweise. Wir sagen: “Ja, Sie haben recht, wir werden weniger Aprikosen ernten. Aber innerhalb desselben dreidimensionalen Raumes, in dem der Aprikosenbaum wächst, haben wir zudem zwanzig oder mehr Tiere und Pflanzen die zusätzlich eine große Vielfalt an Nahrungsmitteln darstellen – und deshalb haben wir insgesamt einen zehnmal so großen Nährwert erreicht.”

Zufällig war in der folgenden Woche einer der weltweit besten Berater für Waldgarten-Systeme hier bei uns. Er schaute sich unseren Baby-Waldgarten an, schüttelte den Kopf und sagte: “Ihr müsst doppelt so viele Pflanzen reinbringen.” Das ist der Permakultur-Ansatz. 🙂

Und das ist nur ein Aspekt davon. Der nächste könnte sein, darüber nachzudenken, wie meine menschlichen Abfälle auf so eine Weise gehandhabt werden könnten, dass sie zum Gelingen des Gesamtsystems beitragen? Wir entschlossen uns beispielweise dafür, eine Obstgarten-Toilette einzurichten, eine bewegliche Toilette, mit der ein Teil der Ausscheidungen zurück in die Erde gebracht werden konnten. Dann wurde uns klar, dass wir Krankheiten und Schädlinge bekämpfen könnten, indem wir unsere Hühner, Puten und Enten in den Obstgarten ließen. Sie fraßen nicht nur die Insekten, sondern sie düngten auch den Boden. Außerdem mussten wir ihnen dank der vielen Insekten die sie dort fraßen weniger Futter geben.

Ich möchte eines gern noch betonen: Permakultur ist keine Gartenbaumethode oder landwirtschaftliche Technologie. Es ist ein Gestaltungsansatz – den wir in diesem Fall in einem landbaulichen Kontext anwendeten. Aber man kann ihn auf alles anwenden – Gebäude, Abfallbeseitigung, Wassergewinnung. Ich glaube dass Menschen dies leicht verwechseln. Sie sagen dann vielleicht sowas wie: “Sollte ich einen Biogarten anlegen oder einen Permakultur-Garten?” Dabei kann biologischer Gartenbau ein Teil davon sein, auch biologisch-dynamischer Gartenbau.

Leslee Goodmann: Könnt ihr euch selbst versorgen mit der Arbeit auf eurem Land? Wie viele Menschen leben in Quail Springs?

Warren Brush: Im Moment erzeugen wir etwa 80 Prozent unserer Lebensmittel für die dauerhaft hier wohnenden Menschen selbst – das sind etwa 17 bis 20 Personen. Es schwankt ein bisschen, weil viele von uns oft unterwegs auf Reisen sind. Zu bedenken ist dabei auch, dass der Waldgarten ja vor allem eine Investition in zukünftige Nahrungsmittelerzeugung bedeutet. Wir haben außerdem einen eher klassischen Garten, der Nahrung für unsere unmittelbaren Nahrungsbedürfnisse bereitstellt.

Unser Projekt steckt immer noch in den Kinderschuhen. Quail Springs ist vor neun Jahren gegründet worden, und wir arbeiten mit einem Gestaltungsplan der 200 Jahre Entwicklung beeinhaltet und letztendlich sogar auf eintausend Jahre ausgerichtet ist: Wie können wir jetzt für uns genug Ertrag erwirtschaften, während wir gleichzeitig genügend Mutterboden aufbauen und die Produktivität des Landes für die zukünftigen Generationen erhöhen?

Etwas das wir außerdem noch machen, was für uns eine wirklich große Sache ist, ist das Verjüngen unserer Quellen, von denen die meisten Menschen der Überzeugung waren, sie wären ausgetrocknet. Das Cuyama Tal war entwaldet und bis zur Erschöpfung beweidet worden, als wir hier ankamen, und die tiefen Brunnen hatten den Grundwasserspiegel abgesenkt. Im Ergebnis sind die meisten Quellen, ebenso wie der Fluss vollständig ausgetrocknet gewesen. Unsere Quelle war vor neun Jahren nur noch ein Tröpfeln, und das auch nur noch nachts, wenn die Bäume nicht transpirierten. Jetzt gewinnen wir daraus 230 Liter pro Minute.

Leslee Goodmann: Wow! Wie habt ihr das geschafft?

Warren Brush: Wir haben unterschiedliche Sachen gemacht. Ein Punkt war intensives Bepflanzen. Viele Menschen entwalden den Uferbereich von Fließgewässern, weil sie der Meinung sind, dass die Bäume das gesamte Wasser aufsaugen würden. Wir haben das Gegenteil getan: wir haben ihn bepflanzt. Wir haben auch viele Erdarbeiten durchgeführt um das Wasser ins Fließen zu bringen, es zu verteilen und versickern zu lassen. Wir haben eine Gabionen-System errichtet (=Körbe aus Steinen oder Geröll, die Wasser leichter versickern lassen, Anm. d. Übers.). Wir haben die Rinder aus der Landschaft herausgenommen, die dort seit über hundert Jahren gegrast hatten, so dass das Land wieder viel stärker bewachsen sein konnte. Und es gibt noch viel mehr zu erzählen, was einen Einfluss darauf hatte. Unter dem Strich kann man sagen, dass wir durch eine ganze Vielfalt von interessanten Management-Praktiken die auf die Wiederbelebung des gesamten Wassereinzugsgebietes ausgerichtet waren, geschafft haben, unsere Quellen wieder zum Fließen zu bringen, sogar trotz der schweren Dürre-Perioden, die sich im Süden Kaliforniens gegenwärtig ereignen.

Das Wiederbeleben von Quellen ist eins der Probleme, weswegen ich am häufigsten zu Rate gezogen werde. Die meisten Probleme dabei sind oft politischer Natur. Wir verstehen den wissenschaftlichen Hintergrund und die Methodologie; was öfter fehlt ist ein Mangel an politischem Willen für die Umsetzung.

Leslee Goodmann: Inwiefern?

Warren Brush: Politische Hoheitsrechte und der Wunsch nach Profit stehen den notwendigen Veränderungen im Weg. Nehmen wir an du wohnst am Victoria See in Kenia. Die Berghänge aus denen alle Quellen kamen waren früher gemeinschaftliches Land, das zum Wohlergehen des gesamten Stammes gehegt wurde. Als die Bevölkerung das westliche System von Landbesitz übernahm, wurde das Wasser nicht länger im Interesse des Gemeinwohls gemanagt. Die Leute verkauften ihr Land, entwaldeten es, und alle außer einigen wenigen Quellen trockneten aus – und diese wenigen schenken auch nur noch einen Bruchteil des einstmals fließenden Wassers. Es kann also keine Lösung dafür umgesetzt werden, ohne dass die Landbesitzer dem zustimmen.

Hier in Quail Springs sind wir das äußerste Privatgelände innerhalb einer bestimmten Schlucht im Cuyama Tal, und von drei Seiten umgeben von Staatswald. Es ist eine Ironie, aber wir können in den Wald gehen und Brennholz dort sammeln oder die Flächen überweidet sein lassen – völlig legal – mit einer einfachen schriftlich ausgestellten Erlaubnis. Wenn wir aber in den Wald gehen wollen um dort Wiederherstellungsarbeiten durchzuführen, die die Erosion verlangsamen oder Wiederaufforstung bringen, müssen wir hunderttausende von Dollars ausgeben, um einen Bericht zu erstellen, der die Auswirkungen davon auf die Umwelt prüft. Die Regulationen mit denen wir es zu tun haben wurden zugunsten der Industrie entwickelt. Die Rinder- und Forstwirtschaft sind wie Torhüter für viele Gesetze und Richtlinien, die unsere Wälder betreffen. Wir müssen also wie Ninjas vorgehen und sozusagen im Schutz der Dunkelheit arbeiten, wenn wir dem Land das zum staatlichen Wald gehört etwas Gutes tun wollen.

Ich komme gerade von 18 Kursen in fünf Ländern in Europa zurück, und dort sind sie so viel weiter was das Hegen der Landschaft betrifft. In Deutschland sind Kahlschläge vollständig verboten. Sie haben ein Renaturierungsprogramm für alle Waldflächen, was Menschen dazu ermutigt, kleine begünstigende Maßnahmen für die Wälder durchzuführen. Einer der führenden Forstwirtschaftler in einer meiner Forstwirtschafts-Kurse war hocherfreut darüber, dass vieles was wir vorantreiben wollen, bereits im Forstamt durchgeführt wird. Die USA hängen hinterher – und werden mit katastrophalen Auswirkungen konfrontiert sein, wenn sich dies nicht verändert. Wenn das System an Richtlinien in der Hand derselben Industrie verbleibt, deren Handlungen eigentlich dadurch reguliert werden sollten – deren Ziel es aber ist Profite für einige wenige zu erwirtschaften, egal ob sich dies zum Nachteil für die Umwelt und den Rest der Gesellschaft auswirkt – dann wird das Ergebnis Zerstörung sein. Die Ökosysteme können so nicht erhalten werden. Ich hoffe wirklich, dass die US-Amerikaner aufwachen und eine Kehrtwende vollziehen, denn es ist aufregend, einen Weg hinaus aus dem Dilemma zu entwickeln. Wir wissen wie es geht. Wir brauchen nur den politischen Willen dafür.

Noch ein anderes Beispiel: Nach kalifornischem Recht ist es verboten, ein ungiftiges Haus zu bauen. Wir haben mit jemand zusammengearbeitet, der zum Kommitee des nationalen Ökobau-Rats (national Green Building Council) gehört; wir haben mit dem Kopf der kalifornischen Regionalen Bau Verantwortlichen Assoziation (California County Building Officials Association) zusammengearbeitet. Ich meine, wir haben mit den Top-Leuten des Landes gearbeitet, und auch die konnten uns nicht dabei helfen, wie wir auf legale Weise ein Haus bauen könnten, das frei von Toxinen wäre. Unsere Gesetze sind so formuliert, dass sie die Nutzung hoch industrialisierter, verarbeiteter Materialien vorschreiben, die jede Menge Chemikalien in sich tragen. Auch dies ist etwas, das nicht immer weiter so bleiben kann. Aber keine politische Verwaltung will das Problem angehen. Sie sagen immer nur: “Lassen wir die nächst gewählte Verwaltung sich darum kümmern”, denn sie wissen, was für ein Kampf es werden würde.

Aber die Veränderung wird kommen. Wir können entweder unseren Weg hinaus aus den gegenwärtigen Herausforderungen gestalten, oder der Wandel wird uns in Form von Krisen aufgedrängt werden.

Leslee Goodmann: Dies bringt mich zu einer Frage die ich zu den Permakultur-Prinzipien habe, die auf einer von dir empfohlenen Webseite zu finden sind:  www.permacultureprinciples.com. Eines dieser Prinzipien besagt:  “Der Permakultur-Ansatz setzt den Fokus auf das Positive, die Möglichkeiten die existieren, statt nur auf die Hindernisse zu schauen, sogar in den ausweglosen Situationen”. Warum ist dies so? Mir scheint dass man aufzeigen muss, was die Probleme der heutigen Zeit sind, damit die Menschen erkennen können, was notwendig ist. Wenn ich die Schrecklichkeiten des konventionellen Landbaus nicht kennen würde, warum sollte ich dann damit aufhören es zu unterstützen? Es ist ja viel billiger für mich selbst!

Warren Brush: Wir machen das, damit die Menschen nicht am Ende völlig überfordert sind. Es gibt so viele Anzeichen dafür, dass sich die Dinge ändern müssen; ich glaube nicht, dass die Menschen sich der Probleme nicht bewusst sind. Aber wenn ich die Aufmerksamkeit nur auf die Probleme lenke, ohne eine Lösung anzubieten, fühlen die Menschen sich schnell wie gelähmt. Sie stehen vor einer Wand des Unmöglichen. Sie denken “Mein Gott, die Probleme sind so groß, es gibt nichts, was ich tun könnte.” Deshalb sind wir gefordert, ihnen Möglichkeiten aufzuzeigen. Wissenschaftler überall auf der Welt präsentieren uns Daten die beweisen, dass die Systeme zusammenbrechen – ökologisch, sozial, kulturell. Dazu kommen noch sich immer mehr auftürmende Daten die wir aus den Geschichten ziehen, beispielsweise über extreme Wetterereignisse. Aber uns nur auf die Probleme zu fokussieren ist wie ein Fitnessprogramm zu absolvieren, wo ich nur Gewichte stemme – meine Muskeln werden immer weiter angespannt. Ich muss sie aber auch dehnen. Ich glaube nämlich es geht um dieselben Muskeln. Wir haben uns selbst in dieses Chaos hinein manövriert, und jetzt wo wir es besser wissen, können wir auch unseren Weg wieder hinaus finden. Wir können die Prozesse bewussten Gestaltens auf die Faktoren und Rahmenbedingungen unseres Lebens so wie es jetzt ist anwenden. Und das glaube ich, ist aufregend!

Ich sage meinen Schülern: “Wisst ihr, wir können die Zeit nicht zurück drehen. Wir wollen auch gar nicht zu etwas zurückkehren, was hinter uns liegt. Was wir wollen ist in eine Zukunft aufzubrechen, die noch nie zuvor existiert hat und gleichzeitig das ehrt, wo wir herkommen. Ich freue mich darauf zu erleben, wie wir indigene Lebensart – Werte wie Nachhaltigkeit und Fürsorge für das Land – hinein weben in die Wissenschaften, die wir heute kennen. Diese Lebensweise ist hochgradig produktiv, hochgradig egalitär, und die Profite bleiben innerhalb der Gemeinschaft – was bedeutet, dass es viel weniger Versklavung durch Verschuldung gibt, von der nur eine winzige Zahl von Menschen profitiert. […] Es geht um eine Art zu Leben, die ein Zuhören erfordert – ein Lauschen darauf, was unsere Berufung ist. Auch der englische Begriff “vocation” geht zurück auf das “rufen” oder “anrufen”(“vocare”), wobei es um ein anrufen unserer eigenen Gabe geht, die wir mit der Welt teilen können – unsere Berufung.

Warren Brush kannst du hier bei uns erleben:

– beim Workshop Peace & Permaculture im August 2016 und

– beim international anerkannten Permakultur-Design-Zertifikats-Kurs (72h-Kurs) im Frühjahr 2017