Unsere zweite Reise zu den Ju’hoansi

…im Dezember 2018 / Januar 2019, mit Fotos von Ulrike Hartmann und Werner Pfeifer

Diesmal machten wir uns mit einer kleineren Gruppe von sieben Erwachsenen und einem Kind auf die weite Reise zum Lebendigen Museum des Little Hunters’ Village, im nur über hunderte Kilometer Sandpiste erreichbaren Nordosten Namibias.

20181215-IMG_5841Werner Pfeifer schenkt uns vom ersten Moment direkt nach dem Flug nach Windhoek seinen jahrzehntelang geschärften Blick eines Einheimischen in Namibia, der die Tier- und Pflanzenwelt, die Geologie und die gesellschaftlichen Umstände im Land so richtig gut kennt.

Es ist wie ein Traum, schon kurz nach dem Flug neben der Straße plötzlich Giraffen zu sehen, oder die mit ihren großen breiten Schnauzen und borstigem Fell lustig anmutenden Warzenschweine.

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Sicher begleitet uns Werner in seinem Busch-Bus durch die Stadt Windhoek und die unendlich weite Landschaft dieses trockenen Landes, bis wir zwei Tage später auf einem Campingplatz fünf Fußminuten vom Dörfchen //Xa/oba entfernt ankommen.

Das Dorf liegt auf dem großen Gebiet des Nye-Nye Conservancy, einer Art Landschaftsschutzgebiet, der einzigen Region im gesamten südlichen Afrika wo Buschleute noch jagen dürfen. Die Regenzeit ist spät dran in diesem Jahr und das Land liegt trocken und karg vor uns.

Das Wiedersehen am ersten Abend ist herzlich und ich freue mich so, die Gesichter vom letzten Jahr wiederzusehen ­– die Älteren noch mehr gealtert, die ganz Kleinen enorm gewachsen und die Jugendlichen erstaunlich gereift.

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Die ersten Tage verbringen wir kurzweilig, gehen Pflanzenmaterial für Handwerksprojekte sammeln und gemeinsam mit einer Horde Kinder und Erwachsenen von der Landschaft kosten.

Die Männer graben für uns einen Skorpion aus, etwa fünfzehn Minuten braucht es, um die verwinkelten unterirdischen Gänge des gefürchteten Krebstieres zu verfolgen und letztendlich das kleine giftige Wesen herauszuziehen, das blitzschnell zum Angriff übergeht und den ältesten der Männer in den Finger sticht. Zum Glück ist der Stich nur so schlimm wie ein Hornissen- oder Bienenstich, etwa drei Tage lang wird der alte Mann eine schmerzhaft geschwollene Hand davon haben.

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Oft sind wir als ganze Gruppe unterwegs mit unseren Guides, zum Beispiel beim Erkunden der Fährten rund um unser Camp, wo mehrmals das halbe Dorf, mit Kindern und Alten mitkommt und wir neben den Spuren der Säugetiere auch die der Skorpione, Grillen, Käfer und einiger Vögel kennenlernen. Manchmal teilen wir uns auf, je nach unserem Interesse, so stellen die Männer einmal gemeinsam den Korpus der zarten aber äußerst effektiven Buschmann-Pfeile her, und wir Frauen sitzen ein Stückchen weiter mit den jungen Ju’hoansi-Frauen zusammen, zeichnen Bilder in den Sand, um uns auch ohne Dolmetscher zu verständigen, und wir probieren mit ihnen stampfend hüpfende Tänze und über dem warmen Sand flirrende Lieder aus.

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Meistens besteht unser Tag aus einem frühen und kurzen Morgen, über die Mittagsstunden haben wir Pause für Hängemattenzeit, Lesen und Erholung in der manchmal drückenden Hitze. Währenddessen gibt es oft Besuch von Dorfkindern, die dann mit unserem 12jährigen Elia stundenlang Spiele spielen.

An den Nachmittagen, wenn es langsam wieder kühler wurde, gibt es noch mal Zeit für gemeinsame Unternehmungen.

IMG_2849Im Dorf gibt es einige Meister-Tracker, die nach dem international etablierten, von Louis Liebenberg entwickelten Cyber-Tracker System auch Evaluationen abnehmen, und von denen einige schon mehrmals in Europa bei Tracking-Konferenzen und als Fährtenleser für verschiedene Projekte mit dabei waren. Mit ihnen oder auch alleine mit Werner, der ebenfalls ein hervorragender Fährtenleser ist, machen wir uns mehrmals auf, um uns intensiver mit der Bestimmung der Spuren im Sand zu beschäftigen. Es sind himmlische Bedingungen, nicht nur der gerade richtig weiche, aber nicht zu tiefe Sand machen es sehr leicht, sondern nun auch immer wieder kurze Regenschauer, die den Boden zwischendurch „rein“ wischen und klarste Bedingungen für die neuen Spuren nach dem Regen schaffen.

P1250280Es ist himmlisch, die Trittsiegel von Tieren wie Leoparden, Geparden, Oryx und Kudu zu finden, auch von Straußen, Wildkatzen, Erdwölfen und vielen anderen spannenden Säugetieren und Vögeln. Ein paar mal folgen wir einer bestimmten Fährte über einen längeren Zeitraum und lassen uns von einem Tier auf seinem Weg durch die Landschaft führen. Wir sehen in den Spuren, wo der Strauß dem wir folgen sich flach auf den Boden drückt, um sich vor uns zu verbergen, und dann doch weiterlaufen muss, als wir uns nähern. Oder wie behände die doggen-große Tüpfelhyäne durch den dickichten Busch ihren Weg findet, in Schlängellinien geradeaus, vielleicht gelockt vom Duft eines toten Tieres.

Die Buschleute behalten die ganze Zeit die Orientierung in der für uns völlig verwirrenden, flachen Savannen-Landschaft, wo wir innerhalb kürzester Zeit nicht mehr wissen, in welcher Richtung sich Auto oder Zuhause befinden.

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Und sie schaffen es, die Spur immer weiter und weiter und weiter zu finden, selbst durch dichten Grasbewuchs, wo wir anderen sie leicht verlieren. Sie lassen uns abwechselnd der Fährte folgen und wenn wir nicht mehr weiterwissen, helfen sie, zeigen uns, wie es geht. Überhaupt scheint so die Buschmann-Pädagogik zu funktionieren… die Erwachsenen tun was sie tun, bis die Jüngeren (oder wir!) Interesse daran haben, es auch zu lernen. Dann dürfen sie (und wir J) es ausprobieren, ohne große Anleitung, ohne lange Vorreden, einfach machen. Und wenn’s zu sehr neben dran geht, greifen die „Lehrer“ ein, wobei das leitende Prinzip „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“ zu sein scheint. Das Lernen fühlt sich entspannt und frei an, und ist ein sicherer Raum, wo Fehler aller Arten mit Wohlwollen und Mitgefühl und liebevollem Humor bedacht werden.

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Auf unsere Frage, wann und wie die Ausbildung der Jungen für die Jagd beginnt, erzählen mehrere Buschleute, dass das voll und ganz davon abhängt, was der Junge „anzeigt“. Sein persönliches Interesse ist der Motor, und die Erwachsenen begleiten ihn Schritt für Schritt bei dem, wozu er innerlich bereit ist und Lust und Interesse daran bekundet: Minibogen bauen, Fallen stellen, mit den Alten auf die Jagd gehen, selbst mit Pfeil und Bogen jagen und die Beute weiter verarbeiten – es hängt alles davon ab, wann er selbst soweit ist, und ob, denn nicht alle Jungen wollen überhaupt Jäger werden.

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Gemeinsam mit drei Buschmännern und nur wenigen von uns auf die Jagd zu gehen ist ein Abenteuer das in mir tiefe Sehnsucht weckt. Als Mensch fühle ich mich klein und schwach in dieser weitläufigen Landschaft voller Gefahren. Auch die drei fast nackten Männer die vor uns laufen, nur mit Pfeil und Bogen und Speeren ausgerüstet, scheinen so verletzlich und angreifbar. Abwechselnd schleichen und pirschen wir langsam und lautlos, wenn Oryx oder Pferdeantilopen, Steinböckchen oder Kudu nah sind, oder eilen schnellen Schrittes über die vor Hitze flirrende Ebene, wenn wir woanders hin wollen, damit die Tiere keinen Wind von uns bekommen, oder wenn wir ihnen in ihrer Fluchtbewegung zuvorkommen und auf diese Weise auflauern wollen.

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Elektrisierende Spannung füllt die Luft wenn einer der Dreien, `Naishi, alleine loszieht, um den Schuss zu platzieren. Immer klappt irgendwas nicht. Einmal ist er fast an der Herde von Oryx angekommen, zielt schon, als ein zurückgebliebener Bulle direkt neben ihm aufschreckt, den er übersehen hatte. Alle toben davon, zurück bleibt nur Staub. Ein anderes Mal flüchten die Pferdeantilopen, obwohl sie `Naishi nicht bemerkt haben. Der Grund ist eine Elefantenherde, der er nun selbst schnell und unbemerkt ausweichen muss.

Mit für uns günstigem Wind können wir die heutzutage gefährlichen Riesen eine Zeitlang aus der Nähe beobachten. Die Mütter und Babys planschen im schlammigen Wasserloch, bis ein Kleines steckenbleibt. Eine andere Herde nähert sich und Panik kommt auf. Die Alten probieren das Kind rauszuziehen oder zu schieben, während eine größere Elefantenkuh zurückläuft und sich drohend gegen die ebenfalls gereizte Anführerin der anderen Herde stellt. Kurz scheint es, dass eine von beiden in unsere Richtung ausbrechen würde, und die Buschleute rennen los und rufen: „Lauft, lauft weg!“ Nur ein kurzer Schreckmoment, zum Glück können wir wenige Meter weiter wieder anhalten, das Baby ist frei und alle Elefanten beruhigen sich wieder.

So winzig empfinde ich uns in der Nähe dieser riesigen Mit-Wesen, deren Trittsiegel manchmal so lang sein können, wie mein ganzer Arm, und die unvorstellbar viel Kraft haben.

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Die Buschleute lachen und wir lachen mit, erleichtert. Nachdem die zweite Herde getrunken und gebadet hat, geht Tsamma auf sie zu und schimpft sie laut auf Englisch an: „Hey ihr Kerle, verschwindet, los, macht euch weg hier, haut ab!“ Und wirklich merken sie sofort auf und ziehen sich zügig zurück. Wir sind total verblüfft. Später erzählt er uns, dass er das schon oft so gemacht hat, es aber nur ginge, wenn man nicht im Wind stehe. Wenn sie nicht riechen können, was da rummotzt, würden sie sich vorsichtig verhalten, selbst wenn man ganz nah von ihnen überrascht würde. Sobald sie aber witterten, dass wir Menschen sind, sei ein Angriff möglich und wahrscheinlich. Was ich mitnehme ist einmal mehr Gefühl dafür, wie fein der Grat zwischen Leben und Tod hier in der Kalahari sein kann, und wie viel Erfahrung und Wissen es braucht, um trotzdem sicher zu sein.

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Das moderne Leben macht manches sicherer, zum Beispiel schützen Stirnlampen nachts davor, auf jagende Spinnen oder Skorpione zu treten, Schuhe schützen die Füße auch tagsüber vor den Dornen und dem heißen Sand, und Hunde schützen das Dorf vor Hyänen- oder Elefantenbesuch.

Es bringt aber andere Gefahren, schleichender, und ein erst langsam wachsendes Wissen darüber, wie mit ihnen umgegangen werden kann.

Drogen wie Alkohol oder Marihuana sind im Umlauf in der Region und viele Buschleute in ganz Namibia sind schwer alkoholabhängig und leben in absolutem Elend.

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Ein junger Mann vom Hunters Village wird beim Einkaufsausflug mit uns in der großen Stadt ausgeraubt – alle Einnahmen der Gemeinschaft von einer ganzen Arbeitswoche und noch ein Vorschuss den wir ihnen gegeben hatten sind weg, auf einen Schlag.

Von der Verwaltung bekommen die Buschleute ab und zu Lebensmittel: vor allem Öl zum Braten, mit Vitaminen angereichertes Maismehl und viel Zucker – das Gegenteil ihrer traditionellen Ernährung aus Wildpflanzen und selbst gejagtem Fleisch. Im örtlichen Laden, etwa 30 Autominuten entfernt, gibt es kaum Gemüse oder Obst, dafür massenweise überteuerte Fertigprodukte von Nestlé, alle mit Zucker.

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An der Kleidung vor allem der jüngeren Menschen wird sichtbar, wie viele westliche Schönheitsideale hier schon Einzug gehalten haben. Und die Spiele der Kinder sind verglichen mit meinem letzten Besuch in 2018 deutlich verändert, viel mehr Spiele scheinen mir diesmal aus der Schule zu kommen, sind angelehnt an westliche Spiele, wo es auch ums Kämpfen geht – etwas das es bei Buschleuten traditionell nicht gab. Waren sie im letzten Jahr noch nicht so verankert? Oder war es mir nur nicht aufgefallen?

Vor allem die knapp 60 Ziegen, die die Regierung vor einigen Jahren dem Dorf „geschenkt“ hat, sind ein großes Problem. Sie fressen einfach alles, und das bisher noch ursprünglich wilde Gebiet rund ums Dorf wird durch die Anwesenheit der Ziegen stark verändert. Die ohnehin kargen essbaren Pflanzen der Kalahari sind so schnell aufgefressen von einer ewig hungrigen Ziege, so dass tatsächlich die Nahrungsgrundlagen der Buschleute eher bedroht sind als verbessert. Und aufessen sollen sie die Ziegen nur wenn sie sich trotzdem vermehren und eine bestimmte Population erreicht ist. Das Ziegenprojekt ist somit leider eines der sinnlosen Entwicklungshilfeprojekte, die mehr Schaden als Nutzen anrichten, weil sie die Bedürfnisse vor Ort überhaupt nicht berücksichtigen.

IMG_2463Das selbstorganisierte und selbstverwaltete „Lebendige Museum“ dagegen ist eine andere Art von Entwicklungs-Ermöglichung, angepasst an die Menschen und mit aller Freiheit selbst zu gestalten. Werner Pfeifer hat inspiriert von seiner Tätigkeit als Experimenteller Archäologe in Steinzeitmuseen hier in Deutschland den Impuls dafür gegeben. Die gesamte Organisation und alle Entscheidungen vor Ort liegen bei den Buschleuten, in der Gemeinschaft, wo traditionell alle im Konsens entscheiden, was getan wird. Auch die Einnahmen gehen komplett an die Gemeinschaft.

Es ist ein gutes Leben für sie, erzählen uns viele, sie sind stolz darauf, Ju’hoansi zu sein, und es macht ihnen Spaß, ihre Fertigkeiten mit uns zu teilen und uns Sachen beizubringen, und auf diese Weise ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Das traditionelle Wissen und die Fertigkeiten des Lebens mit dem Land, welche bei der Gründung des Museums nur noch die Alten hatten, wird seitdem nicht nur an die Besucher und Touristen weitergegeben, sondern auch an die Jungen und noch Jüngeren.

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Ein besonderer Moment unserer Reise ist für mich, als am Weihnachtsmorgen (ja, auch die Ju’hoansi feiern Weihnachten) Werner mit einem ganzen Haufen Kinder in seinem Busch-Bus vorfährt und zwei von uns Touristen aufgabelt, damit wir den großen Kessel holen, in dem der Weihnachtsschmaus fürs Dorf gekocht werden soll. In fünf Minuten sind wir bei der kleinen Dorfschule angekommen und der Kessel ist gewaltig groß, so groß wie der Zaubertrank-Kessel von Miraculix, aus dickem Gusseisen. Die Kinderaugen leuchten erfüllt und begeistert, voller Vergnügen am Moment und voller Vorfreude.

Es berührt mich sehr, mir vorzustellen, was aus diesen Kindern eines Tages werden wird. Wie werden sie die Kultur ihrer Vorfahren weitertragen? Welche Form werden sie ihr schenken? Wie wird ihre Verbindung zum Land sein, zur Natur um sie herum und ihn ihnen? Und wie kann ich sie dabei unterstützen, ein verbundenes, friedvolles glückliches und freies Leben zu führen?

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Kurz darauf lernen wir !Amashe kennen, einen Mann der von einem anderen Buschmann-Volk stammt und der Beh, eine Ju’hoansi Frau, geheiratet hat. Lange Zeit war er der Ansprechpartner eines anderen Living Museums, in Grashoek, etwa zwei Autostunden entfernt.

Jetzt lebt er mit Großfamilie und Freunden bei Tsumkwe, mit denen gemeinsam er eine neue Dorfgemeinschaft gründet.

Einfühlsam und präsent begleitet !Amashe uns durch den Nachmittag. Für jeden findet er etwas zu tun, das begeistert, so dass wir alle ins Mitmachen kommen. Wir hängen mit unseren Augen an seinen geschickt werkelnden Händen, genießen seine einladende Freundlichkeit und die Freude am gemeinsamen Tun.IMG_E0477Super flink werden verschiedene Projekte gestartet und einige auch abgeschlossen, alles scheint leicht zu sein, genau das richtige Material ist da oder wird schnell geholt, ein paar Verwandte und Freunde helfen mit und alles geschieht im Fluss.

Mit schockierender Offenheit erzählt !Amashe uns davon, wie seine Frau Beh mit einem Messer auf ihn einstach, als sie vor vielen Jahren beide völlig betrunken waren. Es war ein Streit darüber, wer Wasser holen gehen soll. Breite und lange Narben zeugen davon, von einem Moment der so schrecklich war, dass er ein Wendepunkt werden konnte.

Beide entschlossen sich, dem Alkohol abzuschwören, der viel in ihrem Leben zerstört hatte. Gänsehaut bringt seine leise und bestimmt gesprochene Vision vom Erhalt der Kultur, vom lebendig halten dessen, was sie als Buschleute ausmacht, was für sie überlebenswichtig ist.

P1250363Beh ist mit dabei und ernsthaft und eindringlich werden ihre sonst so weichen Blicke, das Leid das sie beide durchgemacht haben wird spürbar, und in ihren Augen funkelt klar und frei der Wille, ein besseres Leben zu erschaffen und möglich zu machen für sich selbst und die Generationen der Zukunft.

Auch die Meister-Tracker ’Ui, seine Frau No’shae und einige andere wollen ein neues Dorf gründen. In den letzten Jahren hat es viele Gespräche darüber gegeben, wie damit gut umgegangen werden kann, dass einige im Dorf sich als Meister-Fährtenleser entwickeln, dafür auch immer mehr Beachtung von außen bekommen, und das Fährtensuchen mehr und mehr ihr Herzensthema wird, dem sie sich vollständiger widmen wollen, dafür auch eine Tracking-Schule gründen wollen.

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Nach vielen Beratungen miteinander und mit vertrauten Freunden wie Werner, wurde im Little Hunters Village die Entscheidung getroffen, dass die Gruppe ein neues Dorf gründen wird, etwa 15 Auto-Minuten entfernt von der alten Dorfgemeinschaft. Die Verschiedenheit der Lebensentwürfe wird durch die Trennung anerkannt und bestätigt, und in Einigkeit können nun eigene Wege gegangen werden, in Verbindung und gegenseitiger Unterstützung.

Für mich hat die Zeit mit den Ju’hoansi wieder viel mehr Fragen aufgeworfen, als wir Antworten finden konnten. Wie viele andere Völker der Erde stehen sie an einem Scheidepunkt in der Geschichte: Die Ältesten von ihnen sind noch als Jäger und Sammler durch die Kalahari gestreift, haben relativ frei gelebt, trotz der zunehmenden Unterdrückung von außen. Ihre Erinnerungen an das alte Leben sind so nah, können noch erzählt werden, vieles von dem alten, zig Jahrtausende lang immer mündlich überlieferten Wissen ist noch da.

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An vielen Orten weltweit können wir sehen, wie innerhalb nur einer Generation dieses Wissen vollständig verloren geht, weil es dem Druck der Kirche und der oft durch missionarisches Gedankengut gefärbten Bildungssysteme, der Politik, der globalen Wirtschaftsmächte, des Fortschrittsstrebens und der bis in den entlegensten Winkel der Erde präsenten Verlockungen des Konsums nicht standhalten kann.

Ich schaue in die Augen der Kinder, die übereinander gestapelt in Werner’s Busch-Bus sitzen und kichern und scherzen, und wünsche es mir so sehr, dass auch sie ein Leben mit der Natur, für die Natur und für die Menschen leben und an ihre Kinder und Kindeskinder weitergeben können. Ich denke daran, wie meine Elterngeneration, die zum Ende des Krieges Geborenen, die auf dem Land aufwuchsen, noch so viel wussten, über die natürliche Welt, so viel mitbekamen. Wie der Schatz an mündlich überlieferten Erfahrungen in der Natur immer schmäler wurde, von Generation zu Generation, und wir heute massenweise Kinder um uns haben, die einen Großteil ihrer Kindheit an Videospiele und soziale Medien verlieren.

Ich glaube, dass wir ein Wissen über die Natur, das aus authentischer, gelebter Verbindung zur Landschaft erwächst, heute dringender denn je brauchen, vor allem wenn es auf eine Weise genutzt wird, durch die gesunde und förderliche Synergien zwischen dem Alten und dem Modernen entstehen.

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Auch ich hier in Europa sehne mich nach einem Leben in inniger Verbindung zur Landschaft und zur Erde, aus der eine Fürsorge für das Land erwächst, so dass meine Entscheidungen und mein Handeln Vielfalt und Fülle erschafft, für alle Wesen.

Ich weiß auch nach dieser zweiten Reise nicht sicher, wie wir die Ju’hoansi in Namibia am besten unterstützen können. Was ich von dieser zweiten Reise mitnehme ist jedenfalls ein kraftvoller Wunsch, im lebendigen persönlichen Austausch zu bleiben, und so nach und nach gemeinsam herauszufinden, was wir von ihnen lernen können und wie und womit wir ihnen hilfreich sein können uns wie wir ein Stück weit gemeinsam mit ihnen bewahren können, was wir alle für die Zukunft unseres Planeten gut gebrauchen können.

Deshalb fliegen wir wieder hin – die nächste Reise findet vom 22. Januar bis 19. Februar 2020 statt.

Eindrücke von unserer ersten Reise zu den Ju’hoansi im Spätherbst 2017 findest du hier… 

Hier kannst du mehr über das Little Hunters Village und die anderen Lebendigen Museen in Namibia erfahren, die für Touristen geöffnet sind…

 


Zu Besuch bei den Buschleuten der Kalahari

27021438_1287327271402763_8709853789728793126_oIm November 2017 war ich für 3,5 Wochen in Namibia, zusammen mit Judith Wilhelm und Myriam Kentrup von der Wildnisschule Wildeshausen, Paul Wernicke von der Wildnisschule Hoher Fläming, Tim Taeger von Jagwina und einigen anderen Menschen aus sechs weiteren Ländern, begleitet von Caspar Brown von der Wandering Wild School, Lynx Vilden, und Werner Pfeifer von der Living Culture Foundation.

Die Fotos lassen sich durch Anklicken vergrößern.

„Unser Leben früher war wunderbar, doch wir können und wollen die Vergangenheit nicht zurückholen. Einiges aus der modernen Welt gefällt uns, und wir möchten dies zu einem Teil in unserem Leben machen. Aber wir wollen dabei auch unsere eigene Kultur bewahren und lebendig erhalten.“

Frauen der Ju/hoansi, der „ersten Menschen“, im Little Hunters Village

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Bis in die 80er Jahre sind die Menschen des „Little Hunters Village“ noch nomadisch als Jäger und Sammler durch die Kalahari gezogen. Heute leben sie in einem Dorf aus kleinen Zelten und Hütten neben einer solarbetriebenen Wasserpumpe in der Nähe von Tsumkwe, Namibia. Sie sind die einzige Gruppe von Buschleuten in Namibia, die noch jagen dürfen. Zu verdanken ist dies vor allem der Vision und Tatkraft von Werner Pfeifer und der von ihm begründeten Living Culture Foundation.

IMG_1464Die deutsch-namibianische Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, traditionelle Gemeinschaften darin zu unterstützen, „Lebendige Museen“ zu gründen, in denen die Dorfgemeinschaft vollkommen selbstverwaltet ihren Lebensunterhalt damit verdienen kann, Touristen einen Einblick in ihre Kultur und in die Lebensweise ihrer Vorfahren zu geben. Damit wird dem in Afrika wie auch dem Rest der Welt so erstickenden Trend entgegengewirkt, dass gerade die Jüngeren Menschen angesichts des umfassenden Raubbaus an den Lebensgrundlagen ihres Volkes und der äußeren Zwänge, die ehemals nomadisch lebenden Kulturen auferlegt sind, und der damit verbundenenen Aussichtslosigkeit ihrer Lebenssituation, umso mehr alles Traditionelle mit Verachtung fortwerfen, in die Städte abwandern und sich in ein entwurzeltes Dasein stürzen. Statt wegzuziehen und schlecht bezahlte Jobs anzunehmen oder von Regierungsmitteln abhängig zu sein, und in Slums ärmlich dahin zu vegetieren, können die Menschen in den Lebendigen Museen jeden Tag erfahren, wie wertvoll das hoch entwickelte traditionelle Wissen ihrer eigenen Kultur auch heute noch ist. Viele junge Leute im Little Hunters Village wollen gern vor Ort im Kreis der gesunden und blühenden Gemeinschaft bleiben und selbst noch bessere Fährtenleser, Jäger, Kräuterkundige und MeisterInnen ihres Handwerks werden.

IMG_1490Das Little Hunters Village ist dabei keineswegs ein entlegener Ort, auf den noch nie ein westlicher Mensch vorher einen Fuß gesetzt hat. Die Menschen im Dorf haben Mobiltelefone, sie führen gemeinsam ein erfolgreiches Unternehmen, mit dem sie ein vergleichsweise gutes Einkommen erwirtschaften, einige von ihnen waren schon mehrere Male in Europa beispielsweise bei Spurenleser-Konferenzen und sie werden in ihrem Alltag von Touristen besucht, denen sie ihre traditionelle Lebensweise vorführen und erlebbar machen.

DSC_2395Und doch scheinen sie im Vergleich zu vielen anderen traditionellen Gemeinschaften in Afrika nicht mehr Opfer der sich ausbreitenden Zivilisation zu sein, sondern einen Weg gefunden zu haben, die Veränderungen so zu navigieren, dass sie trotz aller Verluste gesund und glücklich leben können und die Gemeinschaft innerhalb ihres Dorfes erhalten bleibt.

Mit großer Klarheit und Bewusstheit sprechen die Ju/hoansi hier über ihre Kultur, die sie bewahren und lebendig halten wollen. Auf unsere Frage danach, was sie als Herz ihrer Kultur ansehen, welches die Elemente sind, die sie weiterhin lebendig erhalten wollen, sind sie sich schnell einig: “Das Jagen und das Sammeln, die Heilungstänze und die Art und Weise wie wir unsere Kinder ins Leben begleiten.”

Traditionelles Handwerk

IMG_1369Schon vor 2000 Jahren haben die Buschleute begonnen, selber Eisen zu verhütten, das an vielen Orten der Kalahari auch an der Erdoberfläche zu finden ist. Seitdem stellen sie Pfeilspitzen, Messer und ein von den Bantu übernommenes Allzweckwerkzeug her, das Chop-Chop. Die Schmiedearbeit braucht heutzutage nur ein ganz normales kleines Feuer, einen im Sand mehr oder weniger festen Amboss (beispielsweise aus einem Stück Eisenbahnschiene), einen dicken kurzen Hammer und als Rohstoffe rostige Nägel, Bolzen oder Stücke von den Metallverstrebungen für Betonkonstruktionen.

IMG_1368 KopieDie traditionelle Kleidung ist aus gegerbtem Leder. Dabei wird die Tierhaut am Boden aufgespannt, dann trocken von beiden Seiten geschabt und mit einer zu Brei gehauenen dicken Zwiebel eingestrichen. Nach etwa zwei Stunden Einwirkzeit kann sie nun beim Trocknen weich gezogen werden.

Grabstöcke sind wichtige Alltagswerkzeuge, deren gegabelte Enden dabei helfen, sich einen Weg durch dorniges Gestrüpp zu bahnen, und deren schwertartig zugespitzte und über dem Feuer gehärtete Enden ermöglichen, auch Wurzeln und Knollen auszugraben, die einen halben Meter oder noch tiefer im Boden versteckt sind.

IMG_1321Viele der alten Fertigkeiten sind erst in den letzten Jahren wiederbelebt worden, seit es das Living Museum ermöglicht, damit einen Lebensunterhalt zu verdienen. Während unserer Reise nutzen die Ju/hoansi die seltene Gelegenheit, zusammen mit Besuchern so viele Tage Zeit für die einzelnen Arbeiten zu haben, um auch voneinander mehr zu lernen und sich im Schmieden, Gerben und Holzwerkzeuge herstellen zu üben. Einige jüngere Leute probieren dabei einige der Techniken zum allerersten Mal aus.

Fährtenlesen und Jagen

IMG_1482Gemeinsam mit einigen Jägern und „Meister-Trackern“ gehen wir immer wieder auf Spurensuche. Meistens führen sie uns mit Fragen dahin, zu entschlüsseln, was passiert sein könnte, wer hier lang gelaufen ist, in welcher Richtung, wann und in welcher Stimmung? Einmal entdecke ich einen unscheinbaren feuchten Fleck im Sand, etwa sieben Zentimeter lang, inmitten von einer Vielzahl von Paarhufer-Trittsiegeln. Mit einem kurzen Blick darauf erkennt !Oma, wie hier ein Gnu-Weibchen gelagert und wie sie ihr Kalb geboren hat, in der Nacht zuvor. Mit Händen und Füßen beschreibt er die Geschehnisse, die er anhand der Spuren ganz klar vor seinem inneren Auge sehen kann.

Nahrung sammeln

IMG_1414 KopieDie Kalahari besteht vor allem aus trockener Savanne mit sandigen Böden, die kaum Wasser an der Erdoberfläche zu halten vermögen. Die unwirtliche Landschaft blieb lange Zeit verschont von der Zivilisation, weil sie für Viehhirten und Ackerbauern nicht besiedelbar war. So konnten die Buschleute, die in der Lage waren, das in der Landschaft in Knollen, Wurzeln oder Baumstämmen versteckte Wasser zu nutzen, hier viele Jahrhunderte trotz der Kolonialisierung relativ geschützt überleben.

DSC_2106Die Wasserwurzel beispielsweise ist saftig und süß, wie ein Obst, das unter der Erde wächst. Zu Beginn der Regenzeit, wo mit dem Wasser auch das Leben in die Landschaft zurückkehrt, finden wir bei unseren Sammel-Ausflügen voller Lachen und Gesang gemeinsam mit den Frauen und Kindern des Dorfes zudem harte süße Beeren, säuerliche rote pflaumenartige Früchte, viele essbare Kräuter, stachlige Gurken, allerlei Pflanzen mit Heilwirkungen und Wurzelknollen zur Herstellung eines roten Farbstoffes.

Heute, im Zeitalter solarbetriebener Wasserpumpen, ist die Heimat der Buschleute stark dezimiert und ein nomadisches Umherziehen ist nicht mehr möglich. Viel zu viele Flächen der Kalahari sind als Rinder- oder Wildtier-Weiden umzäunt, oder werden als Schutzgebiete für die Großwild-Jagdabenteuer von Trophäen-Jägern aus dem Ausland genutzt, die zig tausende von Euros für einen Elefanten oder eine Raubkatze bezahlen.

IMG_1409Die Jagd auf die Elefanten hat die einstmals friedlichen Riesen in gefährliche Tiere verwandelt. Meist werden die Ältesten einer Herde geschossen, weil sie die größten Stoßzähne haben, und zurück bleiben verunsicherte Gruppen halbwüchsiger Elefanten, die gereizt und aggressiv auf die Nähe von Menschen reagieren.

Friedvolles Miteinander

IMG_1256Einfach zusammen sein, die Frauen neben den Frauen, die Männer neben den Männern, dazwischen die Kinder wo auch immer sie wollen, über Gesten und Blicke die Verbindung haltend, aufmerksam wahrnehmend, was rundum vor sich geht und dabei gelegentlich Scherze machen und in Gelächter gleiten, oder spontan zum Singen, Tanzen oder Spielen aufspringen…. so habe ich die Ju/hoansi vor allem erlebt. Der Umgang miteinander wirkt auf mich sanft, entspannt und gelassen und vor allem humorvoll. Wenn jemand von uns an die Gruppe eine Frage stellt, reden auf einmal lauthals alle durcheinander, unterbrochen von Gelächter. Der Dolmetscher hört zu und verkündet irgendwann: „Wir sehen das soundso…“, und dazu nicken alle feste, sind sich einig.

IMG_1459 2Das „wir“ ist allgegenwärtig. In einem Morgenkreis ist klar: Manche von uns Besuchern schaffen es kaum, ihre Handwerksarbeiten rechtzeitig zu beenden. Als ich völlig ermattet von der Aussicht auf mehr anstrengendes Schmieden zu unserem Feuer zurückkomme, resigniert neben Damh dem Meisterschmied zu Boden sinke, weil auch meine Chop-Chop-Klinge einfach nicht breiter werden will, egal wie viel ich mit Armen wie Pudding auf ihr rumhämmere, schaut er mich entschlossen an und sagt: „WIR werden alle Werkzeuge rechtzeitig fertig stellen, weil WIR nämlich stark sind.

IMG_1501Entscheidungen werden von allen im Dorf gemeinsam getroffen. Niemand wird ausgegrenzt oder zu irgendetwas gezwungen. Wenn die jungen Mädchen kein Menarche-Ritual mehr machen wollen, weil sie lieber modern sein möchten, dann sorgt das für viel Besorgnis und Gespräche darüber – Zwang gibt es jedoch nicht.

Wenn Mann und Frau sich nicht einig darüber sind, in welchem Dorf sie leben wollen? „DANN brauchen sie es, miteinander zu reden!“ Und auch Schwestern, Brüder, Tanten, Onkel und vor allem die Ältesten reden in so einem Fall mit, unterstützen, vermitteln, helfen, eine gemeinsame Lösung zu finden.

Mit den Kindern

IMG_1377Morgens beim Spazierengehen treffe ich Kinder, immer in kleinen Grüppchen. Sie lachen, wenn ich ihnen Spuren zeige und ratlos die Hände in die Luft strecke. Dann erklären sie mir alles geduldig in Ju/hoansi Sprache und finden es noch lustiger, wenn ich probiere ihre Klick-Worte nachzusprechen. Alle Pflanzen scheinen die 6-8jährigen schon sicher zu kennen, und die Spuren jedes Säugetiers. Die etwas älteren Jungen jagen oft schon selber Eidechsen oder Wachteln mit einer Steinschleuder.

Im Lager spielen die Kinder oft miteinander Kreisspiele und beweisen unglaubliche Geschicklichkeit mit Kürbis-Kugeln, und schnelle Reaktionskraft. Sie lieben es, wenn wir Besucher ihnen Lieder, Tänze oder Spiele beibringen, merken sich alles sofort und probieren es uns immer wieder zu entlocken, indem sie die Melodien selber anstimmen und uns zum Mitmachen auffordern.

27023380_1287305274738296_6449909772532425954_oEine Künstlerin aus New York hat eine Löwenmaske mitgebracht, die immer wieder von einem Kinderkopf zum andern wandert und vor Vergnügen quietschende Antilopen jagt. Werner hat viele Pfeile und Bögen dabei, mit denen vor allem die Jungen stundenlang auf einen Springbock aus Stroh schießen.

Viele ältere Mädchen kümmern sich liebevoll um kleinere Kinder, tragen sie herum und versorgen sie. Obwohl jedes Mädchen („natürlich“ sagen sie!) die Freiheit hätte, auch das Jagen zu erlernen, sei das einfach so noch nicht vorgekommen. Die Frauen reagieren mit Staunen und Begeisterung, als Lynx Vilden erzählt, dass sie früher lieber ein Junge sein wollte und selbst zuhause Jägerin ist, und /Noshae erzählt darauf lachend, dass auch sie als Kind ein sehr wildes Mädchen war.

IMG_1508Kampfspiele werden überhaupt nicht gespielt. Wenn die Erwachsenen die Kinder beim Kämpfen erleben, werden sie sofort daran erinnert, nicht zu streiten, nicht zu kämpfen, weil dies wichtig dafür sei, den Frieden für alle in der Gemeinschaft zu wahren.

Die kleinen Kinder werden in Tüchern herumgetragen und klettern und kuscheln unermüdlich vor allem mit den Frauen und Mädchen, aber auch mit den Männern. Weinen wird als ganz natürlich angesehen und die Erwachsenen begegnen Tränen und Geschrei mit sanftem, unaufdringlichem Trösten.

Lernen durch Beobachtung

Lernen durch Beobachtung

Gelehrt wird vor allem durchs Vormachen. Einmal hilft mir Dahm der Älteste beim Aufspannen meines Impala-Fells, während zwei etwa sechsjährige Jungs mit wachsendem Interesse zuschauen. Kurz vorm Abschluss fragt er sie kurz etwas, erklärt dann noch zwei Sätze, und geht einfach ganz woanders hin, lässt sie die Arbeit komplett alleine zuende bringen. Es brauchte eine Weile, bis sie die Technik so richtig raus haben, dabei beratschlagen sie miteinander, sind vorsichtig mit dem Holz”hammer”, der auch schon mal auf dem Daumen landet, und probieren behutsam so lange herum, bis alles gut klappt.

Die Frauen der Ju/hoansi erzählen uns, dass die Kinder das Wichtigste schon lernen müssen, bevor sie in die Schule gehen, damit sie die alten Weisen weiterführen und praktizieren. Würden sie zulange warten, führe das dazu, dass die Kinder „nur noch spielen wollen“, wenn sie nachmittags nach Hause kommen. Schafften sie es aber, die Kinder schon vor der Schule gut auf den Weg zu bringen, gelänge es auch, dass die Kinder das moderne Leben und die eigene Kultur miteinander integrieren können.

Spielen

26840855_1287556744713149_4715343524628780931_oVor allem die Frauen und die Kinder lieben es, mit uns zu spielen, ab und zu auch die Männer. Kreisspiele mit komplizierten Regeln, wo es um Geschicklichkeit und Humor geht, sind besonders beliebt. Oft spielen die Erwachsenen unter sich, die Kinder dürfen es ihnen dann später nachmachen. Bei einem Spiel verhakelt man im Kreis ein Bein mit dem Bein eines Nachbarn und so hüpfen alle herum, bis sie umpurzeln. Ein anderes Spiel singt vom Großvater der mit Fleisch nach Hause kommt und es nicht mit den Kindern und Frauen teilen will. Er probiert, sich aus dem Kreis zu verdrücken, wird aber von den schnell an allen Seiten heruntergezogenen Armen aufgehalten – bis er doch den Ausbruch schafft.

Mann und Frau

IMG_1451Die Ju/hoansi heiraten früh und führen in der Regel Ehen mit nur einem Partner. Die meisten Kinder werden erst geboren, wenn die Frauen so um die 20 Jahre alt sind. Kleinfamilien teilen sich eine Hütte oder ein Zelt. Tagsüber und an den Abenden sitzen meistens die Frauen zusammen und die Männer zusammen, oft räumlich nah beieinander. Körperliche Intimität zwischen Partnern wird nicht öffentlich gezeigt, auch Umarmungen oder Küssen kann man nicht beobachten. Viele Paare haben fünf bis sechs Kinder, für die beide Eltern verantwortlich bleiben und sorgen müssen, auch wenn sich ein Paar trennen sollte.

Heilungs-Tanz

Im Dorf der Ju/hoansi wird der traditionelle Heilungstanz getanzt. Dabei nutzt der Heiler die göttliche Energie, das /nom, das im Körper unter Schütteln, Schwitzen und Tönen erweckt wird und dann über Berührung weitergegeben wird, um als Medizin zu wirken. Während des Tanzes können die Heiler in Visionen wichtige Botschaften für die Gemeinschaft und für einzelne Leute erhalten.

IMG_1798Der Tanz kann nur gemeinsam durchgeführt werden und das Singen und Klatschen der Dörfler, vor allem der Frauen, ist genauso wichtig wie die Rolle der Heiler selbst. Während die Klicksprachen der einzelnen Buschleute-Völker im südlichen Afrika trotz ihrer gemeinsamen Wurzeln sehr unterschiedlich sind, so dass die Menschen Dolmetscher bräuchten, um sich zu unterhalten, sind viele Lieder und Tänze sich immer noch erstaunlich ähnlich. So kann davon ausgegangen werden, dass sie wirklich seit einer unglaublich langen Zeit fast unverändert von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

Die Natur

IMG_1462Es ist schwer zu beschreiben, wie aufregend es ist, in der offenen und verlockenden Landschaft der Savanne unterwegs zu sein, wo die Neugier, was hinter dem nächsten Baum oder Busch warten könnte, uns immer weiter und weiter lockt. Wie es sich anfühlt, eine frische Leopardenspur zu erahnen oder ungläubig auf die rehförmigen, aber gewaltig großen Trittsiegel einer Giraffe zu starren. Wie das Herz kurz aussetzt, wenn wir eine der tötlichsten Schlangen, die schwarze Mamba, noch gerade wegzischen sehen oder beim Morgenspaziergang das löwengebrüllartige Posaunen eines Elefanten hören. Wie es ist, von panischen Schreien im Nebenzelt aufgeschreckt zu werden, wo eine riesige giftige Spinne gerade zum Sprung ins Gesicht angesetzt hat, oder zu spüren, wie der Mund einfach offen stehen bleibt, nachdem eine Herde Berberaffen vorbei gerannt ist – als könnten sie alle miteinander nur der Fantasie entsprungen sein.

DSC_0525In der Kalahari ist alles voller Dornen, viele Singvögel sind bunt und prachtvoll, es ist gefährlich, nachts ohne Taschenlampe spazieren zu gehen, und wie genau die Erdlöcher der Skorpione aussehen ist eine wichtige Information gleich beim Ankommen.

Der feine Sand ist innerhalb von wenigen Tagen überall, überall, und wird in der Sonne mittags so heiß, dass dünne Gummisohlen kaum ausreichen, sich nicht die Füße zu verbrennen und die Solargeneratoren vorm Wegschmelzen geschützt werden müssen. Dann ist es wunderbar, einfach nur in der Hängematte zu liegen und die Hitze zu genießen.

IMG_1345Am meisten berührt hat mich ein uralter Baobab-Baum mit vielen meterdicken Stämmen, die teils aufrecht wachsen und teils wie ein gewaltige Lindwurm-Leib über die Erde kriechen. Vielleicht ist dieses wunderbare Baumwesen das Herz des Universums – so hat es sich zumindest angefühlt als wir im kupfernen Licht des Sonnenuntergang zu ihm gelangten, umkränzt von einem doppelten Regenbogen, wie ein Willkommens-Gruß um noch viel tiefer zu landen in dieser wunderschönen Landschaft, und uns auf ihre Geheimnisse einzulassen, hier in dem Land, wo unser aller Ahnen vor unfassbar langer Zeit zu Menschen geworden sind.

Für die Bilder geht Dank an Werner Pfeifer, Judith Wilhelm, Myriam Kentrup, Paul Wernicke, Tim Taeger, Caspar Brown, David Willis, Ajax Axe und Nicola Mosley.